Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1868)
- Date
- 1868-05-06
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447343-2447361--06113-2461652- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
356 hat namentlich in den Jahrhunderten der Verbannung des jüdischen Volkes in jedem Sinne seine Bestätigung gefunden. Mag manche Nation einzelne der Kriege, von denen sie heimgesucht worden ist, unter die günstigen Ereignisse ihrer Geschichte zählen, wegen der heilsamen Folgen, die ihr aus denselben erwuchsen,— den Juden wurden während der langen Zeit ihrer Trauer immer nur Laute tieferen Schmerzes ausgepreßt, so oft das würgende Schwert die Gefühle der Billigkeit und Menschenliebe niederhielt, und bei der Wiederkehr der Ruhe ward ihnen kein Gewinn zu Theil, der Trost gewährt hätte für das Erduldete. Diese Wahrheit insbesondere auch an dem Verlaufe des großen Krieges nachzuweisen, der dreißig Jahre lang unser deutsches Vaterland durchtobte und ein Volk in zwei Lager gespalten hielt, ist eine Aufgabe, durch deren Lösung um so sicherer der Dank jedes Geschichtsfreundes erworben werden kann, als eben dieser Krieg herbeigeführt war durch den Widerstreit zweier Bekenntnisse, die einander mit solcher Erbitterung und solchem Hasse bekämpften, als nur je in früheren Jahrhunderten die abweichende Religion des israelitischen Volkes den Andersgläubigen eingestößt hatte, in deren Mitte dastelbe lebte. Wir müssen es daher lebhaft bedauern, daß wir eine eingehende Behandlung des angedeuteten Problems bei den jüdischen Geschichtschreibern noch vermissen, und so ist es wohl dankenswerth, einzelne Thatsachen und Ueberlieserungen zu sammeln, die ein Licht daraus werfen, wie das Judenthum während des großen Religionskrieges des 17. Jahrhunderts zwischen den feindlichen Theilen sich bewegte und wie ihm von diesen begegnet ward. Einen Beitrag zur Aufklärung über den letzteren Punkt finde ich in einem Passus einer zeitgenössischen Geschichtsquelle, auf den ich deßhalb aufmerksam zu machen mir erlaube. In einem Volkslied vom Jahre 1621 *), das die Schicksale des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz, des sogenannten Winterkönigs schildert, die kurze Dauer seiner Herrlichkeit als Beherrscher der Böhmen *) Das böhmische Jaghörnlein» gedruckt in der Hauptstadt Prag« im Jahr 1621 — Wieder abgedruckt bei Opel und Cohn, der 30jährige Krieg S. 71— 84. und seine rasch erfolgte Niederlage, wird ausgeführt, durch welche Mittel der Pfalzgraf die kaiserliche Partei zu schwächen, seine Macht dagegen zu verstärken suchte, und hier heißt es von seiner Thätigkeit: Die Ungern thät man Hetzen . An Mähren und Oesterreich, Die Jüden ließ man schätzen Zu Prag und auch im Reich, Desgleichen auch die Pfaffen, Die Bürger und Bauern; Wer darzu nicht mocht lachen, Den ließe man trauern. Wir haben hier das unverdächtige Zeugniß eines liebenswürdigen Volksliedes, das „mit Wahrheit ist gesungen, darein auch Nichts erdicht," über die Art, wie die Juden herbeigezogen wurden zur Aufbr ngung der Kriegslasten. Dem Verfasser haben offenbar ganz specielle und bestimmte Thatsachen gerade darüber Vorgelegen, daß die Prager Judenschaft von dem neuen Herrscher, dem „Befreier von Oesterreichs Joch," nicht viel Gutes erfuhr. Man wird sich aber wohl hüten müssen, aus der Jsolirtheit dieser Angabe einseitig gegen den Kurfürsten zu urtheilen und ihm allein einen besonder» Judenhaß zuzuschreiben; im Gegentheil läßt uns des erwähnten Königs von Böhmen Verfahren gegen die ihm unterthan gewordenen Juden einen traurigen Schluß ziehen auf die Verfolgungen, welche denselben in den weiteren Jahren des Krieges von Seiten habgieriger Führer und verwilderter Kriegshorden noch bevorstanden. Und als die langen, traurigen Jahre des Kriegs zu Ende gingen, und die Gegner, die einander bekämpft, Verträge unter sich abschlossen, da ward den Juden kein Recht und keine Freiheit festgesetzt, und an Achtung hatten sie nicht gewonnen bei ihren Mitbürgern. Heil erblühte ihnen aus dem blutgetränkten Boden nicht. Es mußte eine Zeit des Friedens kommen, in welcher die Menschen durch die Pflege ihres Geistes und die Veredlung ihres Herzens fähig wurden, das Unrecht einzusehen, das dem jüdischen Volke seit zwei Jahrtausenden geschehen war. L. verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf »Schnellpreffendruck von I. GottSleben in Mainz.