Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1868)
- Date
- 1868-09-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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734 Doch vor Allem, Brüder! —: Rettung der bedrohten Fahne! Rettung dem heiligen Sabbat! Israeliten! Verhehlen wir es uns nicht: der Indifferentismus, die zur Gewohnheit gewordene Nichtachtung der geheiligtsten und ehrwürdigsten Einrichtungen und Verordnungen unserer Religion, hat, wie ein Krebsschaden, sich so tief eingefressen in den Körper unserer Religionsgenossenschaft, daß deren Gesammtleben bedroht ist und es den traurigen Anschein gewinnt, als ob für die kommenden Geschlechter der Israeliten in Amerika die erhabenen Lehren, für welche unsere Väter geduldet, gekämpft, geblutet und ihr Leben geopfert, Dinge werden sollten, welche blos der Vergangenheit angehören. Wie weit auch unsere GlaubenSbrüder in ihren religiösen Anschauungsweisen auseinander gehen mögen: in dieser Beziehung treffen sie sich auf gleichem Boden und haben einander Nichts vvrzuwcrfen. Ein rastloses Trachten nach vergänglichen Gütern läßt sie ihres unvergänglichen Erbgutes, läßt sie der Pflichten vergessen, die sie sich selbst, ihrer glorreichen Vergangenheit und ihrer noch glorreicheren Zukunft , die sie ihren Mitgeschöpfen, die sie Gott schulden! Brüder! Derjenige Israelit, welcher, während seine Religion als die altehrwürdigste anerkannt wird und er der vollkommensten Gleichberechtigung mit seinen andersgläubigen Mitbürgern sich erfreut, sich mit dem Bewußtsein begnügt, den Namen „Israelit" zu führen, dabei aber Alles, was seinen Vätern für geheiligt und göttliches Gebot galt, außer Acht läßt; ein solcher Jude ist alles jenen religiösen Bewußtseins, ist alles jenen moralischen Gefühles baar, worauf die menschliche Gesellschaft der Gegenwart beruht. Entweder enthält das Iudenthum all' den moralischen Reichthum, welchen seine Anhänger ihm zusprechen, und lehrt seine Bekenner ihre Pflichten gegen sich selbst, gegen ihre Mitgeschöpfe, gegen ihren Schöpfer kennen: dann müssen seine Lehren erhalten und verbreitet werden; oder es ist ein Phantom, ein Wortgepränge, eine Zusammenstellung wohlklingender Phramt, — und Nichts mehr. Brüder! Noch ist das Gefühl für Iudenthum in uns nicht erstorben; noch hängen rvir an Letzterem und würden willig irgend ein Opfer für dasselbe bringen. Aber das Wohlergehen, dessen wir uns erfreuen, Dyi"1' der Voügennß der Menschenrechte, die Sonne der Freiheit, an deren Licht- und Wärme - Strahlen wir mit unseren andersgläubigen Mitbürgern in gleicher Berechtigung Antheil haben, bat unö berauscht, hat uns geblendet, daß wir die Gefahr nicht sehen, die unser Indisserenlismus dem Iudenthum bringt. Daß wir uns Juden nennen, macht unö noch nicht zu Solchen; daß wir unseren Kindern sagen, iie leie n I srae liten, lehrt sie noch nicht ibre Mickten als Solche kennen; Sv naj gogen, großartige Tempel bauen, ist noch lange nicht genügend für die Erhaltung, ist noch kein Beitrag für den unvergänglichen Fortbestand des Iudenthums. Nein, nein! mehr, weit mehr ist erforderlich! Und geschieht dieses nicht, so werden die traurigen Folgen gewichtiger sein, als wir verantworten mögen oder können. Welche Antwort können wir dem Kinde geben, das, in der Schule belehrt, daß eines der ersten der Zehn- Gebote die Heiligung des Sabbats als eines Tages der Leibesruhe und der Seelenerhebung befiehlt, an uns die Frage richtet, warum wir denn dies Gebot so gänzlich unbeachtet lassen, warum wir denn nicht diesen Tag mit unserer Familie verleben, inmitten unserer Kinder, denen doch die hehren, erhabenen Lehren unserer Religion in erster Linie durch unser, der Väter, Beispiel eingeimpft werden sollten? Kann ihre Seele mit Achtung und Verehrung für uns oder mit Ehrfurcht und Anhänglichkeit für diese Religion erfüllt werden, welche offenbar nicht Kraft genug hat, um bei ihren Bekennern die Beobachtung einer ihrer heiligsten Institutionen durchzusetzen? Ja, kann auch nur unser christlicher Mitbürger unö schätzen und achten, da uns das Geschäft mehr gilt, als die Religion? Muß er nicht vielmehr glauben, daß wir entweder keine Religion haben, oder daß sie für uns ein Gewand ist, das wir blos aus Gewohnheit tragen und aus Trägheit nicht ablegen, aber dessen Lebensbedeutung und moralische Lebenskraft vorüber ist? Ist er nicht gerechtfertigt, seine Missionäre und seine Tractate uns aufzudrängen, um uns zu veranlassen, daö aus- und abgetragene Gewand gegen ein gefälligeres, moderneres zu vertauschen? Glaubet uns, Brüder! jeder Israelite, welcher am Sabbat sein Geschäft schließt, wird mehr, wird unvergleichlich mehr geachtet werden, als derjenige, der den Dollar höher stellt, alö seine Religion. Iudenthum und Sabbat sind so innig mit einander verflochten, daß Eines nicht verletzt werden kann ohne des Anderen LebenSblut mitzutreffen, Eines nicht eristiren kann ohne das Andere, Eines sinn- und zwecklos ist ohne das Andere. Kein Sabbat heißt: kein Besuch des Gotteshauses behufs andächtiger Gottesverehrnng und behufs Belehrung, Aufklärung und Erleuchtung in Religions-Angelegenheiten; kein Tag, an welchem die Sorge und Plage für's Geschäft gänzlich unterbleibt und dafür das Geistes- und Gemüthsleben einen höheren Aufschwung zu nehmen vermag; kein Tag, an welchem wir uns mit Bewußtsein une Innigkeit unserer Familie, unseren Freunden Hingeber, und der Familienvater die Erziehung seiner Kinder sorgsam überwacht Kurz, kein Sabbat heißt: kein Tag, welcher eure Seele befreit von dein Staube, der di.' Woche über an ibr batten blieb bei den: an-