Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1868)
- Date
- 1868-12-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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952 i „$>ttx,u sprach er laut weinend, „ich kenne Euch -nicht, ich sehe Euch in dieser schrecklichen Stunde zum ersten Male; aber Euer Gewand sagt mir, daß Ihr der Oberrichter jenes schrecklichen Tribunals seid. O,! gnädiger Herr, habt Erbarmen — nicht mit mir, sondern mit meinem Weibe, mit meinem Kinde, mit diesem alten, treuen Diener und dem fremden Manne, der Schutz gesucht unter meinem Obdach. Ich weiß, Ihr könnt uns nicht Alle retten. Eure Pflicht, Euer Amt erheischt ein Opfer. So laßt mich allein dieses Opfer sein; sagt, Ihr hättet nur mich schuldig befunden. O, ich bin reich, Herr! Ich werde Euch meine ganze Habe geben, Silber und Gold und Edelsteine, die tief vergraben sind, und die Ihr nimmer finden wüxdet, wenn ich Sie Euch nicht zeigte. O, habt Erbarmen und überliefert mich allein dem Scheiterhaufen. „„Nicht doch, hochwürdiger Herr, nicht doch,"" rief Donna Maria jetzt, „„verschonet auch meinen Gatten oder laßt mich mit ihm sterben!"" Da trat Perez vor und sprach: „O, gnädigster Herr, wenn denn ein Opfer fallen muß, so laßt es mich sein; ich stehe allein in der Welt, ein armer Flüchtling; ich habe nicht Vater und Mutter, die um mich trauern würden, nicht Gattin, nicht Kind. Gern und freudig werde ich in den Tod gehen für diese edle Familie, die mir so großmüthig Gastfreundschaft gewährt hat!" Und auch Speranza warf sich dem Priester zu Füßen und bat, er möge sie sterben lassen und der Eltern schonen. Der alte Alonzo war keines Wortes mächtig. Stumm drängte er sich vor und deutete auf seine Brust, wie wenn er sagen wollte, auch er sei bereit, sich für die Andern zu opfern. Erwartungsvoll hing jedes Auge an dem Munde des Priesters. Aber, was war das? Hatte Gott ein Wunder gethan? Wie Wetterleuchten brach es hervor im Gesichte des Inquisitors, sein Auge wurde feucht, er kämpfte vergebend gegen die hervorströmenden Thränen. Dann ließ er die Hand herniedersinken, mit welcher er das Bild bisher emporgehalten hatte und rief mit vor Thränen erstickter Stimme: „Brüder, Freunde, ich werde Euch Alle retten!" Die Anwesenden trauten ihren Ohren nicht; der Priester aber sprach: „Ich habe jetzt nicht Zeit, Euch Näheres mitzutheilen; meine Begleiter erwarten mich draußen. Allein, Ihr könnt ruhig schlafen; ich werde das Inquisitionötribunal beruhigen; Ihr seid vollständig in Sicherheit. Morgen nach Sonnenuntergang erwartet mich. Jetzt möge mir Niemand folgen, wenn Ihr wollt, daß es mir möglich sei, Euch zu retten. Lebt wohl!" Er entfernte sich eilig. — Staunen hatte Don Antonio und die Seinen, Staunen barte Perez und Alonzo ergriffen. Was war geschehen? War eS ihnen gelungen, das Herz des Inquisitors zu rühren? Oder täuschte er sie und ließ jetzt Haus und Garten besetzen, um den vergrabenen 'Lchä^en nachzuspüren, deren Vorhandensein Don Antonio voreilig verrathen hatte? Lange blieben die fünf Personen, von Angst gefoltert, noch im Gewölbe, sich in den sonderbarsten Vermuthungen erschöpfend. Schon begann der Tag zu grauen, als sie sich trennten, um sich zur Ruhe zu begeben. Alles war ruhig geblieben. Von der alten jüdischen Dienerin, die während der Nacht im Hanse geblieben war, erfuhr man, daß um Mitternacht an die Hausthür sei geklopft worden. Als sie gefragt, wer Einlaß begehre, habe man ihr im Namen der heiligen Inquisition zu offnen befohlen. Halbtodt vor Schrecken habe sie geöffnet. Der Oberrichter habe dann seinen Leuten befohlen, vor dem Hause zu warten, während er sich in Begleitung eines Schlossers nach dem heimlichen Gewölbe begeben, dessen Lage ihm genau bekannt zu sein schien. Der Schlosser habe mit seinen Instrumenten die Thüre geöffnet; der Oberrichter sei dann allein hineingegangen, um nach wenigen Minuten mit dem Schlosser das Haus zu verlassen; die alte Dienerin habe das Haus wieder verschlossen, habe aber dann vor Schrecken und Angst kein Glied mehr rühren können; kraftlos sei sie auf einen Sessel im HauSgange gesunken und habe hier der Ankunft ihrer Herrschaft gewartet. War daö ein trauriger Festtag im Hause Del Banco'S! Furcht und Hoffnung wechselten von Minute zu Minute; in jedem Augenblicke befürchtete man die Ankunft der heiligen Hermandad. Mutter und Tochter lagen sich in den Armen und weinten; dann suchte Don Antonio sie zu ermuthigen. Im nächsten Augenblicke verlor aber auch Antonio die Hoffnung; dann war eS Perez, der ihn ermunterte. Als der Tag sich zu Ende neigte, befahl Don Antonio für den zweiten Sederabend Alles herzurichten. Sollten sie denn sterben, so wollten sie mitten in der Erfüllung der Gottesgebote ergriffen und zum Tode geschleppt werden. Als es Nacht geworden, verrichteten sie das Abendgebet, setzten sich an den Sedertisch und erwarteten zagend und bangend die Ankunft des Oberrichters der Inquisition. Was konnte diesen bewegen haben, der Uebersührten zu schonen, was konnte ihn veranlassen, dieselben jetzt aufzusuchen? (Schluß folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaktion: I>r. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. — Dampf - Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.