Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1868)
- Date
- 1868-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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714 Mo matt das jüngste Mal die Sonne „heiligte/' La begann zugleich in der jüdischen Zeitrechnung ein neues Jahrhundert unter sehr, sehr trüben Auspizien: ein zersetzendes Element war in das Judenthum eingetreten, das es zu vernichten drohte; aber wir haben in den zurückgelegten 28 Jahren die unschätzbare Erfahrung gemacht, daß das Iudenthum nich.t vernichtet werden kann. Damals hieß es überall: „die wenigen Alten, wenn die einmal nicht mehr da sein werden, so wird Sabbat und Speisegesetz und jüdisches Cherecht ec. nicht mehr existiren, und der Talmud mit seinen Vorschriften wird vergessen sein!" — Nun, die Greise von damals sind größtentheils eingegangen zu einem bessern Leben und die damals kräftige, jugendliche Männer waren, sind unterdeß zu Greisen geworden, und was haben wir erlebt? Kräftig und stark ist das orthodoxe Judenthum; durch Mnth und Thattrast zeichnen sich seine Bekenner aus, und wenn sie auch an manchen Orten die Minderzahl bilden, so war es doch nie die Zahl, welche Israels Größe bestimmt toc eye“ cnx ’U sondern der Geist, welcher seine Bekenner erfüllt, war und ist das einzig Maßgebende. Schwach uitd welk ist die sogenannte Ncform geworden: die jungen Himmelsstürmer von damals sind zu abgelebten Greisen geworden, welche die. Nichtigkeit und den Verfall ihrer eigenen Werke haben erkennen und erleben müssen, und wenn auch ihre scheinbaren 'Anhänger an einigen Orten die Mehrzahl bilden, so ist doch der Geist der Negation ein so schwächlicher und kraftloser geworden, daß von dieser ganzen Richtung bald nichts mehr übrig sein wird als eine rühmlose Erinnerung innerhalb der jüdischen Culturgeschickue. Das echre, wahre, unverfälschte mit unverkürzte Judenthum, es kann nicht untergehen; cs wird erblühen zu stets neuer Kraft, und seine Feinde werden beschämt werden. So mögen denn diese Ueberzeuguug uns kräftigen und mit himmlischer Hoffnung erfüllen für das neue Jabr und die neue Periode; der Allgütige aber gebe uns Kraft und Ausdauer, für Ihn und Seine heilige Lehre cinnlstehen und zu kämpfen. Jur den heiligen Zweck, Ihm zu dienen und Seiner heiligen Lehre zu leben, möge Er alle Diejenigen, die den Willen dazu haben, cinschreibcn und besiegeln in das Buch des Lebens und des Glücks, der Gesundheit und des Wohlstandes: alle Uebrigen aber möge Er erleuchten mit Seinem Lichte, auf daß sie zurückkehren in aufrichtiger Reue, in freiwilliger Sehnsucht in die liebevoll ausgestreckten Arme und an das erbarmungsreiche Herz unseres allbarmherzigen Vaters im Himmel! Wer ist Schuld daran, daß die jüngere Generation ohne Kenntnis des Judenthums und seiner Institutionen heranwächst? In verschiedenen Nummern dieser geschätzten Blätter haben wir Dir, lieber Leser, ein wahrheitsgetreues Bild von den religiösen Zuständen in einigen Kreisen der Regierungsbezirke Minden und Arnsberg, Provinz Westphalen, gegeben und versprochen, die Frag;: Wer iß Schuld daran, daß die jüngere Generation ohne Kenntnis; des Judenthmns und seiner Institutionen heranwächst? zum Gegenstand unserer Besprechung machen zu wollen. Wir entledigen uns hiermit der uns gestellten Ausgabe und werden uns bemühen, in Nachfolgendem den Nachweis zu liefern, daß an dem religiösen Verfalle sowohl die häusliche, als auch die Erziehung in der Schule Schuld tragen; mit anderen Worten: daß sowohl die Ellern, als auch die Lehrer und Rabbiner, diese drei Factoren bei der Erziehung, Leiiung und Bildung rer Jugend, die sich gegenseitig ergänzen und von denen der eine das von dem andern Mangel- und lückenhaft Gelassene zu ergänzen und auszufüllen den Beruf hat, die Ursachen des in Rede stehenden Nebels sind. I. H ä u s l i ch e E r z i e h u n g. Es gibt für Eitern keine höhere Pflicht, als die, ihre Kinder pn"np, zur Tugend und Gottesfurcht zu erziehen. Gur erzogsu^ Kinder find die heiligsten Unterpfänder der ehelichen Liebe, der größte Schmuck, mit dem die Ellern ihr Haus ausschmücken können; sie allein sind der Zweck der ehelichen Verbindung: und sicher ist dieser Zweck eine der schönsten und heiligsten Ausgaben des Judenthums, mit der Fortpflanzung des Menschengeschlechtes auch zugleich die unserer heiligen Religion zu erzielen, den Kindern nicht allein zeitliches. sondern — und dieses ist die Hauptsache - auch ewiges Leben einzupflanzen. Diese Pflicht liegt sowohl dem Vater als auch der Mutter ob „Lehret sie meine Gesetze im Hause und ans dem Wege, bei deinem Ausstehen und Niedertegen; ferner nx' und Euren Kindern sollt Ihr sie, (die Gebote Gottes i lehren. Also ergeht der göttliche Befehl an die Eltern. Ganz besonders aber ist es die Aufgabe der Mutier, sich um die Pflege und religiöse Erziehung ihrer Kinder zu kümmern; denn die Väter — wenigstens die meisten derselben — sind in der Regel außer dem Hause — ihren Unterhalt sich zu verschaffen, beschäftigt. Dieses war in der guten, alten Zeit, wo das Leben der isr. Eltern noch nicht im Widerspruche mit der schriftlichen und mündlichen Lehre stand, von isr. Frauen stets begriffen und be-