Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1868)
- Date
- 1868-03-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Nationen sein und seiner Genoffen Gebühren gegen die Juden als ein „barbarisches" bezeichnen. In voriger Woche fand in Bukarest eine neue Razzia gegen die armen Juden von Seiten der Regierungsorgane statt. Samstags wurde beim Ausgange aus den Synagogen eine Menge armer Israeliten zum höchsten Ergötzen des Straßenpöbels unter dem Vorwände des Vagabondirens verhaftet. Andächtige Beter, die aus dem Gotteshause kommen, verhaftet man als Vagabunden!!! In welchem Lande der Welt ist wohl jemals Aehnliches vorgekommen? Die Regierung will sich beliebt machen, indem sie den schlechtesten Leidenschaften des Pöbels schmeichelt! — „L’Echo Danubien“ veröffentlicht dann die Eingaben, welche die Israeliten von Verlad an die Regierung gerichtet haben; es ist eine Sprache der Verzweiflung, welche die Unglücklichen sprechen; sie leben in beständiger Angst und müssen immerwährend zittern für Habe und Gut, für Leben und Gesundheit, für Weib und Kind!!! Einem jeden wohldenkenden Menschen muß sich da die Frage aufwerfen: Was ist da zu thun? Die gesammte europäische Presse hat sich der Verfolgten angenommen, und man schimpft sie eine „Lügenpresse". Der edle Sir Moses Montefiore hat im höchsten Greisenalter die beschwerliche Reise nach Bukarest unternommen, und man hat ihm gesagt: „Die Thatsachen sind entstellt; die Juden werden nicht verfolgt". Dem Kaiser der Franzosen hat man in ähnlicher Weise geantwortet. Menschliche Hilfe erweist sich da als unzureichend. Möge Gott sich unserer bedrängten Brüder erbarmen; möge Er, der die Herzen der Könige lenkt, die Mächtigen der Erde veranlassen, energisch dahin zu wirken, daß dem schändlichen Treiben der Judenfeinde in den Donaufürstenthüw.ern endlich ein Ziel gesetzt werde. Beim Schlüsse des Blattes erhalten wir folgende Depesche: „London, den 1. März. Fürst Karl von Rumänien ließ an Sir Moses Montefiore schreiben, daß die Juden in Berlat entschädigt werden sollen, obgleich sie nicht ohne Schuld und die Zeitungsangaben übertrieben seien." Freilich ist die Taube nicht ohne Schuld, wenn sie der Habicht zerfleischt, und die Nachrichten, welche die Zeitungen über die böse Taube und den unschuldigen Habicht verbreiten, sind gewiß übertrieben!! I«r Abwehr des Nothstandes der Israeliten in den westrustischen Prooilyen. Mainz, den 28. Febr. In voriger Nummer haben wir mitgetheilt, daß unS auf telegraphischem Wege die Nachricht von der Bildung eines Comitö'S in Memel zur Unterstützung unserer nothleidenden Brüder in den westrussischen Provinzen zugekommen; wir veröffentlichen nunmehr die uns unterdeß übersandten Briefe: I. Herrn Rabb. Ihr. Lehmann in Mainz. Memel, den 19. Februar 1868. Ew. Hochwürden hatten die Gewogenheit, in Ihrem Blatte Nr. 6 es anzuregen , daß sich geordnete Vereine auch zur Abwehr des Nothstandes unserer israel. Brüder in Rußland an der Grenze bilden mögen. Indem wir Ew. Hochwürden hierfür unfern besten Dank ausdrücken, erlauben wir uns, die Constituirung eines solchen Vereines hiermit anzuzeigen und Sie höflichft zu bitten, den beigefügten Aufruf in Ihr Blatt gütigft aufnehmen zu lasten und uns zu unierm Unternehmen Ihren Beistand gütigst zu verleihen. Die Nachrichten, die uns über die Roth unserer Brüder in Rußland zugehen, sind haarsträubend, und hoffen wir, daß es uns mit Gottes Hilfe unter gütigem Beistände unserer Glaubensgenossen gelingen wird, die Noth derer, welche in unseren Kreisen leben, so viel als möglich zu lindern. Für den Vorstand des Vereins zur Linderung des Nothstandes der Israeliten an der benachbarten Grenze in Rußland: Julius Hirsch. Elias Lewinstein. S. B. Bernstein. II. Aufruf. Der unaussprechliche Nothftand, welcher unsere Gegend jenseits der russischen Grenze heimsucht, und noch im Steigen ist, da die Mittel der Privatwohlthätigkeit aus der nächsten Umgebung für Preußen erschöpft sind, äußert sich bei dem völligen Daniederliegen von Handel und Wandel und der unerhörten Theuerung aller Lebensmittel besonders drückend bei unseren russischen Glaubensgenoffen, die auch sonst in Armuth ihr Leben von Tag zu Tage fristen, und jetzt das Allernöthigste entbehren. Die große Noth hat ganz besonders darin ihren Grund, daß während jene Gegend sonst Getreide und andere Lebensmittel nach Preußen exportirte, sie jetzt genöthigt ist, ihren Bedarf von Preußen zu den hiesigen theueren Preisen zu kaufen. Bei der allgemeinen Verdienstlosigkeit ist dieses Vielen gar nicht einmal möglich, und bei solchen ist der Jammer entsetzlich groß. Die Noth ist oft unbeschreiblich, denn die armen Brüder hungern und frieren, und der Mangel am Nöthigsten ruft bei ihnen häufige und bösartige Krankheiten hervor. Wohl erkennen wir mit Dank an, daß in Preußen die Wohlthätigkeitsanstalten auch ohne Unterschied des Glaubens ihre Hilfe gewähren; wir glauben aber,