Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1867)
- Date
- 1867-11-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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820 diemuß vielmehr als das Herrschende über ihm stehen. Das ist der Geist. Wir haben schon früher dargelegt, daß uns der Geist ebenso wie der Stoff, wenn auch nicht an sich, doch in seinen Bildungen wahrnehmbar ist, nämlich im menschlichen Denken, in der Sprache, in der den Stoff beherrschenden menschlichen Freiheit. Um also das Wesen des Geistes zu erkennen, müffen wir auf uns selbst zurückgehen! Ich — das Selbstbewußtsein. Was ist das: Ich? Das Kind, wenn es einen gewisien Grad der Entwickelung erreicht hat, hört auf, von sich in der dritten Person zu sprechen und nennt sich: ich, und bleibt dann: ich, bis zu seinem Tode. Nehmen wir eine bestimmte Person an und nen- NM sie Röubcn. Ist der dreijährige RLuben, der von sich „ich" sagt, noch derselbe wie der zwanzigjährige Jüngling, der vierzigjährige Mauu, der achtzigjährige Greis? Sicherlich. Und doch, was ist an ihm eigentlich dasselbe geblieben? Etwa der Körper? Nach der Theorie des Stoffwechsels bleibt nach einem Zeiträume von sirchs bis acht Wochen nicht eine einzige Faser des Menschen dieselbe; der Körper ist durch Ausscheiden «nd Aufnehmen in beständiger Neubildung begriffen; -te Stoffe, aus denen die Haut, die Nerven, das Fleisch, das Blnt, die Knochen bestehen, werden allmählich ausgeschieden und durch neue Stoffe vermittels Speis «nd Trank und der atmosphärischen Luft ersetzt. Man hat dis8 durch allerlei Experimente festgestellt. So hat man Thiere mit Farbestoffen der Art gefüttert, daß die Knochen dis in das Innerste mit der betreffenden Farbe durch und * durch gefärbt waren; gab man dann eine Zeit lang wieder gewöhnliches Futter, so verschwanden allmählich die gefärbten Stoffe ganz «nb gar und Alles nahm wieder die ursprüngliche Mrbe an. Auf dieser Theorie des Stoffwechsels beruht die moderne Arzneiwiffenschaft. Ist also der Körper des achtzigjährigen RLuben noch derselbe wie der des dreijährigen Knaben? Stofflich gewiß nicht; der Form nach nicht immer, denn auch die Formen, die Gesichtszüge, die Haltung wechseln häufig und ändern sich manchmal derart, daß Brüder nach längerem Getrenntsein sich nicht wieder zu erkennen vermögen. Was aber ist an Reuden daffelbe geblieben? Etwa feine Ansichten, seine Grundsätze, seine Kenntnifle, seine Anlagen? Wer weiß nicht, daß diese gar häufig sich Ändern, vermehren, verringern? Aber durch alle Wandlungen bleibt das Einzige, das Selbstbewußtsein. Und dieses Selbstbewußtst, kan» es durch ein harmonisches Zusammenwirken der de» Stoffe innewohnenden Kräfte erklärt werden? Jedermann steht das Widersinnige, das in einer derartigen Erklärung liegen würde, ein. Da die Stoffe sammt den sie umschließenden Formen sich ändern, so kann ein Bleibendes ihnen nicht innewohnen. Rein, es ist der Geist im Menschen, der sich selbst weiß, der trotz aller Wandlungen der Ansichten, Grundsätze, Kenntnisse, Anlagen immer der Sichselbstwiffende bleibt, de« die Veränderungen im Körper wohl beeinflussen, der aber in dem Punkte des SichseldstwiffenS selbstständig und unabhängig vom Stofflichen bleibt. Wir haben damit den ersten Anhaltspunkt zum Aufbau der Welt des Geistes gefunden, und von diesem Punkte aus ergeben sich die Grundwahrheiten unserer heiligen Religion fast von selbst. Existirt ein Geist in mir, in dir, in Hunderten, in Tausenden, in Millionen, in Milliarden von Menschen, so müffen alle diese Geister uns auf einen gemeinsamen Ursprung ihrer selbst, auf einen unendlichen Geist Hinweisen, der ihn den Milliarden von menschlichen Körpern mitgetheilt hat und mittheilt, da ja, wie wir nachgewiesen haben, der Geist nicht etwas dem Körper Innewohnendes sein kann; und diesen einen, unendlichen Geist, den nennen wir in der deutschen Sprache Gott; in der hebräischen aber bezeichnen wir Ihn mit jenem vierbuchstabigen, von uns nicht auszusprecheuden Namen, der da „der Ewigserende" bedeutet. Wir haben oben nachgewiesen, daß der Stoff seiner Natur nach in der Trägheit verharren würde, wenn ihm nicht ein Beweger den Anstoß zur Bewegung geben würde; wir haben ferner nachgewtesen, daß im Menschen der Geist den Körper beherrscht, das ist, bewegt. Wie aber der Menschengeist den menschlichen Körper, so bewegt der Geist an sich, der unendliche Geist, das ist Gott, den gesammten Stoff. Gott ist es demnach, der die Welt lenkt und leitet, der ihr Bewegung und Leben verleiht. Wir haben ferner oben nachgewiesen, daß „der ewige Kreislauf der Natur" etwas sich in sich Widersprechendes ist; es muß also die Bewegung einen Anfang genommen haben. Da aber der Stoff ohne Bewegung gar nicht existiren kann, da er bewegungslos gar nicht denkbar ist, so muß der Stoff selbst einen Anfang genommen haben, das heißt, erschaffen worden sei». Wer anders aber kann ihn geschaffen haben als der eine, unendliche Geist, das ist, Gott, da ja außer ihm und dem Stoffe nichts Anderes existirt? Wir sind also wieder zu unserm Ausgangspunkte gelangt, zu der ersten und höchsten aller Wahrheiten: „Im Anfänge schuf Gott die Himmel und die Erde." (Fortsetzung folgte)