Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 40-41 (30.9.1868)
- Date
- 1868-09-30
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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769 Feu i|le ton. Are Kmarrcipation der Juden in Irankreich. Aus den Quellen bearbeitet von gmanutt I. Einleitung. Die Juden unter dem alten Staatswesen. Die Umwälzung, die gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts in Frankreichs politischen Einrichtungen sich vollzog, bildet den Abschluß eines Kampses, der seit vielen Menschenaltern in diesem Lande zur Vernichtung der feudalen Gewalten geführt wurde, und der jetzt mit der Neubildung des Staates endigte; sie bezeichnet aber auch gleichzeitig den Beginn des Aufstrebens jener Klassen der Gesellschaft, die bis dahin in ihren eigenen Angelegenheiten beschrankt und auf die öffentlichen Fragen ohne Einfluß gewesen waren. Nach diesen beiden Richtungen hin liegt in der französischen Revolution das erste Anzeichen einer neuen Epoche in der Geschichte der europäischen Menschheit. Aber diese selben beiden Elemente, die so eine neue Periode der allgemeinen Entwickelung herbeiführten, griffen ihrer Natur nach auch entscheidend in das Schicksal der Juden ein, die in den Ländern Europas eine Zuflucht gefunden hatten; ihre Stellung beruhte hier auf einer losen Einfügung in den mittelalterlichen Staat, und mit seinem Zusammensturz mußte auch in ihrem Loose eine Wendung eintreten. Ob der Anspruch auf Rechte im Staat, den die bisher niedergehaltenen Glieder des Volkes mit Kraft geltend machten, auch den unterdrückten Juden zukommen sollte, darüber ist in Frankreich am frühesten entschieden worden. Uud wie deßhalb die französische Revolution mit ihren hohen Tendenzen und gewaltigen Kämpfen ein Abbild liefert von den Bewegungen, die in größerem Maßstab den Inhalt eines beginnmden neuen Zeitraums ausmachen sollten, so daß ihre Darstellung als eine der höchsten Aufgaben der Geschichtschreibung, welche die Gegenwart und die Zukunft zu begreifen bestrebt ist. gefaßt zu werden pflegt: so dürfte auch eine Geschichte der Emancipation der Juden, wie sie durch die französische Revolution und durch die Beschlüsse der Constituante ins Leben trat, zum Verständniß der später» Stellung der jüdischen Nation zu den Völkern Europa's, in deren Mitte ihre einzelnen Glieder leben, einen vielleicht nicht unwichtigen Beitrag bilden. Frankreich ist das Land, das die mittelalterlichen Institutionen in seinem Staatswesen zur vollkommensten Ausbildung brachte, und so hatte es auch, eine Antipathie, welche das Mittelalter überall zeigt, bis zur äußersten Gränze führend, zu wiederholten Malen feine jüdischen Einwohner ausgestoßen; um die Zeit, da wir die neuere Geschichte zu beginnen Pflegen, lebte kein Jude in Frankreich. Aber bald geschah es, daß die Könige die Rücksichten aufgaben, von dmen sie sich hatten leiten lasten, und ihre Politik einzig auf die Erhöhung und feste Begründung ihrer Macht richteten; das Jahrhundert der Reformation verschaffte auch innerhalb des Katholicismus den weltlichen Tendenzen und der Toleranz steigende Geltung, und derselbe Heinrich II., der es sich zur Aufgabe machte, die kirchlichen Neuerungen zu bekämpfen, die bei seinen Unterthanen auftauchten *), nahm keinen Anstand, fremden Juden, die sich im Lande niederlasten wollten, die Aufnahme unter den günstigsten Bedingungen zu gestatten, da er die Vortheile erkannte, welche dieselben dem französischen Handel brachten. Als kurze Zeit darauf deutsche Lande sich der französischen Herrschaft unterwarfen, gewann der König auch hier eine Oberhoheit über eine Anzahl Juden, denen er seinen Schutz nicht entzog. In den beiden folgendm Jahrhunderten kamen bei den weitern Ausdehnungen gegen Deutschland immer mehr Juden unter Frankreichs Botmäßigkeit; in den Verhältnissen derselben wurde durch diesen Wechsel des Oberherrn kaum etwas Wesentliches geändert, gleichviel ob die territorialen Machthaber auch weiterhin die Herrschaft über sie behaupteten, oder daß es den Königen gelang, das früher provincielle Recht unmittelbar für sich selbst zu gewinnen. Ludwig XVI. fand bei seiner Thronbesteigung die Länder unter seinem Scepter vereinigt , durch deren Besitznahme seine Vorgänger allmählich ihre Herrschaft über eine größere Zahl Juden ausgedehnt hatten. An den Enden feines Reiches, im Osten und Norden und im Süden nahe der spanische» Gränze und dem Ocean, wohnten ihm jüdische Unterthanen. Dem Geiste der überkommenen Politik getreu, war auch er bemüht, dieselben immer ausschließlicher von der königlichen Gewalt abhängig zu machen; die Privilegien aber, die ihnen früher ertheilt worden waren, bestätigte und schützte er im Wesentlichen, er vermehrte sie sogar. Allein trotzdem war die Existenz der Juden unter diesem letzten Vertreter des alten Königthums eine nach allen Seiten äußerst beschränkte. Jme, die, in dm ehemals deutschen Provinzen des Reichs ansässig, die überwiegende Mehrzahl ausmachten, hattm fast alle die Beschränkungen zu duldm, denen sie ftüher unter deutscher Herrschaft unterworfen gewesm. Zusammenpressung in enge, abgesonderte Viertel, Beschränkung des Handels, Verbot des Erwerbs von Grundeigenthum, zum Theil persönliche Herabwürdigung, Ausschluß von allem öffentlichen Leben, erdrückende Steuer- 1) Le meme Henri II qui donna le Signal des guerres de religion, bemerkt Mirabeau, Sur Moses Mendelssohn p» 79. 80.