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Der Israelit · 1868-09-02 · Heft 36 (2.9.1868) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 36 (2.9.1868)
Date
1868-09-02
Page
– (sequence 17)
Language
German
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iflenschastliche Lcilagk ju Ar. 36 des Israelit. Die Erde dreht sich. Der alte Streit, um derentwillen vor mehr als dreihundert Jahren Galilei vor dem römischen InquisitionStribunal als Angeklagter gestanden, ist auf's Neue in der Metropole Norddeutstblaiids entbrannt. Die christliche Qrtbodoxie steift sich auf den Wortlaut der Stelle Iosua X. 12 und behauptet, daß dieser, der Wortlaut, den Ergebnissen der neueren Naturforschung gegenüber maßgebend sei, das Stillstehen der Erde und die Bewegung der Sonne um dieselbe daher als Dogma gelten müsse. — Es darf diese Streitfrage um so weniger von der orthodox-jüdischen Presse unbeachtet gelassen werden, als man auch im jüdischen Lager stets geneigt ist, der jüdischen Ortbodoxie den Vorwurf der , Ignoranz und des ObscurantiSmuS zu machen, wie auch die Ausdrücke „reactionär" und „ultramontan" auf . dieselbe anzuwenden. Die Theologen, wie man fälschlicher Weise die Rabbinen nennt, bilden keinen beson- : dern Stand den Laien gegenüber, es gibt im Juden-! thum keine Laien, feilte wenigstens keine geben; Alle sind dazu berufen, nicht allein das Gesetz zu üben, sondern auch zu erlerne:: und zu lehren. Wissen, Aufklärring ist die Parole des Indenthums, cs will nichts | von Pfaffen wissen, in deren Händen die Geister des unmündigeir Volkes gebannt und. Dock nun zur Sache. Wer aus der angeführten Stelle in Iofna beweisen wollte, daß die Erde stillslebe und die Sonne sich drehe, der müßte consequenter Weise aus der heil. Schrift auch beweisen, daß die Erde eckig sei, denn Ies. 24, 16. ist die Rede von einer Ecke der Erde, und Hiob 38, 13. heißt cs: zu ergreifen die Ecken der Erde. Oder man müßte auch gehalten sein, anzunehmen, daß die Erde auf Stützen ruhe, nicht aber im Welteuraume frei schwebe, da doch in den Spr. Sal. 8, 29. gesagt werde, daß Gott die Grundpfeiler der Erde festgestellt babe. Wir waren auch dann gezwungen, mit den alten Griechen an etwas Aehnliches wie an einen Atlas zu glauben, der das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern trägt, weil David in seinem Siegesliede singt, daß „die Grundvesten des Himmels zitj tern" (II. Sam. 32, 8). Wer nicht so viel Schwung j in seiner Phantasie hat, um die Bilder der heil. Schrift! als Bilder zu erfassen, und die volksüblichen Redens-! arten als das gelten zu lassen, was sie eben sind, der! möge von der Bibel Zurückbleiben, weil er Gefahr j läuft, sich selbst und Andere zu verwirren. Uns gilt j der rabbinische Grundsatz: Die biblischen Schriften j schließen sich in ihren Redewendungen und Redeweisen > denen des Volkes an. Was würden wir dazu sagen, j wenn ein Chinese, der sich auf das Studium der deut-! schen Sprache geworfen hat, aus den classischen Schrifj ten der Deutschen beweisen wollte, daß diese glaubten, j d'e Erde stehe still, und die Sonne bewege sich, weil > diese stets schrieben: Die Sonne geht ans und geht unter? Wenn nun auch Iosua gesagt: „Sonne stehe still!" so ist es eine Thorheit, hieraus eine Folgerung auf die kosmische Weltanschauung der Bibel machen! zu wollen. — Wir wissen daher dem Herrn Barzilai! in Triest wenig Dank, der sich Mühe gegeben hat, eine neue Erklärung für die berührte Stelle in Iosua; zu finden, damit dieselbe nicht in: Gegensatz zum kopernirauischen Systeme siebe. Unter dem Titel „Ein Irrthum von dreitausend Jahren" *) bat Dr. G. Barzilai einen Dortrag über Iosua X. 12 veröffentlich!, in welchem er darzuthun sich bemüht, daß man sich dreitausend Jahre in der Erklärung dieser Stelle geirrt habe. D'i beiße nämlich gar nicht „stillstehen", sondern „verstummen"; hier bedeute es also „nicht scheinen", denn die eigentliche Bedeutung dieses Wortes sei „geräuschlos (lichtlos) fließen", daher auch cn „Blut". Iosua babe nun nicht der Sonne geboten stillzustehen, sondern habe dem Volke eine Sonnenfinsterniß angekündigt. — Betrachten wir zuerst das Grammatische. Daß on niemals „stillstehen" bedeute, ist nicht wahr: I. ^am. 14, 9. sagt Jonathan zu seinem Knappen: gZ"! hon» ,id dk □rriw* nVy: u»nnn inay: uyvn iy „Wenn sie so zu nnö sagen: Stehet still bis wir zu euch gelangt sind, so wollen wir an unserm Platze stehen bleiben und nicht zu ihnen hinaufgehen". Auch Ps. 37, 6. 'n1? qh heißt: „Warte aus Gott und harre seiner" nach einer von Kimchi mitgetheilten Erklä-! rung. Daß nun gar die eigentliche Bedeutung deö Wortes j „geräuschlos fließen" sei, ist eine willkürliche Annahme; und ebenso willkürlich das Wort cn daraus abzuleii ten, denn erstens ist on vom rad. oen und dt vom j rad. no-i, und zweitens müßte dann noch viel eher! das Oel durch ni bezeichnet sein. — Jetzt zum Sachlichen. Wir könnten dem Verfasser Vorhalten, daß es doch im folgenden Verse heiße: ivy rrvs »D»n dti ■pzpix ’i: np» iy und man daher doch notgedrungen das cn»:, annalog dem darauffolgenden "ray, als stillstchen erklären müsse, und man doch auch zur vollständigen Verfolgung des Feindes wohl eine Tagesverlängerung nicht aber eine Sonnenfinsterniß gebrauchen konnte, während doch hier die Ausnutzung des Sieges von dem wnvn Din abhängig gemacht wird: so glaubt Herr Barzilai sich aus dieser Falle gezogen zu haben, indem er den 13. Vers als Interpolation erklärt; sei ja doch das Ganze ein Citat aus dem Buche Jascher, *) Un errore di trenta secoli. Trieete 1668.

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