Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1868)
- Date
- 1868-09-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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745 Von dem dortigen „Judenkirchhofe", in welchen auch die Israeliten aus den umliegenden Ortschaften gegen einen Zoll ihre Leichen brachten, nahm die Stadt in jenem Jahre ^jährig 8 Gulden auf. Der Rath der Stadt dehnte auch auf sie das Stadtprivilegium aus, nach welchem keiner ihrer Einwohner vor ein auswärtiges Gericht geladen werden sollte, indem z. B. der Unterschreiber Ostertag von Heilbronn laut seinem Gewaltbriefe von 1473 vor dem Freigrafen von Brunkhausen erschien, um die Juden der Stadt von einem ihnen angesetzten Rechtstage abzufordern. Dennoch treffen wir anno 1476 nur wenige Juden mehr in der Stadt an und 1490 überließ der kaiserliche Kammerfiscal die „Judenschule" und das „Judenbegräbniß" dem Rathe um 250 Gulden rheinisch, ungeachtet Philipp von Weinsberg gegen diesen Verkauf sich aufgelehnt hatte. Der erwähnte Begräbnißplatz wurde später, nachdem die Juden die Stadt gänzlich verlassen hatten, überbaut und zwar 1589 mit der Amtswobnung des städtischen Syndicus (jetzt die Oberamtei) und 1765 mit dem Stadtarchiv. Von den jüdischen Leichensteinen wurden mehrere bei der Anlegung einer Schießstätte, da wo jetzt der neue Hafen ist, verwendet, jedoch in umgekehrter Lage, und hiedurch blieben zwei derselben, von denen der eine im städtischen Archive zu Heilbronn und der andere auf dem Sontheimer israel. Brgräbnißplatze zu sehen ist, wohl erhalten. Sie datiren aus den Jahren 1408 und 1420. (Sollten diese Denkmale nicht in den neuen hiesigen israel. Friedhof versetzt werden?) Erst vor etlichen Jahren fand man auch bei dem Umbau des Hintergebäudes zum früheren „Dreikönig" (an der Ecke der Kram- und Gerberstraße) Bruchstücke von jüdischen Grabsteinen mit erhabenen Buchstaben; es fehlte jedoch Namen und Jahreszahl auf dem Reste des Grabdenkmals. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts lebte in „Heilprun" der bedeutende Talmudist R. Salomo Spiro, wahrscheinlich als Rabbiner, der später in gleicher Eigenschaft nach Landau ging, Um das Jahr 1524 bat ein jüdischer Arzt, Gumprecht von Löwenstein, den Rath, seine Kunst und Arzenei ausüben, den Armen um Gottes Willen und dm Reichen um eine geziemende Belohnung dienen zu dürfen. Er motivirte seine Bitte auch damit, der Rath möchte doch die gemeinen kranken Bürger und Bürgerinnen der Stadt bedenken, daß sie ihn mit großen Kosten holen lassen müßten. Ihm und einem andern jüdischen Arzte von Wimpfen wurde der Zutritt gestaltet, abrr nur so lange es einem Rathe gefalle. Die Judenschaft in Neckarsulm bestand damals fast ganz aus früher Heilbronner Juden, während jetzt nur ein Filial mit 4 5 Familien in der Nachbarftadt existirt, das allerdings noch Spuren ehemaliger Größe besitzt, z. B. einen Friedhof, Thoraschmuck u. dgl, — In den letzten Jahren des dreißigjährigen Krieges kämm auch auswärtige Juden wieder in die Stadt. Es geschah am 21. August 1645, als das feindliche schwedisch-französische Heer vor der Stadt ankam. Ein Actenstoß auf dem Stadtarchive enthält Mittheilungen hierüber. Im Jahre 1667 wurde über diese Eingewanderten eine besondere Verordnung verfaßt. Im Jahre 1831 wurde erstmals ein Jsraelite der gegenwärtigen israelitichen Kirchengemeinde Bürger der Stadt. Im Jahre 1861 waren bereits 21 jüdische Familien hier bürgerlich geworden und am 23. November desselben Jahres bezogen sie provisorisch einen Betsaal in den Räumen des ehemaligen Deutschordenkommando, dessen Gebäude jetzt zu einem Sitze des Kreisgerichtshofs umgeschaffen wird. In Folge dieses Umbaues ist die Synagoge, wie schon Eingangs erwähnt wurde, in einen andern Bau dieses Staatsgebäudes verlegt und mit nicht unerheblichen Kosten von der israelitischen Gemeinde hiezu eingerichtet worden. Heute besteht die israelitischen Gemeinde aus 54 bürgerlichen und 57 domizilirenden Familien, also aus etwa 555 Seelen. Die Stadtgemeinde hat sich bei Anlegung des neuen Friedhofes vielfach freundlich und unterstützend bewiesen. Der Stadtrath hat durch eine besondere Commission den schön gelegenen Acker zu dem jetzigen Begräbnißplatze empfohlen; die bürgerlichen Collegien haben vorläufig 300 fl. zu den Kosten, die sich im Ganzen auf J.0,000 fl. belaufen mögen, verwilligt und die Straße und den Pfad vom Wärterhäuschen an bis zum Thore des Friedhofs auf Stadtkosten schön Herrichten lassen. Auch die K. Staatsbehörden dahier haben bas Werk gefördert, indem sie es bei Sr. Majestät dem Könige befürworteten, daß ein Theil von dem Güterkomplexe zu diesem Zwecke käuflich überlasten und die Pflanzen aus dem exotischen Garten zu Hohenheim um einen ermäßigten Preis für den Friedhof abgegeben werden. So konnte sich denn am Tage der Einweihung die ganze Einwohnerschaft jeglicher Confession und aller Stände an der Feier betheiligen, welche durch die Reden sowohl deö Rabbinen, vr. Engelbert, als des Lehrers und Vorsängers, I. Löweenstein, eine sehr würdige geworden ist. Es mögen 500 Personen im festlichen Zuge gewesen sein, und eine mindestens eben so große Menge von Menschen sammelte sich vor der Umzäumung, um die Feierlichkeit mit anzusehen, weil sie in der Eile sich nicht mehr festlich hatten umkleiden können, als sie von der Einweihung Kunde erhalten hatten. Ern eingetretener Sterbfall hatte solche Beschleunigung geboten.