Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1868)
- Date
- 1868-05-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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373 schönen Portugiesin zu dem Herzog kam auch der Königin Elisabeth zu Ohren, welche Mariam zu sich kommen ließ und sie mit Auszeichnung behandelte; sie nahm sie in ihren Wagen und fuhr mit ihr durch die Straßen der großen Hauptstadt, um den Bewohnern den Anblick dieser strahlenden Schönheit zu gewähren. (Es ist diese Auszeichnung um so bemerkenswerther, als das Weib Elisabeth, so stolz auch die Königin in ihr war, nicht ganz frei von der weiblichen Schwäche der Eifersucht war, wie ja auch dieses kleinliche Motiv Mitursache zu dem tragischen Ende der schönen Marie Stuart gewesen sein soll.) Mariam kümmerte sich aber wenig um diese Ehrenbezeugungen, sie hatte kein Ohr für die ehrenvollen Anträge des Herzogs, für die inständigen Bitten der Majestät: sie siebte um ihre Freiheit. Mariam Nunes Pereira verließ England und setzte mit ihren Verwandten die Reise nach Holland fort. Einige Jahre später kam auch ihre Mutter mit den übrigen Geschwistern ihr nach; ihrem Beispiele folgte bald eine nicht unbeträchtliche Anzahl spanischer und portugiesischer „Maranen" (so nannte man die Abkömmlinge des jüdischen Stammes, die äußerlich, durch das Staatsgesetz gezwungen, den Gebräuchen des katholischen Christenthums sich anbequemten). Die günstigen Nachrichten, die von den angesiedelten Maranen auf heimlichen Wegen nach Spanien und Portugal gelangten, lockten immer mehr zur Auswanderung, und Amsterdam wurde der Sammelplatz der gebildetsten und reichsten unter den portugiesischen Juden. Philipp II. erlebte es noch, daß die beiden Volksstämme, die er am blutigsten gehaßt und verfolgt hatte, die Niederländer und die Inden, sich zum Verderben seiner Schöpfungen gewissermaßen die Hand reichten, denn der Staat Hollanv hatte seinen Nutzen von den portugiesischen Juden. Es war früher in seinen materiellen Beziehungen zu keinem nachhaltigen Aufschwünge gelangt; blühender Handel und Luxus waren nur im Süden, im eigentlichen Flandern heimisch; die Abgeordneten der Nordstaaten dagegen pflegten zu den Versammlungen unter Wilhelm von Oranien ihr Schwarzbrod und ihren Käse mitzubringen. So waren denn die Kapitalien, welche die Maranen allmählich nach Amsterdam brachten, sehr willkommen und kamen dem ganzen Lande zu statten. Erst dadurch waren die Holländer im Stande, den Grund zu ihrer Größe zu legen, indem sie den indischen Handel den mit Spanien in einer Mißeh; verbundenen Portugiesen entrissen. Die Kapitalien der Maranen haben ohne Zweifel die Gründung der großen überseeischen Gesellschaften und die Ausrüstung von Handels Expeditionen erst ermöglicht; sie waren, wie der portugiesische Rabbiner Menassee ben Israel in seiner Zuschrift an den Protektor Cromwell hervorhob, bei diesen Unternehmungen vorwiegend betheiliqt. Auch durch die Verbindungen, welche die portugiesischen Juden mit heimlichen Glaubensgenossen in den indischen Besitzungen der Portugiesen unterhielten, wurden die Unternehmungen der Holländer gefördert. So konnte Amsterdam bald die Juden, welche Reichthümer und Weltkenntnis dahin verpflanzt hatten, nicht mehr entbehren. Die veralteten Vorurtheile gegen sie schwanden daher im näheren Verkehr mit ihnen immer mehr; denn die eingewanderten Juden verrietben durch ihre gebildete Sprache, ihre Haltung und Manieren nicht, daß sie einem unterdrückten Volköstamme angehörten. Sie traten vielmehr durchweg als Gelehrte oder Edelleute auf und wurden deßhalb auch mit einer gewissen Vorliebe behandelt. Bald wuchs ihre Zahl zu mehreren hundert Familien an, deren Nachkommen noch heute eine ansehnliche Gemeinde repräsentiren. Es verstand sich von selbst, daß diesen Einwanderern die Erlaubniß zur Erbauung von Gotteshäusern leicht gestattet wurde. So wurde, nachdem sie fast 80 Jahre lang in mehreren kleinen Synagogen ihren Gottesdienst verrichtet hatten, in Anbetracht der stets zunehmenden Mitgliederzahl, wie oben angegeben, in den Jahren 1670-^75 ein neues Gotteshaus errichtet, dessen imposante Größe, verbunden mit edel einfacher Bauart und reicher Ornamentik, damals von jüdischen und christlichen Zeitgenossen besungen wurde und das noch heute von fast jedem Besucher Amsterdams in Augenschein genommen wird. In derselben Synagoge wird seitdem nach altherkömmlichem Gebrauch täglich ein dreimaliger Gottesdienst abgehalten, der in seinen Melodien an die merkwürdige Entstehung der Synagoge und Gemeinde erinnert. (Omnibus.) ANZEIGEN. u sofort oder Johannis d. I. findet in hiesiger Gemeinde ein Religionslehrer, Vorbeter und Schächter ein Engagement. Gehalk beträgt außer freier Wohnung, Mittag-, Abendtisch, Bedienung, Heizung und Schächtergebühren (letztere bringen ca. 20 Thlr. ein), 110 Thlr. Pr. Cour. Qualificirte Bewerber wollen mit dem Unterzeichneten Vorstande in Unterhandlung treten. Neustadl in Mecklenburg, im April 1868. Jonas Ascher jun.