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Der Israelit · 1868-12-02 · Heft 49 (2.12.1868) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 49 (2.12.1868)
Date
1868-12-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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906 wird, was die Besucher derselben verlangen, indem die Kanzel derselben nicht nach Wunsch besetzt ist. Zwar war die von Herrn Dr. Barth vorgelesene Candidatenliste etwas gefärbt, aber der gesunde Geist der Versammlung zeigte sich bald, indem man sämmtliche Candidaten, die dem Fortschritte geneigt schienen, in der MinortLt bei der Abstimmung ließ, und mit großer Majorität nur strengorthodoxe Candidaten theils aus der Liste, theils aus der Versammlung aufstellte. — Möge bei der bevorstehenden Wahl bei der orthodoxen Partei eine gleiche Einigkeit herrschen, damit die Gemeinde solche Männer als Leiter erhalte, denen das Iudenthum warm am Herzen liegt, welche besonders die kranken Stellen des hiesigen jüdischen Gemeindelebens kennen und bestrebt sein werden, ohne Scheu das Banner unserer altehrwürdigen Religion zu entfalten und hochzuhalten. —" * * In diesem Sinne nun hat das aufgestellte Comitö einen Aufruf erlassen und eine Reihe höchst achtbarer Namen als Candidatenliste aufgestellt. Wann diese Zeilen in die Hände der Leser gelangen, so wird der Wahlkampf bereits entschieden sein. Wir unterlassen es daher, den Aufruf mitzutheilen. Unterdeß war auch die sogen, liberale Partei nicht unthätig: auch sie hat eine Versammlung abgehalten, in welcher sie das beschämende Bekenntniß ablegen mußte, daß der vor drei Jahren errungene Sieg der Neologen die Finanzen der Gemeinde zerrüttet, dafür aber Orgel, deutsche Gebete und andere Reformen in den jüdischen Gottesdienst eingeführt; die Bestrebungen der liberalen Partei seien nunmehr darauf gerichtet durch die Berufung des bekannten vr. Geiger von Frankfurt a. M. bas begonnene Werk zu krönen. Dieser solle in Berlin eine Rabbinerschule errichten, um dem Mangel an israelitischen Kanzelrednern für die Zukunft abzuhelfen!!! Wiewohl nun Herr vr. Geiger „Abraham" heißt, so glauben wir dennoch, daß seine Schüler nicht den -Dmw hv C’TO^n, sondern eher den in der Mischnab in Nbotb diesen gegenübergestellten gleichen würden. Dieser Tage ist uns auch ein Circular zugegängen, welches unö von einem in Berlin gegründeten Vereine „Thoras-Chajim" Kunde gibt, dessen Vorstand der Königliche CommissionSrath Herr Johann Hoff ist und der die stolze Devise führt i'Miid tuet'? rnüj?, das heißt, der Krone jüdischen Lebens und' jüdischer Wissenschaft den alten Glanz zurückzugeben. Die Sache erscheint uns so wichtig, daß wir den Aufrnf in extenso hier mittheilen; derselbe lautet: „Das Streben der hervorragendsten Mitglieder unserer Gemeinde, manche alte Mißbräuche, die sich in unfern Gottesdienst eingeschlichen haben, abzuschaffen, und so das Judenthum in einer schöner» Form darzustellen, hat, an einem unrichtigen Ende mit Reformationen beginnend, dahin gearbeitet, daß das Fundament des .Judenthums, welches keineswegs in der bloßen Annahme moralischer Grundsätze und philosophischer Glaubensartikel besteht, auch sich nicht mit der Berufung auf eine Vergangenheit allein begnügt, sondern eben so sehr eineZukunft fürsich vindicirt, gänzlich verändert worden ist. Mit dieser veränderten Grundlage, welche dem Iudenthum allerdings noch das äußerliche Gepräge gelassen hat, wie etwa die junge Fliegenbrut dem Körper einer inwendig ausgefressenen Raupe, haben wir uns losgesagt von allen Juden der ganzen Erde, die schon nicht mehr mit uns Zusammen beten mögen, weil wir den Glauben an eine Regeneration des Judenthums gestrichen, dagegen die theatralischen Attribute des Orgelspiels, wozu gar kein Bedürfniß vorlag, als eine neue Institution angenommen haben; Kostüme und anderweitiger Aufputz werden sicher nicht ausbleiben. Daneben wurde der eigentliche Mangel in Mitten der jüdischen Gemeinde Berlins, eme erschreckende Unkenntniß alles jüdischen Wesens unter den „Gebildeten" fast gar nicht wahrgenommen. Schon wächst eine Jugend bei uns heran, die, kühl gegen unverstandene. Satzungen und Gebräuche und eine sogenannte heilige Sprache, bald dahin kommen wird, das überlebte Iudenthum wie ein in den Archiven aufzubewahrendes abgeschlossenes Aktenstück anzusehen, und wenn ja einmal irgend eine Neugier zu einer Kenntniß des hebräischen Urtextes der Bibel hintriebe, wird sie sich aus dem Wissen irgend eines Professors ihre Befriedigung holen müssen. Wozu überhaupt denn das Liebäugeln mit dem Iudenthum, wenn die höhere deutsche Bildung für das menschliche Leben ausreicht? Das Iudenthum begnügt sich nicht mit Pietät und Duldung, sondern verlangt Erwärmung, Begeisterung, Liebe, ja Aufopferung, wofern sie gefordert würde. Wer das nicht vermag, der sage sich offen los, und verleite wenigstens Diejenigen nicht, welche in dem hehren Tempel den Zufluchtsort, zu finden vermeinten, wo sie ihre allen Gebete zu ihrem alten Gott hinauf senden möchten, in alter Weise und in der alten heiligen Sprache, mit dem alten Glauben und den alten Hoffnungen. Die Notwendigkeit der ^>elbsterhaltung bat das in der Minorität verbliebene orthodoxe Iudenthum ge» zwungen, einen Verein zu gründen, in welchem es seine Mitglieder erkennen will. Es ist der Verein D"r? nun Toras Chajim, welcher bereits ein paar hundert Mit j glieder zählt, und hiermit alle Mitglieder der Berliner j jüdischen Gemeinde zum Anschlüsse auffordert, j Die Zwecke, welche dieser Verein verfolgt und! theilweise erreicht hat, sind folgende:! 1) In Anbetracht, daß wir uns als die unfreif willigen Erben aller uns aufgezwängten neujüdischen! Einrichtungen betrachten müssen;, indem die letzteren

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