Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1867)
- Date
- 1867-12-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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907 Was das ColonisationS-Project betrifft, so gehört eine große Portion norddeutschen Idealismus dazu, um einen sollen Plan mit mäßigen Mitteln ausführen zu wollen. Ich habe nicht allein mit Bewohnern Saphet's und Tiberia's, sondern auch mit Europäern gesprochen, welche seit Jahren in diesem Lande wohnen; Alle betonen das Zwecklose dieses Unternehmens, insofern es nicht mit großartigen Capitalien in Angriff genommen wird. Noch habe ich Ihnen zu melden, daß mir häufige Berichte aus dem Innern Mesopotamiens zukommen, wo die Juden unter dem Drucke furchtbar leiden. So schrieb ein katholisches Mitglied der jesuitischen Propaganda einen Brief hierher aus Diarbekir, in welchem die dort wohnenden 40 jüdischen Familien ihr fürchterliches Galuth kund geben. Es waren deren 100 Familien, wovon ein Theil im Gefängniß gestorben, ein anderer zum Islam übergetreten ist. Ich habe dieses Schreiben an die „Alliance" überschickt, welche in Constantinopel die nöthigen Schritte zur Verbesserung des Schicksals dieser Unglücklichen thun wird. Caleutta. (Briefe aus dem Orient. Zweiter Brief.) Sehr geehrter Herr! Ich wollte mit meinem Wirthe diesen Morgen einen einfachen Versuch machen. Kaum hatte ich ihn über die Bambusmatten, die in diesen Ländern den Fußboden bedecken, gehen hören, als ich auch in den Saal eintrat, in den er sich begeben hatte, wo ich mich, ohne ein Wort zu sprechen, hrnfetzte, meine Thephillin anlegte und aus meiner Thephilo betete. Und nun, mein lieber Herr, wünschte ich, Sie hätten dieser Scene beigewohnt; ein solches Erstaunen habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen; mein Wirth stand wie versteinert, eine wahre Bestürzung malte sich auf seinem Gesichte, seine Augen hafteten unbeweglich an meinen Thephillin und meinem Gebetbuche; in der That, der gute Mann glaubte nicht unter dem Kleide eines Abendländers einen Glaubensgenoffen zu finden. Ich weidete mich einige Augenblicke an seiner Verwunderung, konnte mich aber zuletzt des Lachens nicht mehr enthalten. Beherzt durch dieses Zeichen des Wohlwollens, näherte sich mir mein Wirth, und indem er meine Thephillin berührte, richtete er einige chinesische Worte an mich, deren Sinn ich zwar nicht verstand, aber deren Laute, Freude und Verwunderung aussprachen. Statt jeder Antwort rief ich ihm mit aller Kraft zweimal das Wort „Jehudi" zu. Er schüttelte freudig den Kops nnd erwiederte daffelbe Wort, um mir zu zeigen, daß er mich verstanden habe. Leider konnte er die übrigen Fragen, die ich in hebräischer Sprache noch an ihn richtete, nicht beantworten, welche gewiß der ungeschickteste Elsaffer Israelit würde verstanden haben. Es scheint, daß unsere orientalischen Glaubensbrüder noch sehr unwiffend in der hebräische« Sprache sind. Plötzlich klopfte sich mein Wirth auf die Stirne, als wenn ihm etwas eingefallen wäre und indem er mir zu verstehen gab, zu warten, entfernte er sich eilig. Nach einer Viertelstunde kam er wieder in Begleitung eines Mannes mit einem weißen Barte und von ehrwürdigem Aussehen, den ich beim ersten Anblick für einen Rabbiner hielt. Er ging mir mit dem bekannten „Schalom Alechem" entgegen. Er war wirklich der Chef der religiösen Angelegenheiten, oder der Rabbiner der Gemeinde. Er selbst hegte Beforgniß, es mir zu sagen, deffenungeachtet befanden wir uns sehr bald inmitten einer Diskussion in hebräischer Sprache. Der Rabbiner sprach das Hebräische ganz geläufig. Ich kann Ihnen nicht lagen, theurer Herr, wie glücklich ich mich in diesem Augenblicke ob meiner früheren rabbinffchen Studien fühlte, welche mir, wenn sie mich auch nicht zu meinem eigentlichen Ziele gebracht, in diesem Augenblicke große Dienste leisteten. Welche Früchte würde mir meine Reise ohne die Kenntmß des Hebräischen gebracht haben? Einige ungewiffe Notizen, einige zufällige Jnductionen, auf vorübergehende Beobachtungen bafirend, wäre Alles, was ich Ihnen hätte mittheilen können. Jetzt hingegen kann ich Ihnen gewisse und authentische Angaben über das Leben der Leute in diesem Lande mittherlen. Um den Zweck meiner Reise zu erreichen, nahm ich ihm das Versprechen ab, mir einige Tage zur Disposition zu stehen, während welcher ich ihm meine Fragen vorlegen wollte; er versprach es mir und bemerkte, daß er es seinerseits an nichts fehlen laffen werde, um mir möglichst genaue Auskunft zu geben, wogegen er aber von mir Details über die occidentalischen Juden verlangte, da dieselben für ihn auch großes Jntereffe hätten. Wir wollten alsdann unsre Unterredungen, die zwischen uns gepflogen werden sollten, in eine gewisse Ordnung bringen. Wir kamen folgendermaßen überein: Zuerst Abkunft der chinesischen Judencolonie, ihre Beschäftigung und ihre Sitten, ihre Religion, ihr Gottesdienst, die Stellung ihrer Rabbiner, ihre Verwaltung und zuletzt die Stellung, die sie ihren Mitbürgern gegenüber einnehmen. Leben Sie wohl, mein lieber Herr, ich grüße Sie achtungsvoll. Ihr A. Stempfel. (Arch. Jsr.)