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Der Israelit · 1869-06-09 · Heft 23 (9.6.1869) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 23 (9.6.1869)
Date
1869-06-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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442 Hildesheimer Vorbehalten zu sein; er wird, er muß kommen, nur er ist dafür der rechte Mann. Denn forschen wir nach dem wahren Grunde deS eben Gesagten, so tragen daran in erster Reihe die Männer die Schuld, die zu Lehrern der Gemeinde bestellt sind, für religiös gelten und deren Be spiel darum Nachahmung findet. Hiervon nur ein Exempet. Wem Dr. Aub nicht fromm genug ist, der läßt sich von Dr. Apolandt trauen, und einem dahingcschiedenen Gesetzestreuen glauben die Hinterbliebenen einen Dienst zu erweisen, wenn Dr. A. ihm die letzten Worte in's Grab nachsendet. Wenn aber ein reicher Mann (der sich allerdings um die Gemeindeinteressen Verdienst erworben hat) am ersten Tage myop beerdigt wird, so kümmert sich Herr A. nicht sehr um das Verbot, am v"' eine Leichenrede zu hallen; eö ist zwar verboten, heute tsdd zu sein, sagt er, ich thue eö aber doch. *) Der Vorstand der alten Synagoge, der Aub's Predigten stets ganz geduldig anhört, sagte nun zu Dr. A, wir sind zwar sonst gewohnt, Dich am v"' predigen zu lassen, dieses Mal verbieten wir'S aber doch, so erzählt man sich wenigstens. Solche Dinge erinnern an den Ausspruch der Mischnah nnn »aa welche Stelle Rabbi Nathan Wolf in Preßburg so erklärt: Wenn die Frommen es aufrichtig meinen, so sckaum sie weder nach rechts noch links, noch zurück, sie schauen immer vorwärts und gehen unbeirrt den vorgezeichneten Weg. Wessen Frömmigkeit aber keine lautere und edle ist, der geht zwar voran aus der Bahn, sieht aber alle Augenblicke, wie der Hund nach feinem Herrn, so jetzt nach diesem und dann nach jenem reichen oder hochgestellten Gemeindemitgliede um, ob eS einverstanden ist, ob es nachkömmt. In zweiter Linie tragen daran die Gemeindemitglieder Schuld, die als Führer der Orthodoxie gelten «nd als solche oft noch mehr Einfluß übm als die Gelehrten und Rabbinen. Davon auch wenigstens 1 Beispiel. Wie schon in einem früheren Artikel mitgetheilt, hatte der Fleischhänbler Brall (Klosterstr. 14) trotz mehrfacher Aufforderung der Abgesandten Aub's sich entschieden geweigert, seinen oni» unter einen solchen Rabbiner zu stellen. Nun setzte die aus Orthodoxen bestehende Scharren-Commission alle Mittel in Bewegung, Herrn Brall von seinem Entschlüsse abzubringen, und befragt, wie sie als Anhänger des historischen Judenthums einen Mann zu solcher Characterlosigkeil verleiten möchten, erklärten sie — unglaublich aber wahr —: darum, weil nun alle Fleischhandlungen sich beklagen, daß so viele Fromme deßhalb zu Brall übergehen, jenem also sein Widerstand Nutzen, ihnen ihre „Loyalität" Schaden bringe. Brall *) Anm. der Red.: Das hat Herr Dr. Aub schon vielfach in Mainz »ethan und wurde ihm darob sogar einmal eine Rüge im „Mainzer Anzeiger" zu Theil. ließ sich jedoch nicht einschüchtern, wies ebenso eine Aufforderung des GemeindevorftandeS, dessen Hilfe die Sckarren-Commission angerufeu batte, zurück, und hat freilich den Nachrbeil, daß er Ms der Liste der vom Ralbinate beaufsichtigten Fleischhandlungen gestrichen ward, keine Abgaben mehr entrichten darf und wöchentlich einige Ochsen mehr für die gesteigerte Zahl seiner Kunden schlachten muß.*) Von derartigen unerklärlichen Handlungsweisen der hiesigen Orthodoxen könnten wir noch manche verzeichnen, p. e. wie man jetzt eben von gewisser Seite nicht gerade mit den lautersten Mitteln gegen Dr. Hildesheimer zu agitiren sucht; doch es sei für d'eseS Mal genug. Bald, s. G. w., wird überhaupt ein gewaltiger Umschlag eintreten —rr.- durch die Uebeisiedelung des Herrn Dr. Hildesheimer. Vom Beth- Hamidrasch als Dirigent gewählt, in einem mit mehreren Hunderten von Unterschriften bedeckten Dokumente von den hervorragendsten Männern als Rabbiner anerkannt, zum Gründer und Leiter eines orthodoxen Rabbinerseminars, für daS bis jetzt in wenigen Tagen über 1500 Thlr. jährliche Beiträge vorläufig auf 3 Jahre gezeichnet sind, attsersehen, wird Dr. H. sogleich hier einen Wirkungskreis finden, der den Anforderungen entspricht, die das Judenthum an einen solchen Mann stellen kann. Wir wiederholen, er wird, er muß kommen. Wir knüpfen daran die weitgehendsten Hoffnungen. Berlin wird wieder eine echt jüdische Gemeinde bilden, die nicht nur 0,000 jüdische Seelen, sondern ebenso viele jüdische Herzen zählen wird, utvb der Einfluß dieser bedeutenden Gemeinde, sowie der Einfluß des Seminars wird für Deutschland, für Europa von den heilsamsten Folgen sein. II. Berlin, den 22. Siwan. Schon vor Dr. Sternheim'ö „Warnung" pflegten einige orthodoxe Besucher der alten Synagoge, so oft Aub in derselben anwesend war, vor der Predigt heranSzugebcn. Am vergangenen verließ trotz der Anwesenhüt Aub'S Niemand die,Synagoge während der Predigt, im Gegentheil, kern Psktzchxrl »ar unbesetzt und Männer waren bemerklich, die in jener Synagoge eine seltene Erscheinung sind. Die''e Anziehungskraft üble die Probepredigt deö Herrn Dr. Beck. Wer ist Dr. B.? fragt wohl der Leser. Wir frugen es auch, und eö frug's Jedermann. Der Vorstand, der allein hätte Auskunft geben können, denn er oder mindestens der Secretär (!) mußte den Herrn doch vorher *) Anm der Red.: Auch in Mainz hat Herr Dr.Aub und zwar aus denselben Gründen und mit demselben Erfolge die frommen Metzger in Chcrem gcthan.

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