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Der Israelit · 1868-10-14 · Heft 42 (14.10.1868) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 42 (14.10.1868)
Date
1868-10-14
Page
– (sequence 14)
Language
German
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790 Oeffenllichkeit mit dem katholischen sich zeigen dürfte; sie verlangt ferner, daß kein Akatholik eine öffentliche Stellung im Staate einnehme; keiner soll ein Amt bekleiden, ein politisches Recht ausüben. Es ist leicht, aus solchen Gesinnungen gegen Protestanten und Reformirte abzunehmen, was der Clerus über die Stellung der Juden gedacht haben mag. Daß er auf die Verbesserung derselben keinen Bedacht nahm, leuchtet aus dem Schweigen der Mehrzahl seiner Cahiers hervor, und wo er spricht, geschieht es, um neue Bedrückung heraufzubeschwören. Die Geistlichkeit von Colmar und Schlettstadt im Oberelsaß tritt in maßlos heftiger Weise gegen die Juden auf. Sie stellt dieselben als den moralischen und materiellen Verderb dar und verlangt gegen ihre weitere Verbreitung den Schutz der Regierung; als das barbarische Mittel dazu wird empfohlen, daß künftighin nur dem ältesten Sohn jeder jüdischen Familie die Verheirathung gestattet werde *). Wie sonst häufig wird die Geistlichkeit auch hierbei von dem Adel derselben Bailliage in ihren Forderungen unterstützt, wenn dieser sich auch in weniger scharfen Wendungen ausdrückt 2). Wir erblicken jedenfalls als unerbittliche Gegner der Juden die zwei ersten Stände eines Bezirks, in dem aber, wie nicht unerwähnt bleiben darf, seit fast einem Jahrhundert kein Jude mehr wohnte 3). Wenden wir uns jetzt zur Betrachtung der Cahiers des wirklichen französischen Volkes, des dritten Standes und des größeren, jedenfalls des aufgeklärten und selbständigen Theils des Adels, so ist es ein sehr verschiedener Eindruck, der uns hier erwartet. Zunächst finden wir in den allgemeineren Bemerkungen und Wünschen, die nicht gerade ausdrücklich auf die Juden Bezug nehmen, eine ganz andere Sprache, als uns bei der Geistlichkeit begegnete; es ist nicht blos von Akatholiken die Rede, unter denen wir doch nur die Hugenotten verstehen konnten, sondern man behauptet vielmehr den principiellen Standpunkt und verlangt die Gewissensfreiheit für Jedermann. Und wie man diese erste Forderung der Duldsamkeit so in wei- 1) Les Juifs, heißt die betreffende Stelle, par leurs vexations, leurs rapines, la duplicite cupide dont ils offrent de si pernicieux exemples, sont la principale cause de la mis£re du peuple. Ils ont eteint tout Sentiment d’4nergie et ont amene la depravation morale dans cette classe Interieure renommee autrefois en ce pays pour sa toi germaine. Leur etonnante pullulation, d’apres des calculs, va Croissant, et de trois mille qu’ils etaient au commencement du si&cle les a portes L pr&s de vingt mille suivant le dernier d^nombrement. 11 est temps d’arreter cet abus dans son principe et il ne doit plus etre permis de contracter mariage qu’au fils aine de cliaque famille juive. 2) Vgl. Chassin, le g£nie de la revolution I. 2, 210. Was hier außerdem von einem Cahier des dritten Standes gesagt wird, ist ein offenbarer Jrrthum, s. auch Krille a. a. O. II 46. 3) 1697 wurde der letzte Jude aus Schlettstadt vertrieben. tem Umfange gewährt, so gesteht man den Andersgläubigen weitere und mehr bestrittene Rechte ebenso principiell und allgemein zu. Die Anerkennung einer vollkommenen Gleichheit der Religionen im Staat findet freilich selbst unter dem dritten Stand kaum hie und da Ausdruck, und meistens wird darauf hingewiesen, daß als herrschende Staatsreligion nur Eine zu betrachten sei; aber den Anhängern abweichender Bekenntnisse will man darum keinerlei Rechte entziehen. Waren so die Principien beschaffen, welche der Kern des französischen Volkes über die Stellung der Dissidenten im Königreich angenommen hatte, so tragen auch hier die Ansichten, welche über die Juden insbesondere sich einzeln finden, das erfreuliche Gepräge der Milde und Menschlichkeit. Man betrachtet dieselben als Glieder des Gemeinwesens, zu dem sie nur noch nicht in dem wünschenswerthen Verhältnisse stehen, deßhalb werden die Stände ausgefordert, ihre Stellung in Betrachtung zu ziehen *); man will die Kraft, die in ihnen wohnt, für den Staat nutzbar gemacht sehen1 2 3), und der Adel von Metz, der eine zahlreiche Judengemeinde unmittelbar vor Augen hatte, verlangt, daß den Anhängern jedes Glaubens die Bürgerrechte im Lande ertheilt würden^). Wo aber das Volk auch glaubt, Beschwerde führen zu müssen gegen die Juden einzelner Bezirke, da verschließt es sich nicht der Einsicht, daß es in der Hand des Staates liege, durch die Besserung ihrer rechtlichen Lage auf ihre Beziehungen zu den Mitbürgern wohlthätig einzuwirken4). So gestaltet sich das Ergebniß des ersten Theiles der Wahlhandlung, in welcher wir die Verkörperung der Umwälzung erblicken, die sich im Geiste des französischen Volkes vollzogen hatte. Es bleibt übrig zu betrachten, wie die Nation die andere Seite ihrer Aufgabe erfüllte, welche Stellung zur Toleranzfrage überhaupt und zu den Juden und ihrer Befreiung insbesondere die Männer einnahmen, welche zu den Generalstaaten abgeordnet wurden. (Forts, f.) 1) Noblesse de Paris; Que les etats prennent en consideration le sort des Juifs. 2) Tiers de Metz; On avisera aux moyens de rendre utiles les Juifs. 3) Que tous les regnicoles quelque soit leur croyance jouissent dans le royaume du droit de eite. 4) Noblesse de Nancy. Les usures pratiqudes par les Juifs etant un des fl^aux redoutables des campagnes on demandera qu’il soit avise aux moyens de les prevenir soit par des precautions semblables ou analogues ü. celles qui avaient ete £tablies en Lorraine par les edits des 13 Aoüt 1720 et 30 Decembre 1728 soit en leur procurant des moyens de subsistance plus itendus et propres ä les detourner des speculations usuraires.

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