Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1868)
- Date
- 1868-01-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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70 haben sollten. Dieser, Mittags 12 Uhr eingetroffenen, Depesche zufolge reiste Herr Rabbiner Bamberg« sofort in Begleitung des Herrn E. R. Rosen bäum von Zell nach München ab. Bei der in später Nacht erfolgten Ankunft in München erfuhr man nun, daß obiges Project von HerrnRabb. Dr. Hirschfeld in Augsburg und Herrn Willmersdörfer in München zur Geltung zu bringen angestrebt werde. Anfangs hatte man fast an der Wirklichkeit dieser Sache zweifeln sollen, und zwar aus den einfachen Gründen, weil hierdurch einerseits der Glaubwürdigkeit der das in Frage stehende Zeugniß auszustellen habenden Rabbiner offen entgegengetreten — wie dies thatsächlich aus dem weiter zu Erörterndem klar Kervorgehen dürfte — dann, weil hierdurch einem Lebensnerv der Religion, der Fachbildung der Rabbinatscaudidaten eine höchst gefährliche Wunde zugefügt würde. Von einem Rabbiner wäre dies nun am wenigsten zu erwarten gewesen, aber auch von Herrn Willmersdörfer hätte man aus folgendem Umstande Grund gehabt, daran zu zweifeln: der Compagnon des Herrn Willmersdörfer ist Herr Abraham Merzbacher in München; von Letzterem war vorauszusetzen, daß er sich in dieser so hochwichtigen Angelegenheit in's Benehmen setzen werde mit den als echt fromme Israeliten rühmlichst bekannten Herren Joseph Billmann und Joseph Stern und, feine Thättgkeit mit der ihrigen verbindend, hätte er der grtte» Sache sich widmen, folglich all seinen Einfluß auf seinen Eompagnon Herrn Willmersdörfer geltend machen sollen, um auch diesen von seinem Vorhaben abzubringen. Allein, diese Voraussetzung bestätigt fich nicht. Herr Merzbacher hat mit genannten beiden Herren in dieser Angelegenheit nicht die geringste Verbindung gehabt, ja, wie man sagt, soll demselben Willmersdörfers Project nicht fremd gewesen sein, ohne daß er irgend welche wahrnehmbare Schritte gegen dasselbe gethan habe. Es ist dies Verfahren um so befremdender von einem Manne, der es sich angelegen fein läßt, die neue Talmud-Correctur-Ausgabe zu unterstützen, bei welcher Gelegenheit demselben ein galizischer Rabbiner in der Approbation zu erwähntem Werke großes Lob spendet und ihm den Titel znn •raan rc. beilegt. Es wird wohl die Frage gestattet fei«, ob es nicht doch wichtiger ist, wo die Thora so in Gefahr gestellt wird, dieser Angelegenheit Aufmerksamkeit und Thättgkeit zuzuwenden, als sich um einige Variationen zu bekümmern, deren Wichtigkeit zu bezweifeln mindestens erlaubt sein wird. Ein Mann wir Herr Merzbacher, der mit dem Morenu-Titel zur Thora gerufen, der nicht zu den Neologen gezählt wird, ein solcher Mann hätte bei so tief in das rettgiöse Leben einvringender Angelegenheit keine zweifelhafte, keine passive Stellung einnehmen dürfen, er hätte «US allen Kräften und offenkundig der Sache der Religion das Wort reden, und edle Thatkraft in schönster Weise bethätigen müssen. Lieb wäre es uns, wenn Herr Merzbacher für dieses sein Benehmen entsprechende Entschuldigung Vorbringen möchte. — Nun, bei diesem außer Zweifel stehenden Vorhaben war es wohl dringend geboten, bei entsprechenden Herren sich hierüber auszusprechen, um womöglich die Ausführung dieses Projects rückgängig zu machen. ES war wohl nicht schwer, in gründlichster Weise darzuthun, daß Gymnasial - Absolutorium — die äußerst seltenen genialen Geister abgerechnet — mit wahrhafter rabbinischer Fachbildung unvereinbar; allein, das Schwierige lag erstens darin, weil der Antrag von Glaubensgenossen ausging, und die Aeußerung entgegengestellt wurde: ^wenn die Jsrseliten selbst sich solche Erschwerungen aufzulegen für gut finden, wie wird wohl von anderer Seite aus mit Erfolg dagegen angestrebt werden können?" Dann zweitens, weil die Sitzung der hohen Kammer der Abgeordneten jenen Freitag schon um 9 Uhr begonnen, also nur die kürzeste Zeit zu weitern Schritten vorhanden war. Und in in der Thal wurde von dem Abgeordneten Herrn v. Münch eine Modification in die Kammer eingebracht, dahin gehend, daß nur denjenigen Rabbinatscandidaten zeitweise Dienstbefreiung bewilligt werden solle, welche ein Gymnasial -Absolutorium beibringen. Wenn nun gleichwohl erwähnte Modificatton schließlich mit geringer Majorität in dieser Kammer angenommen wurde, so dürfte es doch wohl nicht uninteressant sein, Einiges hierüber aus der desfallsigen Debatte mitzutheilen, um zu ermessen, wie selbst Männer, die — wie sie selbst bekennen — gerade keine Freunde des JudenthumS sind, sich in der Kammer gegen diese Modification vernehmen tteßen, und zwar sollen u. A. die Worte des Abgeordneten Herrn vr. Ruland, die, wie folgt lauten, angeführt werden: „Ich wollte nicht mehr in das Gesetz hineinreden, weil ich gegen dasselbe stimmen werde, aber ich muß dennoch einige Punkte berühren. Ich fange mit dem zuletzt eingkbrachten Antrag des Herrn Abg. v. Münch an. Es kann vielleicht Niemand in diesem Saale sein, oem die humanistischen Studien mchr wie mir AM Herzen liegen. Latein und Griechisch liebe ich heute noch, obwohl ich schon ein alter Mann bin, allein das, was der Herr Abg. v. Münch will, scheint mir gegenüber der jüdischen Theologie unrichtig. Die humanistischen Studien haben da ihren besondern Werth, wenn sich die Quellen, aus denen die Wissenschaft geschöpft werden muß, in denselben vorzugsweise befinden. DaS ist aber hier nicht der Fall, gegenüber dem positiven Glaubensbekenntniß der Juden. Im Gegenlheil ist es eine anerkannte Thatsache, daß gerade in diesem Augenblicke der größte Rabbiner in Bayern, der im ganzen Judenthum weit und breit.