Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1868)
- Date
- 1868-04-22
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447343-2447359--06063-2461600- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
308 Beihilfe für unsere in großer Noth lebenden Glaubensbrüder gewährt werden möge. Liebemühl in Ostpreußen, im April 1868. Der Vorstand der Synagogengemeinde. C. Rosenthal. S. Hirsonfeld. Jl Jacobsohn. Aus Ostpreußen, im April. Seit dem Bestehen Ihres geschätzten und weitverbreiteten Blattes war wohl in demselben noch nicht von der Provinz Preußen resp. Ostpreußen so viel die Rede, als in letzterer Zeit. Es ist auch ganz natürlich. Was soll ans dieser Provinz über Juden und Judenthum berichtet werden? Gibt es ja außer Königsberg in den beiden Regierungsbezirken Königsberg und Gumbinnen keinen einzigen von einer Gemeinde angestellten Rabbinen! Endlich will aber die Vorsehung, daß auch von Ostpreußen einmal in der Welt gesprochen werden soll pan by ajn finp'i. Es entsteht eine Hungersnoth und die Redaction d. B., die seit Jahren für alle Bedrängten und Elenden sorgt, fordert die Israeliten dieser Provinz auf, ein Comits zum Empfange und zur Vertheilung der gesammelten Gelder zu bilden. Der einzige Rabbiner in Königsberg hat nicht Zeit ein solches ins Leben zu rufen. Der große Gelehrte Jolowicz nimmt lieber Christen ohne Beschneidung und ohne Bad ins Judenthum auf. Die reichen Juden der großen Gemeinden Königsberg, Tilsit, Insterburg rc. haben kein Ohr für einen solchen Aufruf. Es ist daher nicht hoch genug anzuschlagen, daß die kleine unbedeutende Gemeinde Schippenbeil mit ihrem Dutzend es unternommen hat, ein jüdisches Central-Unterstützuugs - Comile zu bilden. Alle Ehre dieser kleinen Gemeinde, welche die großen Gemeinden tief beschämt, die noch nie etwas für Juden und Judenthum gethan und viel zu indifferent und unfähig sind, je etwas dafür zn thun. Jetzt, nachdem es zu spät ist, mögen sie sich genug ärgern und ein Correspondent aus Gumbinnen versucht es in Nr. 13 d. Bl. das Comitö in Schippenbeil zu verläumden und dessen Thätigkeit zu verdächtigen. Das Comits in Sch. jedoch hat das Verdienst erworben, viele jüdische Familien in Ostpreußen, die im vergangenen Winter halb erfroren und verhungert wären, glücklich gemacht 'zu haben. Wenn es auch Gemeinden, wie Rastenburg, Heilsberg u. s. w. unterstützt hat, so ist daS eben ein Beweis, daß selbst begüterte Gemeinden, die jederzeit ihren Armen selbst aufgeholfen haben, jetzt auch fremde Hilfe in Anspruch nehmen müssen, indem Handel und Gewerbe bei uns furchtbar darnieder liegt und das baare Geld nur in Händen Einzelner ist. Dazu gibt es in der Provinz eine Masse heruntergekommener Handwerker, die während des Winters all ihre Habe veräußern mußten, um ihr Leben fristen zn können. Diese wollen nun zum Frühjahre ihr Handwerk wieder beginnen, aber womit? fragen wir den Correspondenten aus G.! — Das jüdische Central- Comite in Sch. übt mit den eingegangenen Geldern auch n"J und gibt solchen Handwerkern Darlehen, die sie in kleinen Raten abzuzahlen haben. Ist das nicht menschlich und echt jüdisch gehandelt? mi» npian p Einsender dieses glaubt also die Verhältnisse Ostpreußens und die Thätigkeit des Comitös in Sch. besser zu kennen als der Correspondent aus G. und behauptet, daß alle Spenden, die für Ostpreußen bestimmt sind, nach Sch. befördert werden müssen. Denn wir wissen nicht, was uns noch bis zur neuen Ernte bevorstebt, und der noch etwa größer werdenden Noth muß kräftig entgegengearbeitet werden. Wenn auch die Noth unter unseren Glaubensgenossen in Polen und Rußland eine weit größere, ja eine gefährliche sein mag, so muß man bedenken, daß dort immer Noch und Armuth ist, und daß das dortige Elend auch mit Hunderttausenden nicht ganz gelindert werden kann, indem der Staat und die dortigen Reichen anderer Provinzen nichts thun. Sollen also die diesseitigen Armen deßwegen ganz vernachlässigt werden? Haben wir doch Jahr aus, Jahr ein ganze polnische und russische Bettlerfamilien zu unterhalten und wie viele werden uns erst im nächsten Sommer beglücken! -- Mögen also unsere reichen und wohlthätigen Brüder in Europa und Amerika Beides thun — recht viel zur Linderung der Noth in Polen und Rußland spenden, unserer Armen dabei aber auch nicht vergessen. S—m—. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellpreffendruck von I. GottSle-'en in Mairq.