Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1867)
- Date
- 1867-11-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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777 und der Alt - Neuschule benachbarten Gaffen eine daselbst an Werktagen nicht gewöhnliche Ruhe und Stille, die sonst lebhaft verkehrenden Gruppen, herbe zumeist aus Männern in feiertäglicher dunkler Kleidung bestehen-, bewahrten eine ernste, ruhige Haltung; da erblickte man jme gebückten Greisengestalten mit laugherabwallenden weißen Locken in strenger alterthümlicker Tracht, die sonst nur selten aus ihren Studierstuben in das Gewühl der Straßen heraustreten; an dem grauen Gemäuer der Altneuschule lehnte eine Reihe polnischer Juden mit Pelzmütze und Kaftan, stundenlang in bewegungsloser Haltung dm Leichmzug erwartend. Mitglieder der Beerdigungsbrüderschaft gingen mit Sammelbüchsm durch die Straßm, von allen Seiten die Gaben in Empfang nehmend, welche auch dürftige Leute bereitwillig und unaufgefordert darreichten und welche von grauen und Kindern zahlreich aus den Häusern zugetragen wurden. Alles ging aber unter sorgfältiger Stille und ohne ein lautes Wort vor sich. Nur ein tiefes Summen ging durch die Menge hin und her, die nach zwei Uhr bereits dichtgedrängt die engen und winkeligen Gäßchen und die sogenannte „breite" Gasse erfüllte. Wenn an einer Stelle die Ordner, um Raum zu schaffen, etwas lauter wurden, wurde sogleich zur Ruhe und Ordnung gerufen. Zum Unterschiede von sonstigen Ansammlungen aus öffentlicher Straße war hier fast keine Frau unter der Menge zu sehen. Im Trauerhause wurden unterdessen die letzten Gebete bei der Leiche verrichtet, wobei Herr Religionslehrer Adler eine alle Anwesenden tief ergreifende Rede hielt. Um i/2 3 Uhr wurde der Sarg, mit schwarzem Tuch umhüllt auf einer Bahre von zahlreichen Trägern, die einander mehrmals ablösten, zu dem Badhose und von da an der Alt-Neuschule vorbei in die „breite Gasse" getragen, wo der sechsspännige, jedes Schmuckes entbehrende und nur schwarz drappirte Leichenwagen seiner harrte. Es waren jetzt alle Verkaufsläden und Geschäftslokale in den Straßen der Josephstadt, durch welche der Zug gehen sollte, gesperrt worden; dies geschah ohne vorangegangene Anordnung und durch stillschweigendes Uebereinkommen. Als der Sarg herangetragen wurde, schlossen sich auch alle bisher offenen Fenster: Das Leichenbegängniß soll kein Schauspiel abgeben. Wo der Sarg vorüberkam, ertönten aus der Menge in dumpfem Gemurmel die Leichengebete. Nachdem der Sarg in den Wagen war gehoben, setzte sich der Zug, an deffen Spitze die jüdischen Schüler aller hiesigen öffentlichen und Privatschu- Ien, auch viele Universitätsbörer gingen, durch die breite Gasse und Geistgaffe in Bewegung. Vor dem Leichenwagm und zu dessen Seiten schritten Mitglieder der Beerdigungsbrüderschaft; Fackeln oder Lichter wurdm nicht getragm, da dies dem durch das alte Herkommen geheiligten Brauche widerspricht, welcher fordert, daß bei keiner Beerdigung etwas dieselbe vor anderen Auszeichnendes vor komme. Dem Wagen folgten nächst den leidtragenden Anverwandten , dem Sohne und mehreren Enkeln, die Rabbiner und Prediger der Prager Judeng«rnö«de, die Herren Freund und Prof. Dr. Kämpf, die Deputation der Wiener Gemeinde, bestehend ans dev Herrn Rabbiner Horwitz und Prediger Dr. Jelinek, die Prediger der Prager Synagogen und die böhmischen KreiSräbj biner Kohn und Haller, alle in ihren Ornaten, aber > nur Rabbiner Freund mit der alterthümlichen Pelz- I mütze auf dem Haupte; dann die Repräsentanz der! Prager Cnltusgemeinden, die Repräsentanz der Land- I judeivchast und Deputationen der Gemeinden Smichow i Karolinentbal, Pilsen, Brandais, Gitschin, Turnau,! Kolin, Randnitz und Beneschau. Vertreter der veri fchiedenen Wohlthätigkeitsvereine und Mitglieder der! Gemeinde in langgestrecktem Zuge. Am altstadter! Ringe schloffen sich der EultuSgemeinde- Repräsentanz der Dürgerm. Herr Dr. Ritter v. BSlsky. deffen Stellvertreter Hr. Stadtrath Hulefch und Hr. Stadtrath! Hainz als Vertreter der Prager GemeinderalheS an,! die Statthalterei war durch Herrn StNtthaltereirath Klingler Vertreter», außerdem waren Herr Superinte«- j dent Benesch, Herr Prof. Dr. Höfter, Herr Bibliothe- : kar Hämisch und A. m. erschienen. Fast eine Stunde dauerte es, bis der Zug, der inruitten Liner zahlreich herbeigeströmten Menge seinen Weg nur sehr langsam > durch die Eisengaffe, BergmannSgaffe und über dm Graben und Roßmarkt forlsetzen konnte, das Roßthor j erreicht hatte! Eine lange Reihe von Wagen, darun- ' ter sehr viele Privatequipagen, war dem Zuge gefolgt. Eine große Menschenmenge, worunter sehr viele Frauen, folgten der Leiche bis auf den Friedhof. ES war eigentlich bestimmt gewesen, daß bei der großm Anzahl der Redner, welche sich gemeldet hatten, wegen der Kürze der Zeit kerne Leichenreve gehalten werdm solle. Dock kam man, um die Trauergäste aus Wim zu chren, von diesem Beschlüsse ab und die beide« Abgesandten der Wiener Genreinde, Oberrabbmer Herr Horowitz und Prediger Dr. Jelinek sprachen am offenen Grave einige warme, tiefgefühlte und daS Andenken des Verstorbenen ehrende Worte. Hierauf wurde der Leiche ein Säckchen mit Erde aus Pelästina unter das Haupt gelegt und dieselbe unter den üblichen Ceremonien bestattet. __________ PeftAI^^as ungarische protestantische Conststorium hat jüngst ein neues Statut von.Kirchengesetzen ausgearbeitet. Unter Anderem ist darin zur allgemeinen Annahme empfohlen, daß es jeder Confesston erlaubt fei, an den Feiertagen einer andern Confesston öffentlich zu arbeiten und Geschäfte zu treiben. Wemr dieses Gesetz in Kraft treten würde, so würde es besonders für die Israeliten dieses Landes von großem Belange fein. (I. Ztg.)