Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1868)
- Date
- 1868-07-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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590 Lion und Jerusalem; Washington und die Unterzeichner der „ Declaration of Independance “ sind unser Messias; und die Zeit, in welcher ihre Ansichten in der ganzen Welt anerkannt und geübt werden, ist die Zeit, die so hoffnungsvoll von unseren großen Propheten angedeutet wird." Also haben wir bereits zwei Jerusalem: Amerika und — Stuttgart. Feuilleton. Fiavöi Markus Benedikt. Ein biographisches Charaetergemälde von Gustav Karpeles (Fortsetzung.) In jene Zeit fällt ein Besuch des berühmten Rabbi Nathan Adler, der auf der Durchreise nach Wien, unfern bereits in der talmudischcn Welt bekannten jungen Rabbi, kennen lernen wollte. Wie erstaunte dieser in dem tiefen Schachte der talmudischen Literatur wohl bekannte R. Nathan über das außerordentliche Wissen und über den sein Wissen noch weit überragenden Scharfsinn des 21jährigen Mannes. Als er ibn jedoch, nachdem er ihm die besten Segenswünsche für seine Zukunft gegeben hatte, verließ, sagte er zu dem ihn aufai.en seinen Reisen begleitenden Dajan Lesser in einer wahrhaft, merkwürdigen, prophetischen Ahnung: Es thut mir leid um diesen Mann; die Menge seines ausgespeichencn Wissens übersteigt die ihm zugemessenen körperlichen Kräfte. Wenn derselbe aus diesem Wege fortfährt, so wird er der unter dem Namen 'Ln bekannten Krankheit binnen Kurzem verfallen. — Der Ausspruch des frommen Rabbi wurde auch in demselben Jahre noch zur Wahrheit. Eine heftige, wahrscheinlich durch übermäßige Anstrengung der Geisteskräfte entstandene Nervenschwäche entriß R. Markus Benedikt der stillen Ruhe jenes Hauses und zwang ihn, die berühmten Heilquellen Karlsbads aufzusuchen. Doch diese Krankheit wich auch durch den Gebrauch der Bäder nicht, sondern begleitete — eine göttliche Prüfung — den frommen Dulder bis an sein Lebensende. — Zu diesen körperlichen Leiden traten nun noch die Sorgen für seinen Lebensunterhalt hinzu. So lange fein Vater lebte, versorgte ihn dieser mit allem Röthigen; allein nach dessen Tode versiegten alle Quellen. Eine Anstellung als Rabbiner wollte der junge, und doch sckon so schwergeprüfte Rabbi nicht annehmen, bevor er nicht — seiner eigenen Meinung nach — dafür würdig sein werde. Und so pochte die bittere Noth gar oft als sieter Gast an die Thüre des frommen Dulders, bis er nach Jahresfrist auf vieles Zureden und Bitten, die Stelle eines Dajan und More Zedek in Nikolsburg annahm. Der damalige Landesrabbiner, Rabbi Gerson Chajes, gewann ihn auch in dieser Stellung lieb und bediente sich seiner gar oft in schwierigen Rechtsfällen. Endlich nahm er im Alter von 32 Jahre die Stelle eines Rabbiners in der von Nikolsburg wenige Stunden entfernten Landgemeinde Lundenburg an. Diese Stellung war — seinem eignen Geständnisse nach — die schwierigste, die er im Leben inne hatte. — In dieser kleinen Gemeinde regte sich schon damals der Geist des Abfalls und der Glaubenslosigkeit, der heute, durch die liebevollen Bemühungen eines destructiven Rabtiners, daselbst in vollständigen Indifferentismus, wie wir ihn in nur wenigen Gemeinden Oesterreichs und Deutschlands antreffen, ausgeartet ist. Dieser taufendköpfigen Hydra sucht R. Markus Benedikt durch die moralische Macht seiner Bitten und Reden aus den Kopf zu treten; doch nur mit schwachem Erfolge. Wer kennt nicht die Gewalt und Ueberredungskunst falscher Ausklärerei, wiesle damals zu herrschen anfing. „Denn schlägst Du mit dem Keil der Wahrheit einen nieder;" „Es tauchen aus den Trugesschlüssen zehn neue wieder." — Als bezeichnend für die Stellung R. Markus Benediktas in Lundenburg ist das Wortspiel geblieben, das er später, so oft er als Landrabbiner die erledigten Rabbinerstellen Mährens durch seine Bechurim besetzen mußte, wenn er irgend einen schwachköpfigen oder dummen Bachur schon lange auf der Ieschiba ohne Erfolg sitzen hatte, ausrief: „Nun, so werde ich ihn nach Lundenburg geben! — Mit Freuden folgte daher R. Markus einem Rufe der größeren und gottesfürchtigeren Gemeinde Schoßberg in Ungarn, wo er über ein Jahr das Rabbinat verwaltete, und erst nach dem Tode des damaligen, bereits obengenannten Landrabbiners R. Gerson Chajes wurde R. Markus Benedikt in einem Alter von 35 Jahren zum Landrabbiner der Markgrasschast Mähren und des österreichischen Herzogthums Schlesien und zum Rabbiner der jüdischen Gemeinde Nicolsburg gewählt und bald darauf von der kaiserlichen Regierung feierlich bestätigt. — Bon diesem Augenblicke an hatte R. Mordechai, durch eine solche ehrende Auszeichnung keineswegs stolz gemacht, Gelegenheit von seiner talmudischen Gehchxsamkeit Gebrauch zu machen, indem er in Nikolsburg eine Ieschiba gründete, die Jahrzehnte hindurch weit über die Grenzmarken Oesterreichs hinaus, in Deutsch¬ und Polen, zu einer der vorzüglichsten A^staltzen gezählt wurde. —