Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1868)
- Date
- 1868-08-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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610 geben. Dorthin hat die Auswanderung bereits auf das regste und rüstigste begonnen; aber so Viele ich auch, selbst solche, welche dorthin auszuwandern im Begriffe standen, darüber befragt habe, Niemand hat mir darüber genaue Auskunft geben können, und nur nach vielem Herumfragen habe ich erfahren, daß es Ortschaften in der Gegend von Odessa, Charkow, Jekaterinoslaw, in den Gegenden am Schwarzen und Asowschen Meere sind, wohin der Zug geht und wo Jeder, besonders aber der Handwerker und Ackerbauer sein reichliches Auskommen findet. In manchen Orten, wie z. B. in Plungian hat man einen großen Theil der Unterstützungen darauf verwendet, um solchen s. g. Colonisten fortzuhelfen; und es ist kaum glaublich, mit wie wenig Mitteln die Uebersiedelung bewerkstelligt wird. Fünf, sechs Familien thun sich zusammen, kaufen sich Wagen und Pferd für etwa 30—40 Rubel, jedes Glied nimmt auch einen schweren Bündel auf den Rücken, und mit nichts weiter, als mit dem glaubensvollen Spruch ausgerüstet: „Haschem jisborach wird weiter Helsen," gehts fori über alle Berge. Und daß das mit der Zeit Helsen muß, dafür haben wir den schlagendsten Beweis an der diesseitigen, jüdischen Bevölkerung; dort war es und wäre es heute gerade so, wenn sie nicht unter preußische Herrschaft gekommen wäre. Aber schauet Euch um in allen bedeutenderen Ortschaften von Memel bis Aachen, überall trifft man, und an manchen Orten recht viele Glaubensgenossen aus den Herzogthümern, welche dort zu Ansehen und Vermögen gelangt sind, und die jüdischen Gemeinden in den preußischen Grenzbezirken selbst sind blühend und groß, stehen auch an Bildung und Gesittung keiner preußischen Synagogen- Gemeinde nach. Von dem Augenblicke, daß Schreiber dieses erkannte, wie bei geringem Bildungsstande und unzulänglichem Gewerbsfleiße, eine solche Menschenmasse nicht länger zusammen Hausen können, da war es sein Bestreben, auf jede mögliche Weise die Auswanderung zu befördern. Manchem Colonisten, wie sie sich zu nennen pflegen, hat er Unterstützungen verschafft; für Andere hat er sich, wie die Annoncen in den jüdischen Zeitschriften beweisen, wiewohl mit sehr geringem Erfolge, bei den deutschen Glaubensbrüdern verwandt, vorzüglich aber hat er die „Alliance Jsr. Univ." zu Paris ins Interesse zu ziehen gesucht, welche nicht nur Geldunterstützungen, sondern auch ihre Verwendung bei der russischen Regierung in Aussicht gestellt, daß dieselbe die Auswanderung befördere, indem sie Auswandernden durch Verleihung von Grund und Boden im Innern Rußlands unterstütze. Die Beförderung des Ackerbaues unter den zurückbleibenden, jüdischen Grenz-Bevölkerung dürfte schon auf viel größere Schwierigkeiten stoßen; weniger von Seiten der jüdischen Bevölkerung, als von Seiten der russischen Regierung. Letztere sieht eben nicht mit den günstigsten Augen auf erstere, der unseligen Zollschranken wegen, welche von diesen fortwährend verletzt werden, und zwar, wie jeder humane und wohldenkende Mensch zugestehen muß, mit tausendfach größerer Berechtigung, als diejenige, welche Rußland solche Schranken aufzurichten veranlassen könnte. Ein solches unseliges Zollsystem ist die schwerste Versündigung an sich selbst und an der Menschheit. Es demoralisirt einen großen Theil der Bevölkerung, hemmt eine jede Entfaltung der Industrie, thürmt unüberwindliche Schranken zwischen Nation und Nationen und erregt gewissermaßen einen Krieg Aller gegen Alle und Alles. — Die russische Regierung, welche die jüdiscke Grenzbevölkerung nun gern in das Innere verpflanzen möchte, suchte zu Hintertreiben; wir haben davon leider gar traurige Beispiele, daß dieselbe durch Erwerbung von Grund und Boden noch fester an diese Scholle gekettet wird. — So viel für jetzt über die zwei Wege zur Verbesserung der Zustände unserer westrussischen Glaubensbrüder. Durch das erste, die Auswanderung, sollen die überflüssigen Theile fortgeschafft und den zurückbleibenden Raum gegeben werden, ihre Kraft zu reicherer Blüthen- und Fruchtfülle entfalten zu können. Und Wohlstand wird bei ihnen einkehren und damit das Bestreben, denselben zur Glättung, Verfeinerung und Veredlung des Lebens anzuwenden. Und die Bevölkerung wird der Regierung, wie das geschehen ist und geschieht, nicht mehr widerstreben bei der Einrichtung von sogenannter Kronschulen, welche nur in sehr unzureichender Anzahl vorhanden sind und nur von den Vermögenderen benutzt werden und benutzt werden können. — Durch Beförderung des Ackerbaues aber soll bezweckt werden, erstlich, daß bei einer Wiedervermehrung die alten Uebelstände nicht wieder zu Tage treten. Denn das Wort der Schrift: „Je mehr sie gepeinigt waren, desto mehr vermehrten und ver-