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Der Israelit · 1868-06-17 · Heft 25 (17.6.1868) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 25 (17.6.1868)
Date
1868-06-17
Page
– (sequence 18)
Language
German
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486 aufs Neue Arznei auf Borg bekämen." — Es gibt aber Orte, wo es noch schlimmer steht, als in Tarrroggen. Jeder gespendete Groschen ist bei solcher Höhe der Noch eine lebensrettende That, wenn darum mein Rechenschaftsbericht auch, „um dem Hrn. Lehmann in Mainz zu gefallen," der uns bereits 6000, age sechstausend Thaler zu unserm Zwecke übermittelt hat, wie der Verfasser meint, abgefaßt wäre, wer könnte mir das verargen? Dem ist aber nicht so. Ich hege den tiefsten Respect vor jenem armseligen häßlichen Proletariat, mit seiner ascetischen Enthaltsamkeit und seiner gierigen Beflissenheit Thora zu lernen und Mizwa zu üben, mit seiner unergründlichen, unerschöpflichen Gefühlstiese der Liebe und Fürsorge für seine Familienangehörigen, mit seiner, fast an Communismus grenzenden wechselseitigen Unterstützung. Schaue Dich um, mein lieber deutscher Leser, nach dem Proletariat Deiner hochgebildeten Stadt, dem christlichen und jüdischen und vergleiche! — Nur die grenzenloseste Armuth hat diese Menschen in Schmutz und Uncultur verkommen lassen können. Da, wo nur ein Körnchen Wohlhabenheit sich zeigt, da wird dieses sofort zur Glättung und Verfeinerung des Lebens angewandt. Und mit der Unwissenheit und Unbildung dieser Leute steht es auch lange nicht so schlecht, als dieses der Verfasser Glauben machen will. Ich kenne Männer unter denselben von so hoch poetischem Gemüth und wieder andere von so tief philosophischem Geist, welche von so unbegrenztem Wissenstriebe beseelt sind und dabei die hebräische Sprache in Prosa und Versen so geschickt zu handhaben wissen, daß so manche deutsche Soldschreiber und Lohndiener der Wisienschaft wie Pygmäen zu ihnen aufschauen sollten. In dem größer» jüdischen Städten zählen aber solche Männer nach Hunderten. Daß etwas für diese Leute geschehen müsse, damit sie nicht länger wie die Parias der Gesellschaft erscheinen und betrachtet werden, damit stimmen wir mit dem Verfasser überein; über das Was? sind wir vollkommen im Reinen, doch davon später ausführlich, zuvor gilt es, zur Aufklärung Aller dem Verfasser seinen Standpunkt durchaus klar zu machen. Es gibt eine Partei innerhalb des Iudenthums, zu welcher sicherlich auch der Verfasser gehört, die gegenwärtig jedoch auf den Aussterbe-Etat gesetzt ist, die mit einer wahren Wuth, zu reformiren, beflissen ist und Alles mit Feuer und Schwert, Blut und Eisen zu ihren Humanitätsprincipien zu bekehren im Stande, die aus lauter Humanität die höchste Inhumanität, aus lauter Toleranz die höchste Intoleranz zu üben fähig wäre. Vorzüglich kenntlich ist diese Partei an ihrem unversöhnlichem Haffe gegen den Talmud und an der starren Sucht, Alles zu nivelliren, Alles in einen socialen und nationalen Brei zu vermengen. „Ihr seid zurückgeblieben hinter dem Fortschritt der Zeit," das ist die Phrase, welche sie bei jeder Gelegenheit dem Gegner ins Gesicht schleudern und dabei merken sie nicht, daß sie selbst die Zeit längst überflügelt hat. — Wer die Tendenz der Gegenwart richtig aufgefaßt hat, der sieht, daß ihr Bestreben dahingeht, den allerweitesten Universalismus in den Schranken des allerengsten Particularismus, die allerumfaffenste Humanität im Namen der aller abgeschlossensten Persönlichkeit darstellen und verwirklichen zu wollen. Der Slave, der Czeche, der Magiar, der Franzose, der Engländer, Alles sucht sich in sich selbst zu consolidiren und mit der minutiösesten Eifersucht seine nationalen Eigenthümlichten zu bewahren und zu bewachen, unbeschadet der allerengsten Zusammengehörigkeit mit der übrigen Welt. Und wir Israeliten sollten das, was unsere nationale Eigenthümlichkeit ausmacht, was der Gesammtfleiß unseres Volkes Jahrtausende hindurch auszubilden und zu vervollständigen gesucht hat, worin die Väter gelebt und wofür sie ebenso fröhlich in den Tod gegangen sind, nun mit einem Male „hinter unfern Rücken werfen?" Welcher Staat oder welcher einsichtsvolle Mensch kann und will heutzutage noch von uns verlangen, oder braucht dadurch dem Streben nach allgemeiner Bildung, unfern Pflichten als Menschen und Bürger, dem geselligen Leben, der unbeschränktesten Humanität und Toleranz der geringste Abbruch geschehen? Und darum „wer dieses bewahrt und auch davon nicht läßt," der muß geehrt werden. So viel für jetzt dem Verfasser zur Entgegnung. Demnächst Näheres über das Leben und Treiben der betr. Glaubensgenossen und was zur Verbesserung desselben gethan werden kann. Und wen ich von den deutschen, italienischen, englischen und französischen Glaubensgenossen durch die vom Verf. besonders incriminirte Stelle meines Rechenschaftsberichts beleidigt haben sollte, den bitte ich hiermit um Verzeihung. vr. Rülf. Rechenschaftsbericht des Comit6 in Tilsit. Tilsit, 5. Juni. Nach einer nahezu dreimonatlichen Wirksamkeit, wollen wir mit Gegenwärtigem einen Bericht über unsere Thätigkeit abstatten; und haben hierbei nur zu bedauern, daß dieselbe leider nicht eine umfänglichere hat sein können. Wenn wir fast den ganzen Winter hatten hingehen lassen, ohne unsere Stimme für die unglücklichen Glaubensbrüder in Rußland und Polen zu erheben, so geschah es deshalb, weil wir den durch benachbarte Comitö'S angeregten WohlthätigkeitSsinn nicht zersplittern mochten, auch der Hoffnung waren,

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