Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1868-12-23 · Heft 52 (23.12.1868) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 52 (23.12.1868)
Date
1868-12-23
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447343-2447393--06761-2462332
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

980 konnte sie auch anders sein? Sollte die Ursprache mehr für den fernblickenden Geist, als für die in der Nähe wirkenden Sinne geschaffen sein? War die Kindheit de- Menschengeschlechts für phliosophische Begriffe eben so fähig, wie für die ihnen von Außen zuströmenden Sinneseindrücke, daß ihre Sprache alle Bezeichnungen und Begriffe bald ausgeprägt haben sollte, die später erst die nach und nach sich entwickelnde Vernunft mit den aufgestellten Philosophemen schaffen konnte? Diese ihre Vorliebe zur sinnlichen Bezeichnung drückt ihr aber zugleich auch 4) den Character der Lebendigkeit auf. Diese ihr eigenthümliche Lebendigkeit liegt zunächst in den Verbis, deren sie eine große Menge und im Verhältniß zu den übrigen partes orationis eine weit überwiegende Anzahl hat. Zudem sind ihre Verba voller Empfindung, angefüllt von sinnlichem Stoff und reich an Bildern, dem eigentlichen Quellwasser poetischer Strömung. „Die Sprache ist mit voller Brust (sagt H.) mit noch unauSgebrauchten starken Organen, aber unter einem reinen und lichten Himmel, mit scharfem Blick, immer gleichsam die Sache selbst erfassend und fast nie ohne Spur der Leidenschaft gebildet worden .... Wenn die Lippen sich öffneten, ward es gewiß lebendiger Laut, Bild der Sache im Athem der Empfindung: und das ist, dünkt mich, der Geist der hebräischen Sprache. Sie ist von Athem der Seele, sie tönt nicht wie die griechische, aber sie haucht, sie lebet." In dieser ihrer Lebendigkeit, namentlich der Verben, liegt zugleich auch die Kraft, mittelst derselben die verschiedenartigsten Metaphern und Bilder allen Verhältnissen und Situationen des Lebens anzupassen, so daß jedes Zeitwort wie eine ewiggrünende Pflanze zu betrachten ist, die immer von Neuem farbenreiche Knospen und Blüthen hervortreibt. Eine Fülle von Beispielen hierüber liefert Maimonides O’zidj miö (Th. I.), der die verschiedenartigsten Bedeutungen eines jeden, in der heil. Schrift auf Gott anthropomorphistisch angewandten Zeitwortes gesammelt und zusammengestellt hat, um zu zeigen, wie diese, obgleich ursprünglich nicht anders als rein sinnlich, dennoch in Betreff der Bezeichnung des vermöge der Sinne unfaßbaren Gottes, von dem schlechterdings jede Körperlichkeit entfernt werden müsse, ohne Verstöße gebraucht werden können. Die heilige Schrift, die den Monotheismus in der reinsten Geistigkeit und Undarstellbarkeit lehrt, würde gewiß sich solcher sinnlicher Ausdrücke von Gott nicht bedient haben, läge in der Sprache nicht die lebendige Kraft, sich, wenn es nöthig ist, von der niedrigsten Sinnlichkeit zur höchsten Geistigkeit zu erheben, welches gerade ihre Lebendigkeit bekundet. „Ihre Sprache athmet Simplicität und Würde, wo sie erzählen, Anstand und Nachdruck, wo der Gesetzgeber befiehlt, und Kühnheit und Feuer, wo der Dichter spricht, sagt Eichhorn (Einl. in A. T. II. Th. D. 217). Aus diesen Verbis, gleichsam den Grundsäulen der Sprache, ging der größte Theil ihrer Substantiva und Partikeln hervor, die sogar in ihrer Ableitung gewissermaßen als Derba noch erscheinen. Die Nomina, noch Halbverba, sind oft bandelnde Wesen und erscheinen in einer ewigen Personendichtung (?). Endlich macht auch der Mangel an Adjectiven diese Sprache lebendig. Dieser Redetheil ist zwar in ihr nicht minder wie jeder andere vertreten. Aber im Verhältniß zu andern Sprachen besitzt sie nur wenig Eigenschaftswörter und namentlich gebraucht sie diese weniger in der Poesie als in der Prosa. Denn in jener werden sie durch Zusammensetzung zweier Nennwörter und zwar derart ersetzt, daß das eigentliche Lnbstantivuna regeve in ein Genitivverhältniß zu dem, das Eigenschaftswort darstellenden Namen zu stehen kommt. Durch eine derartige Verknüpfung treten beide Hauptwörter in eine viel nähere Beziehung zu einander, als das bloße Eigenschaftswort mit dem Hauptworte gewöhnlich verbunden zu werden pflegt. Das das Eigenschaftswort vertretende Substantivum bietet aber auch dem Nomen eine Frische und Lebendigkeit dar und erscheint so, als wenn dieses zu jenem sich binneigen würde, wie ein Sohn sein Haupt seinem Vater hinhält, daß dieser seine Hände segnend auf ihn lege, damit sein Geist auf ihm ruhen könnte. Fasten wir nun diese vier Momente, die dieser Sprache vorzüglich eigrn sind, zusammen, so ergibt sich das Resultat, daß ihr eine überaus große Fähigkeit innewohnt, poetische Werke zu produciren. Vrrantmortliche R^xrction: Dr. Lehman«. — «erlag bet Le «oux'schen Hostuchhandlung. — Dampf-Schaellpreffendrmk von I. «»ttsleden in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.