Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1868)
- Date
- 1868-11-18
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Hers hervorstechende Eigenthümlichkeit her Ursprache sßiy muß, indem Kinder sich kurz und zwar meistens nur einsylbig auSdrücken, eben so muß ihr Hauptton auch Evffachheit athmen. Denn einfach war die Lebensart der ersten Menschen, einfach ihre Sitten und Gebräuche; unschuldig war auch ihr Lebenswandel, harmlos ihre Gesinnung und endlich einfach und ungekünstelt ihre Anschauung und Denkweise. Daher konnte es auch nicht fehlen, daß diese Einfachheit zunächst auf ihre Sprache übertragen werden mußte. Denn in ihr mußte ja sich alles abspiegeln, was sie empfanden und fühlten, was sie dichteten und glaubten. Und diese so harmlose und ungekünstelte Einfache heit bewundern wir in der hebräischen Sprache noch mit Recht, zu der sich noch ganz besonders ihre kindliche Einfalt gesellt, die aber sich nur bei den Urtypen d«8 Menschengeschlechts gezeigt haben konnte. Wenn wir die'Schöpfungsgeschichte, sowie die darauffolgenden Erzählungen der ersten Menschenkinder lesen, so glauben wir, daß wir mit ihnen selbst noch reden. Die schlichte und einfache Erzählung — die treueste Bürgschaft für ihre Wahrheit — erfüllt uns mit freudiger wie wehmüthiger Rührung. Führt uns die in dieser Sprache abgesaßte Geschichte auf btc, säftreiHen Wiesen und Auen der Patriarchen und begleiten wir sie auf ihren nomadischen Zügen durch, die gesegneten Fluren Kanaars, Egyptens und Mesopotamiens, lauschend dem Geblöcke ihrer ausgebreiteten Heerdem, so wird unser Ohr entzückt ob der kindlichen Einfalt und Einfachheit in Ausdruck und Bezeichnung. Kein Wort ist da zu diel, keins zu wenig. Eins schließt sich harmonisch an das andere. Sie setzt keine Sylbe hin, wo sie nicht ihre nothwendige Stelle hat; sie häuft keine Worte, um durch äußern, aufgedrungenen Putz etwa zu prunken. Schwulst ist ihr daher fern und jede Uebertreibung in der Schattirung aus ihrem Bereiche gebannt! Was diese Sprache auch beschreiben mag, trägt den Stempel dieser Einfachhest und kindlichen Einfalt. Ihre Syntax ist eine ganz andere als die der Prosa, jedoch nicht zufällig, sondern auf den feinsten Gesetzen des höheren Gedankens beruhend, keine ihrer Figuren ist außerwesentliche Zierrath — jedes ihrer Worte an seiner Stelle, „wie ein Edelstein in Gold gefaßt," sagt Deutsch in seiner Gesch. d. j. Poesie p. 130. Steigen wir ferner mit dem wiederauflebenden Jakob nach Egypten hinab und begleiten von dort aus daS göttliche Brüderpaar, das seinem Volke gleich zwei leuchtenden Sternen voranleuchtet, durch den Gluthsand der arabischen Wüste; ziehen wir mithinein in das Land der Verheißung, durchlaufen die an großer Erhebung so reichen und Jahrhunderte dauernde Periode der Theokratie oder das Zeitalter der von Gott erweckten Richter und Heerführer und treten wir mW* lich dror ihre Fürsten-und Könige hm, die von den Gottbegeisterten Propheten und Sehern ob ihres Ungehorsams mit der Ruthe ihres Mundes scharf gegeißelt werden: nichts anderes als Ehrfurcht gebietende Einfachheit und Ungeschminktheit in Wort und Ausdruck bietet sich dort unfern Blicken dar. — Diele Einfachheit gewinnt aber noch 3) durch ihre sinnliche Darstellung an höherem poetischen Reiz. Je ärmer sie an Abstraktionen ist, desto reicher schüttet sie ihre Fülle in der sinnlichen Darstellung aus. Alles in ihr ruft: ich lebe, bewege mich, wirke. Mich erschufen Sinne und 'Leidenschaften, nicht abstrakte Denker und Philosophen: ich bin also für den Dichter, ja ich bin selbst ganz Dichtung, sagt der schon oft hier genannte große Kenner und Verehrer der hebr. Spr., Herders) Eben deshalb besitzt sie auch so viele Synonyma von einer und derselben Sache,- weil diese jedesmal in ihrer ganzen Beziehung mit allen begleitenden Umständen genannt und gleichsam gemalt wurden. Das Erste, was sich den geöffneten Augen darbot, war das Reich der Natur, deren Gegenstände sie benannte und bezeichnete. Gewiß hat Adam den Thieren nur solche Namen gegeben, wie sie solche wegen ihrer inneren und äußeren Naturbeschaffen-- heit verdienten. Auch dieses, sagt Michaelis,**) ist der hebr. Poesie eigenthümlich, daß sie viele Methaphern dem Naturreiche, vorzüglich den Gewächsen und Bäumen entlehnt, daß ich sie fast eine botanische Poesie nennen möchte. Und dies darf auch nicht Wunder nehmen; denn das Volk war dem Landbau und dem Hirtenleben ergeben, in welchem ohne Acker und Weiden Niemand geboren wurde. Die Poesie ist aber auch nicht den Gelehrten ausschließlich überlassen geblieben, sondern die Liebe zu derselben war durch das ganze Volk so sehr verbreitet, daß von dem Gesänge wirklicher Hirten die Wälder wiederhallten. Daher werden in dieser kleinen, dem religiösen Volke. heiligen Bibel mehr als 250 botanische Namen gefunden, deren sich Niemand mehr als die Poeten bedienen. Und hierin unterscheidet sich unsere Poesie von der hebräischen am meisten, daß diese eine größere Mannichfaltigkeit und einen größern Reichthum entfaltet. —- (Schluß folgt.) *) G. d. h. P. S. 9. **) In seinen Anm. zu Lowth (pag. 108). „Eat hoc peculiare poemati Hebraeo multas metaphoras a rebns naturalibus depromere, maxime ab herbis arboribusque et poesin botanicam dicere ausim .... In quo a nostra poesi maxime distat Hebraica, plus habuisse varietatis et fecunditatis nobis visa. —" ^^antrvortliche Redactüm: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf»Schnellprefserwruck von I. Sottrleben in Mainz.