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Der Israelit · 1868-05-13 · Heft 20 (13.5.1868) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 20 (13.5.1868)
Date
1868-05-13
Page
– (sequence 17)
Language
German
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IX. Jahrgang, Extra - Beilage za Rr. 20 des Israelit. Erster Rechenschaftsbericht des Vereins zur Linderung des Nothstandes der Israeliten an der benachbarten russischen Grenze zu Memel. Ein schmaler Strich Landes, von der Ostsee beginnend, nach Süden hin sich mehr und mehr ausbreitend und längs der deutschen Grenze hinlaufend, bis zur Donau und zum schwarzen Meere reichend, ist derjenige, wo die größte jüdische Bevölkerung in Europa, ja in der ganzen Welt anzntreffen ist. Am dichtesten ist sie jedoch in dem Theile zusammengedrängt, welcher von der Ostsee bis zum Narew und Bug, etwa 40—50 Meilen breit sich hinzieht; 80bis90o/o der Städtebevölkerung sind daselbst Juden, und gerade dieser Theil ist es, welcher vom Nothstande betroffen ist. Vom Leben und Treiben dieser jüdischen Städte hat der Deutsche so wenig Kenntniß und Vorstellung, wie vom Leben und Treiben seiner Brüder jenseits des Sambathion. Er kennt und beurtheilt sie meistens nur nach den wenigen Bettlern, welche von diesen Gegenden bis zu ihm hingekommen. Aberso wenig, wie man nach den einzelnen, Mäusefallen verkaufenden, Drehorgel spielenden Savoyarden die Italiener beurtheilen kann, ebensowenig die Juden dieser Gegenden nach jenen verlaufenen und manchmal verkommenen Menschen. Die Unduldsamkeit und Verfolgungssucht weiter gegen Osten und weiter gegen Westen ließen sie besonders in diesen Gegenden Schutz suchen und finden, und indem sie von da aus den Verkehr zwischen dem Osten und Westen zu vermitteln begannen, haben sie sich daselbst immer mehr zusammengedrängt. Jeder fand daselbst sein Stückchen Brod als Geschäftsmann, Handwerksmann oder Diener der Religion und ihrer Gesetzlichkeit. Seitdem aber durch die modernen Verhältnisse, Verkehrsmittel und Wege das Geschäft ganz andere Bahnen eingeschlagen und eine ganz andere Gestaltung gewonnen, ist diese Gegend immer mehr verarmt; seit fünfzehn bis zwanzig Jahren hat der Nothftand daselbst seinen permanenten Sitz, und in diesem Jahre hat ihn Mißernte, Geschäftslosigkeit und ein Steuerdruck ohne Gleichen zu immensen Dimensionen anwachsen lassen. Was soll z. B. der Händler beginnen, wenn Niemand etwas zum Verkaufe anbietet, was der Handwerker, wenn Niemand etwas arbeiten läßt? Die Juden bilden die Städte-, die Christen die Landbevölkerung; Handel und Handwerk ist in der Hand der Juden, der Ackerbau in der Hand der Christen, nämlich vorzugsweise i in der Hand der großen Grundbesitzer und ihrer! ehemaligen Hörigen. I War die Ernte gut, so haben Händler und Hand-! werter vollauf Beschäftigung, die Producten, die j ihnen der Bauer bringt, zu verwerthen und ihm dafür alle Gegenstände seines Verbrauches zu liefern und zu verfertigen. Betrachten wir nur ein einziges Gewerke, die Schneider. Was nicht in der Stadt Beschäftigung findet, das nimmt seine schneidenden und stechenden Waffen und geht zu Hunderten heraus auf's Land und nähet in den Häusern der Bauern und Gutsbesitzer; am Ende der Woche kommen sie nach Hause, bringen nicht viel Geld, aber eine Masse von Lebensmitteln heim, wovon die Familie die Woche zu leben hat. Viele haben in diesem Jahre nicht ein Stückchen Brod verdienen können, der Bauer hatte selbst keines; und wie mit diesem, so war eö mit den andern Gewerben und Gewerken, und diese Leute sind cs, welche am meisten leiden und wovon Viele Hungers gestorben sind. — Und wisset, Ihr Brüder, was man von diesen Leuten hört und sieht, ist wohl geeignet, Respekt vor ihnen einzuflößen. Des Morgens, vielleicht schon vor 5 Uhr, sammeln sie sich im Beth-Hamidrasch und verweilen dort, um zu beten und zu lernen, oft bis neun Uhr; Abends sieben Uhr im Sommer, und im Winter noch viel früher, sind sie wieder daselbst zu gleichem Zwecke. Schlichte Handwerker und Arbeiter sind dadurch zu Talmudgelehrten geworden und cs ist gar keine ungewöhnliche Erscheinung, daß Zimmerleute oder Maurer hoch oben auf dem Gerüste über eine n-qd in der nt::i discutiren und disputiren, oder Steinklopfer an den Wegen einen scharfsinnigen 'pisbD führen. Ein Freund erzählte mir dieser Tage folgende Sache: In der Stadt Tels oder Telschen gibt's Handwerker, welche es bei der oben beschriebenen Lebensweise zu tüchtigem, talmudischem Wissen gebracht haben, freilich nicht gerade zum Vortheil ihres Handwerkes, das dadurch stark vernachlässigt wird. Darüber waren die Handwerkerfrauen nun schon lange ungehalten. Da hat sich nun dort noch ein Verein gebildet, welcher es sich zur Aufgabe gemacht hatte, immer je den zehnten Tag ganz dem Talmudstudium zu widmen. Das erregte nun einen wahren Revolutionssturm unter den Frauen und sie brachten es auch dahin, daß sich der Verein wieder auflöste. Aber, kann man ftagen, gehört denn das auch in einen Rechenschaftsbericht? Gewiß! Ihr wollt doch auch wissen, wem Ihr Eure Gaben spendet, und daß Ihr sie an keine Unwürdigen wegwerfet. Die einlaufenden Gaben werden, wie Ihr bemerkt haben werdet, von Zeit zu Zeit in diesem Blatte veröffentlicht. Im

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