Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 14-15 (1.4.1868)
- Date
- 1868-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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234 Midrasch Rabbah zur Stelle), so hat Gott nicht Israel verworfen oder statt seiner ein anderes Volk erwählt. Als Israel aus Mizrajim zog, versuchte es Gott zehnmal; Gott zürnte und strafte, aber Er verwarf Israel nicht. Am Fuße des Horeb, da Moscheh noch bei Gott weilte, machte Israel sich einen goldenen Götzen; im heiligen Lande betete es zu den Göttern der in seiner Nähe wohnenden Völker; Israels Könige stellten Götzen auf in Dan und Beer Scheba; Juda's König (Menascheh) stellte einen Götzen auf im heiligen Tempel — Gott zürnte und strafte, ließ Sein Heiligthum zerstören, ließ das Volk in die Verbannung wandern, aber Er verwarf Israel nicht. Ach, gebüßt haben wir die Sünden der Väter und die eigenen, verbracht haben wir Jahrtausende in Jammer und Elend — aber verworfen hat uns Gott nicht; noch immer sind wir Sein Volk, Sein Eigenthum; Er ist unser Vater und wir sind Seine Kinder, und jedesmal, wenn das Peßachfest herannaht, das Fest der Befreiung, das Frühlingssest, da die Erde sich verjüngt, wiederauflebt die Flur, die Bäume sich belauben und durch das Grün der Blätter die weiße Blüthe leuchtet, jedesmal in dieser wonnigen, seligen Frühlingszeit beglückt uns stets aufs Neue das erhabene Bewußtsein: Gott ist unser Befreier, unser Herr, unser Eigenthümer, unser Erlöser, unser Beschützer, unser König, unser Helfer — und wir, wir sind Sein Volk. Ja, wir sind Sein Volk! Und wenn wir auch häufig abgewichen sind von Seinen Wegen und verletzt haben Seine Gebote — die Treue haben wir dennoch bewahrt unserm Gotte. „Komme zu uns, komme zu uns, Sulamith, komme zu uns, komme zu uns, wir wollen dich groß machen!" (Schir Haschirim 7, 1, nach der Auffassung des Midrasch.) Also riefen und lockten uns die Völker, seitdem Israel mit ihnen in Berührung gekommen. Was war 's denn, das uns den Haß und die Verfolgung der Nationen zugezogen? Nichts Anderes als die Weigerung zu sein wie sie, zu leben wie sie, zu glauben wie sie. Der Jude, der nicht mit den Nichtjuden ißt und trinkt und sich nicht mit ihnen verschwägert, der ihre Tempel nicht besucht und vor ihren Göttern sich nicht neigt, muß bei rohen, uncivilisirten Völkern ein Gegenstand des Haffes und der Verfolgung werden. Aber selbst in der finstersten Zeit des Mittelalters, da man die Juden knechtete, ächtete, mordete, hätte es diese nur ein Wort gekostet, das Wort: „Wir wollen sein wie ihr!" und man hätte sie gehegt und gepflegt und hochgehoben. wjn DruiD*6 -ummow notei nnVö »» PJH Uöö Aber wir haben nicht vertauschen wollen unsern Gott, unsern Glauben. Wir haben uns verhöhnen und verspotten lassen und sind treu geblieben. Wir haben uns berauben und unterdrücken lassen und sind treu geblieben. Wir haben uns sperren lassen in dumpfe Kerker, die man Ghetti nennt, haben uns drängen lassen in ungesunde, unreinliche Wohnungen, haben vor uns verschließen lassen jeden ehrenden Erwerbszweig, haben heften lassen an unsere Gewänder das entehrende Merkmal, und sind treu geblieben. In den Ghetti's, in der Armuth, in dem Elend, in Unterdrückung und Beraubung, in Hunger und Noth ist uns selbst der Gedanke nicht gekommen, das Alles zu beseitigen durch eine leichte Formel und untreu zu werden unserm Gotte. Und wenn die Verfolgung aufs Aeußerste stieg, so haben wir Besitzthum und Vaterland preisgegeben, sind entflohen aus dem Lande der Unterdückung, einem ungewissen Schicksale entgegen, um treu zu bleiben unserm Gotte. Wenn uns aber auch das versagt war, so haben wir den Scheiterhaufen bestiegen, sind nicht zurückgebcbt vor dem blinkenden Schwert, haben hingegeben unser Leben, das Leben unserer Greise und Jünglinge, unserer Frauen und Kinder, um den letzten Athemzug auszuhanchen in unwandelbarer Treue für unsern Gott. Wahrlich, daß es nach einer so langen und beispiellosen Leidensgeschichte noch Juven gibt, das haben wir zu verdanken unserer Treue gegen Gott, Gottes Treue gegen uns! In Frieoen, Ruhe, Glück wohnt heutzutage der größte Theil von Jakobs Söhnen. Wohl noch locken — nicht die Völler — sondern die Sendlinge der Religionen; aber die Weigerung der Israeliten zieht nicht mehr Tod und Verfolgung nach sich; im Gegentheile, die erhabenen Gesetze und Verfassungen der Staaten schützen uns vor etwaigen Uebergriffen. Die Treue wird uns in der Gegenwart kaum mehr erschwert. O, so lasset sie uns sie üben, lasset uns in ihr beharren. Was unsere Väter sich bewahrt haben in Noth und Drangsal, das mögen wir uns erhalten zur Zeit des Friedens und des Glückes. Und wie Gottes Treue nimmer wanket und Er nie Sein Volk verwirft, so mögen auch wir treu auöharren, bis unser Erlöser aufs Neue uns sammelt und führt nach dem Lande der Verheißung! —