Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1868)
- Date
- 1868-06-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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IX. Jahrgang. Extra-Beilage zu Nr. 25 des Israelit. Nothstands-Angelegenheiten. Memel, 31. Mai. Es ist ein trauriges Symptom, daß keine Handlungsweise, und sei sie auch aus den edelsten Motiven entsprungen und verfolge sie auch die besten, menschenwürdigsten Zwecke, vor Verumglimpfung sicher ist. Kaum hatte daö Unterstützungökomitä in Schippenbeil seine Thätig*eit mit Erfolg begonnen, als es ungerechtfertigte Angriffe von Ostpreußen her in diesem Blatte erfuhr und jetzt geht cö uns hier nicht besser. Da ist ein „Schreiber dieses" aus Ostpreuf en, welcher sich in Nr. 22 der „Zeitung des Judenthums" mit einer gewissen innerlichen Verbissenheit und Versessenheit gegen das hiesige Komitö zur Unterstützung der hungernden Glaubensgenossen in Westrußland, besonders aber gegen des Unterzeichneten Rechenschaftsbericht wendet, der ihm, wie er sagt, das Herz hat erzittern lassen. Ich überlaffe dem Verfasser von Herzen gern d^>S Verdienst der Pricrität, zuerst in der „Zeitung des JudenthumS" auf daS El nd der Juden an der Grenze aufmerksam gemacht zu haben, rede auch nicht weiter von den Insinuationen, welche mir der Verfasser unterstellt;. aber gegen seinen Versuch, eine Bevölkerung von vielleick t einer Million Glaubensbrüder. als unehrliche und unmoralische Menschen, als Diebe und Pascher (Schmuggler) und als der Wohlthaten un würdig, hinzustellen, dagegen muß ich protestiren mit aller Kraft und En schiedenhrit und für diesen meinen Protest einstehen mit Leib und Leben. Wie eS sich in Wahrheit hiermit verhält, davon in einem später« Berichte; zunächst wollen wir dem Verfasser den eignen Standpunkt ein bischen klar machen und ihm zeigen, wie es um seine eignen Auslassungen steht. Ich muß vorauSsetzcn, daß eS demselben ergeht, wie deutschen GlaubenSbrüdern überhaupt, und wie eS mir selbst ergangen, als ich von ganz andern Theilen Deutschlands nach diesen Gegenden gekommen bin, — er hat nur sehr unvollkommene Kenntniß vom Leben und Treiben der russiscken und polnischen Israeliten. Wäre dieses nicht der Fall, müßte man annehmen, eS spräche aus dem Verfasser blos die Parteibefangenheit, so gäbe eS wahrlich nicht Worte des Abscheues und der Verachtung genug, um solches Gebühren und Verfahren zu brandmarken. Wie habt Ihr deutschen Brüder Euch doch mit höchster Entrüstung dagegen verwahrt, als man Euch nech vor -12—15 Jahren und theilweife noch bis auf diese Stunde ähnliche Beschimpfungen andichtete und das waren doch keine Glaubensgenossen; hier aber redet der Glaubensgenosse von dem Glaubensgenossen. Der Verfasser meint wörtlich: „Besser wäre es gewesen, wenn er die Juden Europas aufmerksam mach'c, diese Leute zu unterstützen,-daß sie dem Unterrichte und der Bildung der Neuzeit sich nähern möchten." — Ein voller Bauch, sagt man, studirt nicht gern; aber ein van so wütbendem Hunger geplagter und zernagter, der kann nicht studiren. Was später geschieht, weiß der Verfasser ja nicht, vorerst aber gilt es diese armen Menschen dem Hungcrtode zu entreißen. Mit matten, abgezehrten Gliedern haben sie sich über die Grenze herüber geschleppt und sind uns, ohne daß wir retten konnten, vor den Augen Hungers gestorben. Andere hat der Genuß schlechter und unverdaulicher Nabrungsmittel getödtet. Ein Mann auS C'ottingen, zu den Insassen des Beth-Hamidrasch gehörend. batte mehrere Tage gar nichts gegessen, da war ibm ein kleines Quantum Mehl zugetheilt worden, dieses war eiligst gekneten, auf dem Heerde gebacken und heiß und halbgar verschlungen worden; der geschwächte Magen war daS zu vertragen unfähig; der Mann starb unter den Händen hiesiger Aerste, welche vergeben« ihm Rettung zu bringen sich mühten. Auf diese Weise sind auch anderwärts Viele gestorben. Der Hunger ist ja eine unwiderstehliche, das ganze LebenSgetiiebe im Schwung erhaltende Macht. — Ein Selbstmörder ist unter den Juden dieser Gegenden vermöge ihres ganzen Charakters und ihrer Lebensanschauung etwas Unerhörtes. Da war ein Mann, wenn ich nicht irre, in Laucowa, der hatte ein Häuflein kleiner Kinder, die unaujhörlich: „Tate, ein Stückle Brod!" riesen. Die Kleinsten hatten sich gegenseitig die Händchen zersogen und zernagt, das konnte der Vater nicht länger ertragen und er ertränkte sich in einem nahen Gewässer. Da zittert auch mir daö Herz, indem ich dieses niederschreibe. Vor wenigen Tagen schrieb uns der Rabbiner Ohl schwang aus Tauroggen, ein Mann, der eben so religiös als gelehrt und human: „Brüder! schaffet Rath und Hilfe, wenn wir nicht Alle zu Grunde gehen sollen. Hunderte von Krankheit und Hunger dahinsiechende Menschen umlagern mein Hauö und fordern mich auf, zu Gott zu beten und zu schreien, sie doch eines raschen TodeS sterben zu lassen, damit sie selbst nicht so lange zu leiden und nicht anzusehen brauchten, wie ihre Weiber und Kinder dem Hungertode erliegen. Das Geld, welches ihr zur Unterstützung der Hungernden gesandt, haben wir anwenden müssen, um für unsere massenhaft Erkrankten die Apothekerrechnungen zu bezahlen, damit wir