Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1868)
- Date
- 1868-03-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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229 Feuilleton. Der Kefangene. Eine wahre Geschichte, von dem Helden derselben selbst ausgezeichnet. Mitgetheilt von E. (Jarmoly. (Fortsetzung.) X. Wie die Sonne soll man sein. Wie ich bereits oben berichtet habe, ging ich mit meinem seligen Vater von Bamberg nach Hanau. Dort studirte ich unter seiner Leitung mit großem Fleiße den Talmud und die Casuisten. Meine Bemühung wurde mit großem Erfolg gekrönt. Mein Vater, der selbst ein großer Talmudist war, und keine Schmeichelei kannte, bezeugte öffentlich in meinem achtzehnten Jahre, daß ich zu jedem rabbinischen Amte fähig sei, und die Rabbiner von Frankfurt am Main stimmten ihm bei. Mein Ruf in Frankfurt war so allgemein, daß einer der angesehensten und reichsten Kaufleute der israelitischen Gemeinde dieser Stadt, Namens Samuel Mainz, Sohn des ehrwürdigen und gelehrten R. Meir Fuchs, mir seine Tochter Klara zur Frau gab und für unfern Unterhalt sorgte. Diese Zeit war die glücklichste meines Lebens. Im Hause meines Schwiegervaters, der so viel Achtung und Liebe für mich hatte, wohnend; an der Seite einer edlen, trefflichen Gattin, die mir das Dasein auf alle mögliche Weise verschönerte und versüßte, umringt von wißbegierigen Schülern, die mich ehrten und hochschätzten, tauschte ich mit keinem König auf Erden. In dieser Epoche meines Lebens, frei von allen morgen, erhob sich mein Geist über das Meer des Talmuds und ich schöpfte aus dessen tiesem Wasser die kostbarsten Perlen, die ich auf mehr als dreihundert Seiten zusammenreihte. Dieses Werk, das durch meine Schüler aus der Nähe und in der Ferne bekannt wurde, verbreitete meinen Ruhm weit und breit. Viele Gemeinden wünschten mich als Rabbiner an ihrer Spitze zu sehen, viele Gelehrte unterwarfen ihre rabbinischen Werke meinem Urtheil. Selbst der berühmte Gerson Oulif, Oberrabbiner von Metz, befahl auf dem Todtenbette seinen Söhnen, mir seine hinterlassenen Schriften nach Frankfurt zu schicken, damit ich eine Auswahl zum Druck bereite. Ich habe drei Werke davon in Folio und Quarto veröffentlicht. Auch der Verfasser deö Chavath Iair, der größte aller Rabbiner von Deutschland, ersuchte mich, bei Herausgabe seines berühmten Buches, sein Manuskript durchzusehen. Ich habe mehr als hundert Bogen davon geordnet und abgeschrieben. Der große Mann zollte mir öffentlich das höchste Lob in seinem unsterblichen Werke. Mein Vater war damals schon lange todt, und ich sollte, nach seinem letzten Willen, ihm im Amte zu Hanau folgen. Auch beauftragte er mich auf dem Sterbebette, ein von ihm angefangeneö Buch zu vollenden. Leider habe ich in meinem Glücke diese heiligen Gebote nicht gehörig beachtet und deren Erfüllung von Tag zu Tag verschoben, bis endlich die Gemeinde in Hanau müde wurde, länger auf mich zu warten und einen andern Rabbiner aufnahm. Was die Vollendung seines angefangenen Buches betrifft, so habe ich es erst im Kerker vollendet. Möchte der gute Vater mir mein Zögern mit der Erfüllung seines letzten Willens verzeihen und mir seine Fürbitte im Himmel nicht entziehen! Bald wurde ich in die erste Reihe der jüdischen Richter von Frankfurt gesetzt und zum Rabbiner der Herrschaft Idstein gewählt. Später übernahm ich das Radbinat zu Heidelberg, wo ich mehrere Jahre lang eine bedeutende Schule leitete. Mein eheliches und häusliches Leben war überaus glücklich. Ich lebte mit meiner guten, frommen Frau immerfort recht heiter und vergnügt. Jedes Jahr besuchten wir das Grab meines Vaters in Hanau, erinnerten uns dabei an seine guten Eigenschaften und an die mir erwiesenen Wohlthaten, gelobten an seiner Ruhestätte immer so gut und edel zu sein, wie er war, und kehrten dann getröstet und gestärkt nach unsrer Heimath zurück. Gott, der Herr, schenkte uns zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Dem Sohne gaben wir den Namen meines Vaters, Henoch; der Tochter haben wir den Namen Käle, die Schöne, beigelegt. ES war ein liebes, freundliches Kind, das gleich einem Veilchen lieblich aufblühte, und uns tausend Freuden gewährte. Henoch hatte schöne Naturanlagen, und wir suchten sie so gut als möglich zu entwickeln. Wir wurden für unsere Mühe reichlich belohnt; denn der kleine Sohn nahm sichtbar zu, nicht nur an Kraft, sondern auch an Verstand und Tugend. Unsere Blicke weilten am Liebsten auf ihm; er war unfern Trost und unsere Hoffnung. Zu meinem Glücke schien nichts mehr zu fehlen, als ein höheres Amt. Auch dazu half mir Gott, der Allmächtige. Das Landrabbinat des Markgrafthums Anspach, dessen Sitz in Schwabach war, wurde durch den Tod des Rabbi Bermann Fränkel, der den 30. September 1708 starb, erledigt, und durch Vermittelung meines Bruders Elkan erhielt ich diese wichtige Rabbinerstelle. Aber des Menschen Wünsche ruhen und rasten nie. Je mehr er hat, je mehr will er. Auch ich war bald genug nicht zufrieden mit dem, was ich hatte. Mein jüngster Bruder Moses war ein Kaufmann in Hanau, dem das Glück nicht günstig war. Er nahm seine Zuflucht zu mir und kam nach Schwabach. Geld um Maaren zu kaufen, konnte