Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1867)
- Date
- 1867-11-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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811 Porial Ober-Rabbiner von Colmar, weilt nicht mehr unter den Lobenden. Der Allmächtige hat ihn — «ach Langer, schmerzlicher Krankheit — heute vor acht Tagen, Sonntag, den 10. Nov. zu sich berufen! Schon im vorigen Sommer ward uns die betrübende Mittheilung, daß der ehrwürdige Mann gefährlich erkrankt sei; »pater ward uns die große Freude zu Theil, zu vernehmen, daß die Macht der Krankheit gebrochen. Da Herr Klein erst 52 Jahre zählte, so gaben wrr vor Hoffnuna Raum, daß die Genesung eine vollkommene sei. Äm jüngstverflosjcnen Sabbat Noach wurde einer seiner Söhne mao -o, und dieser Tag wurde zugleich als Genesungsfest gefeiert, wozu sich viele Freunde des Verewigten von nah und fern einfanden. Ach, er sollte dieses Freudenfest nur um wenige Tage überleben! Die Bestattung fand Dienstag den 12. November in solcher Gnfachheit Statt, wie sie der Verewigte selbst angeordnet hatte. Der Dahingegangene war der größte jüdische Gelehrte Frankreichs; er war ein pvb, wie Frankreich deinen zweiten hat: in den Profamviffenschaften, in der classischen, französischen und deutschen Literatur war er ebenfalls sehr bewundert. Seine Werke in den verschiedensten Branchen des Wissens zählen wir ein anderes Mal aus. — Herr Klein war ein äußerst liebenswürdiger Gesellschafter, em makelloser Character, von strengster Nneig-'MÜkstgkfit; was aber seinen Verlust am schmerzlichsten fühlbar macht, ist, daß in Frankreich sich kein zweiter in hervorragender Stellung findet, der, wie der Verewigte, bereit wäre, Leben, Habe, Gesundheit, Stellung, kurz Alles für Gott und Seine heilige Lehre zu opfern. Was wird aus dem französischen Judenthum werden, nachdem sein letzter Heros dahingegangen? Möge Gott da Männer erwecken, wo leider keine mehr sind; möge das Andenken des Dahingeschiedenen die Saat zur Reife bringen, die er im Leben gesäet hat -oft pns ^rr D^y! — "England. London. Als der Kaiser von Oesterreich das österreichische Departement in der allgemeinen Weltausstellung zu Paris besuchte, spielte Fr. Sophie Heilbron aus London gerade auf dem Klaviere. Der Monarch hörte ihr eine Weile zu; dann, erstaunt über das vorzügliche Talent (das Mädchen ist erst 9 Jahre .alt), umarmte er sie; darauf gab sie ihm ihre Photographie, welche er freundlichst annahm. (Iew. Chr.) F e u t 1 l e t p n Krn.Mesuch in der L. L. Strafanstalt zu Mürau. Von 0. Lürpele«. An einem trüben Herbstmorgen begleitete ich meinen Vater nach dem nahegelegenen Marktflecken Mürau, wo derselbe den jüdischen Sträflingen Religionsunterricht ertheilm sollte. Im raschen Galopp ging es über Berg und Thal und in Stunden waren wir bereits auf der Bergstraße nach Mürau. Ich will dem Leser nicht mit einer langen Schilderung der Merkwürdigkeiten Mürau's aufhatten, dessen hohe- Bergschloß, in dem sich die Strafanstalt befindet — von großen Wäldern und himmelanstrebenden Berge» eingeschlossen, durch feine wildromantische Lage einen imposanten Eindruck macht; wir begeben uns vielmehr sogleich in den Betsaal, wo schon alle isr. Sträflinge versammelt sind und uns mit einem kräftigen Boruch habo empfingen. Ich konnte mich eines Gefühles tiefer Rührung nicht erwehren, als ich sie io darstehen sah in Thränen zerflossen, Männer, die draußen im Leben oft eine hervorragende Stellung eingenommen, oft an der Spitze ganzer Gemeinden gestanden, und nun „fern von ihrer Heimath, 10 Jahre über chr Geschick nachzudenken Muße haben. Es sei mir gestattet, aus dem reichen Material des hier Geschehenen und Erlebten dem Leser Einzelnes vorzuführen. Als ein Beispiel von Büßfertigkeit verdient Hervorgehoden zu werden, daß sich in der Strafanstalt 3 Jahre hindurch ein ungarischer Jude befand, der während seiner ganzen Strafzeit kein *nn p ->21 genießen wollte und bloß von trockenem Brode lebte; dabei aber ebenso rüstig arbeitete, wie seine Schicksalsgenossen. Er hatte im Jähzorn seinem Schwager eine Peitsche an den Kops geworfen, so daß dieser IgdI zu Boften sank, und war deßhalb zu ft Jahren Zwangsarbeit verurtheilt. — Jedoch sind leider niht alle Israeliten üou solchem Geiste beseelt; es gibt auch so manche hartgesottene Sünder unter ihnen. Als ein wahrer Kivdusch haschem möge folgenve Thatsache gelten: In der Strafanstalt befand sich vor wenigen Jahren ein Jude, aus einer sehr achtbaren Familie, der jedoch leider nicht zu bessern war. Alle Mittel wurden versucht, um den jungen Mann zur Befferung zu bringen; alle Strafen wurden ihm auferlegt; nichts fruchtete. Da ließ der Inspektor der Strafanstalt eines Tages, gerade als mein Vater anwesend war, den Betreffenden vor sich rufen, und stellte ihn vor. Mein Vater, der zufällig die Familie des jungen Mannes kannte, machte ihm eifrige Vorstellungen über den Chillul haschem, den er durch ein solches Betragen Hervorrufe, erinnerte ihn an ferne hochachtbare Familie, an seine im Grabe schlummernden Eltern, und hatte noch kaum seine Ermahnung beendet, als der junge Mann schon in Thränen zerfloß und Befferung gelobte. Wirklich war er auch von dem Tage an, wie umgewandelt; so daß ihm sogar später, in Anbetracht jener guten Aufführung ein Jahr seiner Strafzeit geschenkt wurde. — Als ein Zeichen neuerwachlen religiösen Gefühls ist es anzusehen, wie Sträflinge alle Ceremonien, selbst die geringsten, auf's Sorgfältigste auszuüden trachten. So weit es möglich ist, haben sie auch in religiöser