Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1868)
- Date
- 1868-04-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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319 Feuilleton. Elvire. (Mitgethrtlt von eine« Rabbiner.) (Fortsetzung.) VI. Wie ein Verzweifelter kam Metz zu mir. „Theurer Freund," rief er, „wie hast du so Recht gehabt! — Ach, du hast mich oft genug gewarnt!" Dann erzählte er mir Alles, was vorgegangen war. Weinend bat er mich, auch meinen Einfluß auf Elvire geltend zu machen und sie ihren Eltern aufs Neue zu gewinnen. Ich ließ das Mädchen zu mir rufen. Meine Frau und ich, wir versuchten alles Mögliche. Bitten, Ermahnungen, Vernunftgründe — Alles erwies sich vergeblich. Vergeblich führte ich ihr die edlen Gestalten der Heldinnen, Prophetinnen und Dulderinnen unseres Volkes vor. Die Equipage des Ministers, sein hoher Rang im Staate, das glänzende HauS, welches die künftige „Excellenz" zu machen hoffte, die gewinnende Persönlichkeit Wettings — das Alles erwies sich stärker als Vater und Mutter und Lehrer; denn das religiöse Gefühl war durch zu viel Allotria, mit denen ihr Geist durch eine verkehrte Erziehung war angefüllt worden, versiacht und, wie wir später erfuhren, hatte der Umgang mit leichtsinnigen Altersgenossinnen, einen schlimmen Einfluß auf des Mädchens Charakter geübt. — Die ministerielle Vorlage des neuen Ehegesetzes ging in den Kammern durch und erhielt die landesherrliche Bestätigung. Wetting hielt nochmals um die Hand ElvirenS an und wurde natürlich wiederum zurückgewiesen. Elvire aber beharrte darauf, Niemanden anders als Wetting heirathen zu wollen. Da gab es traurige Tage im Hause meines Freundes; er und sein edles Weib siechten dahin; sie schienen Beide binnen weniger Tage um zwanzig Jahre älter geworden zu sein. Hier hatte ich so recht die Gelegenheit, zu beobachten, wie selbstsüchtig das Uebermaaß von Liebe diejenigen Menschen macht, welche doch gerade dafür am meisten dankbar sein sollten! Elvire, der Augapfel von Vater und Mutter, der stete Gegenstand ihrer Sorgfalt und Zärtlichkeit, konnte ruhig den Kummer der Eltern mit ansehen; sie blieb stumm bei den bittersten Vorwürfen; nicht Bitten und Thränen konnten sie erweichen. Sie beharrte bei ihrem Entschlüsse: Wetting oder Keinen! Andererseits war es in der That erhebend, die Einmüthigkeit zu beobachten, mit welcher Adolph, und seine Gattin ihren heiligen Pflichten getreu blieben. Und was hatten sie Alles zu überwinden! Das Berhältniß war nicht lakqe Geheimniß geblieben. Da kacken die Vetterst und Basen, die angeblichen und wahrhaften Freunde von weit her, um Frieden zu stiften zwischen den Eltern und der Tochter. Anfangermahnten sie die Tochter zum Gehorsam; war daS vergeblich, so ermahnten sie die Eltern zur Nachgiebigkeit. Dann kamen aber noch Andere; die sprachen ein in unserer Zeit gar furchtbar klingendes Wort aus, das Wort: Fanatismus. „Seien Sie doch kein solcher Fanatiker , lieber Metz." — „Bekämpfen Sie doch den mittelalterlichen Fanatismus Ihres Mannes, verehrte Frau Metz!" — „Greifen Sie doch zu, wenn Ihnen ein Minister als Schwiegersohn geboten wird und lassen Sie Sich doch durch religiöse Vorurtheile das Leben nicht verbittern!" — „Wir leben in einer Zeit der Freiheit, und Sie wollen Sich von veralteten Religionsvorschriften knechten lasten?" So g'ng es Tag aus, Tag ein, und so wurde Elvire in ihrem Ungehorsam bestärkt. Aber Keiner war da, der Muth und Trost zusprach, und dennoch wankten Adolph und seine Gattin nicht einen Augenblick. Nicht lange darauf zog sich Elvire eine Erkältung zu — ein mit Husten und Schnupfen verbundenes Katarrhfieber. Ein Arzt wurde herbeigerufen; er schüttelte bedenklich den Kopf. Wenige Stunden nachher kam ein Brief von dem Jünger AeskulapS, ist welchem er das Leiden Elvirens als ein Seelenleiden schilderte und die Eltern für alle etwaigen Folgen verantwortlich machte. Die fortgesetzte Weigerung, die Heirath mit Wetting zu gestatten, könne das Leben der Tochter aufs Ernsteste gefährden. Als ich am Abend meinen Freund besuchte, zeigte er mir den Brief; ich wurde blaß, als ich ihn las. „Was gedenkst du zu thun?" fragte ich tonlos. „„Ich werde nicht nachgeben; mag sie lieber sterben."" In demselben Augenblicke trat Frau Metz herein; sie hatte geweint. Ich sah Adolph fragend an. „„Meine Frau;"" sagte er, „„weiß von jenem Briefe; sie ist ganz meiner Ansicht."" Ich aber laS den schweren Kummer in den Augen der unglücklichen Eltern; ich schickte nach einem andern Arzt. Als derselbe kam, verordnete er der Patientin zwei Tassen heißen Lindenblüthenthee's — und siehe da, Elvire konnte sckon am andern Morgen das Bett verlassen. Später erfuhren wir, daß der zuerst consultirte Arzt ein intimer Freund Wettings sei. Unterdeß hatte Wetting ein Gesuch beim LandeSfürsten eingereicht, daß derselbe Elvire Metz mündig