Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1868)
- Date
- 1868-05-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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349 haschera. Gewiß! Wir brauchen nur das Letztere zu betonen, um der Erhörung unsere Bitte sicher zu sein!" Wien, 26. April. Herr Oberrabbiner (?!) Fasset in Gr.-Kanisa erläßt an den Redacteur der „Neuzeit" ein Schreiben, das mit den Worten beginnt: „Seit der jüngsten (!) Zeit verfolgt die so gediegen redigirte „Neuzeit" die Tendenz, den Talmud zu bekämpfen, den Schulchan Aruch in den Koth zu treten!" Also Jemand, der die Stirn hat. sich Oberrabbiner zu nennen, hält eine Zeitschrift für gediegen redigirt, die solche schändliche Tendenzen verfolgt. In welch einer Zeit leben wir doch! Wien, 29. April. Ein Privattelegramm der „Abendpost" aus Jassy meldet: Zwei Compagnieen und eine Escadron rumänischer Truppen wurden nach Bakeu verlegt. — Fürst Karl ist heute nach Bukarest zurückgekebrt. Pesth Wie wir dem „P. Ll." entnehmen, beträgt der ung.-isr. Schulfond gegenwärtig nahe an zwei Millionen, und beläuft sich der jährliche Zinsenertrag dieser Summe auf mehr denn 190,000 st. öW. DVedßkirchen Die jüdische Gemeinde dahier hat den Minister Giskra zum Ehrenmitglied ernannt. Der Minister hat diese Ernennung mit Freuden angenommen und aus telegraphischem Weg seinen herzlichen Dank ausgedrückt. Holland. Amsterdam. In Holland sind 37 Diamant- Schneid- und Schleifereien mit 305 Arbeitern, die meistens Israeliten sind. Im Durchschnitt verdient ein Schleifer S1/2 st. per Tag. (N. Weekbl.) Donaufür ftenthümer. Jassy 23. April. Fürst Karl ist am 20. d., an seinem Geburtstage, Abends, hier angekommen und mit seiner Suite, worunter sich die Minister Johann Bratiano und Gusti befinden, im Palais des Me!ropoliten abgestiegen. Trotz der doppelten Feier des Tages, trotz der anbefohlenen Illumination konnte es dem unbefangenen Beobachter nicht entgehen, wie gedrückt und unerquicklich die hiesige Stimmung sei, die in dem kühlen, lautlosen Empfang ihren Ausdruck fand. Die Reise des Fürsten scheint durch die dringenden Vorstellungen der garantirenden Großmächte veranlaßt worden zu sein, damit sich derselbe persönlich überzeuge, inwiefern er von seinen Ministern und Präfecten über die wahre Sachlage getäuscht wird. Ein geschickter Schachzug war es daher, daß Telegramme in den hiesigen Blättern veröffentlicht wurden, welche den Fürsten die Route über Fokschani-Berlad nehmen ließen, wobei wahrscheinlich die Absicht maßgebend war, die Aufmerksamkeit der Unglücklichen des Bakeuer Bezirkes von der Ankunft des Fürsten abzulenken. Diese erfolgte jedoch in Bakeu zu rasch, als daß Präfect Leeca Zeit gehabt hätte, die dort herumirrenden Dörfler als Vagabunden fortzuschaffen und so den Platz zu säubern. Am 19. d. um 4 Uhr Nachmittags langte Fürst Karl in Bakeu an. Sogleich versammelten sich vor seiner Wohnung viele Hunderte der unglücklichen aus ihrer Heimath vertriebenen Juden mit ihren hohlwangigen Weibern und halbnackten Kindern — ein trauriger Anblick für einen einziehenden Regenten! Diese andringenden Bittsteller wurden jedoch nicht zugelassen, die jüdischen NotabAn der Stadt aber für den zweiten Morgen zur Audienz beschieden. Die Zwischenzeit benützte Minister Bratiano, um einen Emissär in der Person des oft mit den Notabeln verkehrenden Generalcassiers des Bakeuer Kreises an dieselben zu entsenden. Dieser übergab ihnen eine fertig geschriebene Ergebenheits-Adresse an den Fürsten, worin ihre vollkommene Zufriedenheit mit der gegenwärtigen Regierung und dem Präfecten Lecca besonders betont wird. Dieser Emissär, nicht als ausgesprochener Judenfeind bekannt, gab ihnen den Wink, daß Regierung und Präfect reuevoll Alles gutmachen wollen; es sei deßhalb nöthig, ihrer beim Fürsten lobend zu gedenken. Die Notabeln, welche sofort den Hintergedanken dieses unerbetenen Rathes witterten, versprachen zwar, ihn zu befolgen, um desto sicherer zur Audienz zugelassen zu werden, verfaßten aber eine Adresse ganz anderen Inhaltes. In dieser beschweren sie sich über alle erlittene Unbill, und als sie am 19. d. um 9 Uhr Morgens dem Fürsten in Gegenwart des k. k. österreichischen Starosten, Rittmeisters außer Dienst, Frhr. v. Albon, diese Adresse übergaben, legten sie dem Fürsten in muthigen Worten den wahren Lüand der Dinge dar, während Baron Albon die Vorgefundenen Spitzkugeln vorzeigte, die er als diejenigen mit Fachkenntniß bezeichnet^ die, von Baron Eder bekanntlich vergebens reclamirt, an die Nationalgarde vertheilt wurden. Nachdem die Deputation von Sr. Hoheit freundlich entlassen worden, berief sie Minister Bratiano durch eigenhändiges Anklopfen am Fenster in sein Cabinet. Er machte ihnen mit harten Worten Vorwürfe darüber, daß sie ihre Schmerzensschreie nach Europa dringen ließen, worauf sie ihm die vielen Quittungen über die an ihn selbst gerichteten Telegramme, die ohne jeden Erfolg blieben, vorzeigten und ihn fragten, was sie unter dermaligen Umständen hätten thun sollen? Inzwischen füllte sich der Vorplatz mit einer erschreckenden Anzahl der von allen Seiten herbeigeeilten vertriebenen Judenfamilien. Nicht 500 ist ihre Zahl, sondern über tausend; die Vertriebenen waren nicht von der Stelle zu bringen, bis der in die Kirche fahrende Fürst anhielt und ihre Bittschriften entgegennahm. (N. fr. Pr.)