Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 53 (30.12.1868)
- Date
- 1868-12-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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982 folgte hierauf die Wahl der Iungschriftführer, worauf der Alterspräsident die Deputirteu, nach vorausangefertigter Liste zur Abgabe ihrer Wahlprotokolle aufforderte, bei welcher Gelegenheit von conservativer Seite besonders die Namen: Dr. Hildesheimer, Jeremias Löw, Abraham Zwebner, Sigmund Kraus, Gustav Taub, Schweiger (Quästor des Hauses), Hr. v. Schooßberger und Leopold Popper von großem Beifalle begleitet wurden. Nach Abgabe der Protokolle wurde zur Eintheilung der Sektionen geschritten, deren es fünf gab und deren erste dis zweite, diese die dritte, diese die vierte, diese wieder die fünfte und diese die erste zu verificiren hatte. Die Sitzung wurde hiermit geschlossen. Erfreulich war es schon an diesem Tage zu bemerken, daß Deputirten von verschiedenen Seiten die freien Minuten im Saale dazu benutzten, sich einander vorzuftellen und dann mit einander zu conversiren. Dienstags war keine öffentliche Sitzung, sondern Sektionsarbeit, wobei vier Sektionen mit ihrer Arbeit schon bis Mittag fertig waren, die fünfte aber auch Nachmittags ihre Arbeit fortsetzen mußte. Und da die Sektionen 125 Protokolle für verificirt erklärten, also weit mehr als die von der Hausordnung als Minimum angenommene Zahl 50, so fand Mittwoch eine öffentliche Sitzung statt, auf deren Tagesordnung Berichterstattung über die Sektionsthätigkeiten und die Constituirung des Hauses war. Zur Beurtheilung des Ergebnisses der Wahlen für das Präsidium ist es unumgänglich nothwendig, die Parteischattirungen des Congresses zu kennen. Derselbe besteht aus fünf bis sechs Schattirungen. 1) Die Chassidim, deren Tendenz ist, den stntus quo strengstens zu erhalten. 2) die nichtchassidische, aber dennoch in Bezug auf die Concessionen an die Forderungen der Zeit der ersten sehr nahe kommende. Jede dieser Parteien dürfte unter den 220 Deputirten etwa fünfzehn Mitglieder zählen. 3) die übrigen aus der linken Seite deS Hauses angehörenden Deputirten stehen auf dem Standpunkte, den der „Israelit" vertritt. Alles in Allem betragen diese drei Schattirungen circa hundert Deputirte. Die letztgenannte Partei kämpft für eine Riesenarbeit, nämlich nicht nur den beiden erst genannten Gerechtigkeit für ihren Standpunkt abzugewinnen, sondern denselben die Ueberzeugung zu verschaffen, daß das von ihr verfolgte Ziel das einzige zur befriedigenden Lösung der in Rede stehenden jüdischen Lebensfragen führende und der einzige Weg zur Beruhigung der Zukunft sei. Daß dies eine unendliche Kraft erfordert, sieht wohl Jeder ein; daß es aber noch möglich sei, ist noch immer die Hoffnung dieser Fraktion. Nun ist es ein offenes Geheimniß im ganzen Congresse, daß diese letztgenannte Partei durchaus da nicht aufhört, wo ihre Tische zu finden sind, daß vielmehr 40— oO aus dem bis jetzt noch gegenüberstehenden Lager mit Leib und Seele derselben angeboren und ganz gleiche Tendenzen im jenseitigen Lager verfolgen. Diese Deputirten schlossen sich dieser dritten Partei ausschließlich nur deshalb nicht an, weil sie die erwähnte Fusion für unmöglich hielten und sich ihren Wählern und der öffentlichen Meinung gegenüber zu kompromittiren glaubten, wenn sie dem Club beigetreten wären, der alle Schattirungen der Orthodoxie umfaßt. Da sie es nun für nothwendig hielten, einem Club anzugehören, so schlossen sie sich dem sog. Fortschritts-Club an und ordneten sich, wie dies auch nur anzuerkennen ist, der nothwendigen Parteidisciplin unter. Welche Stellung die übrigen Deputirten dieses Clubs einnehmen, ist mir noch nicht genau bekannt. Ganz sicherem Vernehmen nach soll aber überhaupt nur ein Fünftel jenes Lagers über den ganz gemäßigten und zu wünschenden Fortschritt hinausgehen. Nur auf Grund dieser Voraussetzungen kann die Konstituirung des Hauses beurtheilt werden. Der konservativen Partei entging es durchaus nicht, daß Herr Dr. Hirschler eine für das Präsidium höchstgeeignete Person sei und war auch von aller Achtung und Anerkennung des ehrenhaften Charakters desselben erfüllt. Jndeß mußte dieselbe selbstverständlich ins Auge fassen, daß Hr.vr. H. in ganz Ungarn als der moralische Urheber aller Agitationen und in Druckschriften verbreiteter Insinuationen gegen die Orthodoxen gilt, wv'chei es dahin gestellt bleiben soll, ob mit Recht oder Unrecht. Den oben erwähnten40—56 Deputirten galt dieses Motiv nicht gravirend genug, dieser zum Präsidium allerdings sehr geeigneten Persönlichkeit ihre Stimme zu versagen, und so wurde mit einem Stimmenverhältnisse von 96 gegen 115 Herr vr. Hirschler zum Präsidenten gewählt. Diese 96 fielen auf Herrn Leopold Popper, welcher dann einstimmig zum Viceprasidenten erwählt wurde, und endlich wurde Hr. Wahrmann mit 106 Stimmen zum zweiten Viceprasidenten gewählt, wobei 88 Stimmen für Hr. Pappenheim, 6 Stimmen für Hr. Krauß Sigmund fielen. Es ist hierbei übrigens zu bemerken, daß noch 14 Deputirte fehlen, welche die conservative Partei noch verstärken können. Schon mit der Wahl des zweiten Vicepräsidenten beging die sog. Majorität einen sehr großen Fehler, den sie auch noch weiter verfolgte (wie wir weiter sehen werden). Ist es nämlich wahr, daß sie an Haupt und Gliedern, wie sie dieß innerhalb und außerhalb des Hauses so ostensibel verkündet, den Frieden, die Versöhnung und Verständigung um jeden Preis will, so hätte sie der scheinbaren Minorität das Zugeständniß des zweiten Vicepräsidenten machen sollen; sie hat aber nicht nur dieses nicht gethan, sondern, was ich der Kürze halber hier gleich zusammenfasse, auch