Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1867)
- Date
- 1867-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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292 dm geliebten Eltern winkend l „Lebt wohl, Ihr Lieben, ich sende Euch bald frohe Nachricht! Leb wohl, mein Heimathland — bald soll ich nichts mehr schauen als Himmel und Wasser!"- Wir halten wundervolles Wetter; meine gute Natur schützte mich vor der Seekrankheit. Stundenlang konnte ich auf dem Verdecke stehen; welch einen wundervollen Anblick bot die spiegelglatte, unendlich sich dehnende blaue Fluth, der klare, heitere Himmel! Da zog der Sonnenball auf und nieder, mich jedesmal aufs Neue begeisternd zum Lobe des allmächtigen Herrschers des Weltalls! Mit ganz andern Gefühlen sandte ich hier die täglichen Gebete zum Schöpfer empor, hier auf schwankem Schiffe, auf der beweglichen unendlichen Fluth! Die wenigen Breiter — und das weite, naffe Grab! Wie verwegen ist doch der Mensch, daß er den Muth findet, fein Leben anzuvertrauen solch einem zerbrechlichen Fahrzeuge, solch einem trügerischen Elemente! So dachte ich oftmals; allein die tägliche Wiederkehr derselben Zustände macht am Ende sorglos. Wir hatten wundervolles Wetter, und in Folge deffen eine köstliche, ungestörte Fahrt; ein günstiger Wind trieb uns unaufhaltsam nach Süden. Als ich eines Tages meinen kleinen Kalender zu Raths zog, fand ich, daß das Neujahrsfest nicht mehr fern sei. Da ich selbst ein ausgezeichneter Schofarbläser bin, so hatte ich mich mit einem Widderhorn versehen; dieses holte ich jetzt aus meinem Koffer und begann mich zu üben. Man kann sich denken, mit welcher Neugier Alle, Paffagiere und Matrosen, mein eigenthümliches Instrument betrachteten und den langgezogenen Tönen lauschten; ich konnte nicht genug erklären und mußte bald meine Uebungen einstellem Das Neujahrsfest auf dem Meere! Jetzt ist die Synagoge aus, jetzt begrüßen sie daheim und auf der ganzen Erde Einer den Andern mit herzlichen Glückwünschen. „Leschonoh tauwoh tickoßew!" tönt's herüber und hinüber — ich allein weile einsam unter Fremden inmitten des gewaltigen Oceans; jetzt sitzen sie daheim am Tisch und tunken die Süßäpfel in Honig und beten um ein gutes und süßes Jahr — und iä)? allein und vergessen! Doch nicht vergessen; die gute Mutter denkt an mich und trocknet mit ihrem Tuche die Augen, die ihr feucht werden, der theure Vater segnet mich in Gedanken. Wie heiß und innig mögen die Eltern für mich beten am morgigen Tage! So liege ich wachend in meiner Hängematte und gedenke der Lieben daheim, und der Schlaf flieht mein Auge. Da, welch ein Zischen und Brausen! Da zuckt es plötzlich am Himmel, Blitze fahren hernieder, denen heftiger Donner folgt; bald braust der Sturm einher, und hebt und senkt das Schiff. Ich eile aufs Verdeck, werde aber bedeutet, mich wieder in den Schiffsraum zu verfügen. Der Sturm wüthet immer schrecklicher; himmelhoch steigen die Wogen und überfluthen das Schiff. Bald ertönt der Schreckensruf: „Ein Mann über Bord!" Es ist ein Paffagier, der aller Mahnungen ungeachtet auf dem Verdeck hatte bleiben wollen. Und im untern Raum da stöhnen die Männer, die Frauen jammern und die Kinder weinen. Plötzlich ertönt ein furchtbarer Krach, eine heranstürzende Welle hat den großen Mast gebrochen; die Segel sind längst zerrissen, und der Steuermann wird mit dem Steuer über Bord gespült. Ueberdies bekömmt das Schiff ein Leck, und das Wasser dringt in den untern Raum. Jetzt stürzen wir Alle auf das Verdeck und zu unserm Schrecken sehen wir die Matrosen das Boot besteigen, um uns und das verlorengegebene Schiff unserm Schicksale zu überlassen.... Nunmehr übertönt das Gejammer der Unglücklichen das Heulen des Sturmes; ich sinke in die Knie und flehe zu Gott, dem Allerbarmer; unterdessen beginnt der Tag im Osten zu grauen; ich eile noch einmal in den Schiffsraum, wo bereits das Wasser hoch steht, und hole meinen Schofar herbei. Kapitän und Mannschaft haben sich bereits mit dem Boote entfernt, und wir bedauernswerthen Passagiere sind dem unvermeidlichen Tode geweiht. So sehr hatte der unfähige, gewissenlose Kapitän den Kopf verloren, daß er nicht einmal Nothsignale hatte geben lassen. Wir versuchen es nachträglich, finden aber Kanonen und Pulver in einem solchen Zustande, daß es unmöglich ist, auch nur einen Schuß abzufeuern. Unterdeß hat sich der Sturm gelegt, und ein heiterer Tag bricht an — ach, für uns mit den trübsten Aussichten; schon sinkt das Schiff tiefer und tiefer; da ergreife ich meinen Schofar und blase. Weithin tönt der Klang über das Meer, und keiner meiner Unglücke geführten denkt daran zu höhnen oder zu spotten. Plötzlich ruft es: „ein Schiff, ein Schiff!" und wirklich erscheint etwas Schwarzes am Rande des Horizontes. Wir suchen uns bemerklich zu machen. O, der Freude, das Schiff nähert sich; ich blase Tekioth und schmettere Teruoth aus Leibeskräften... Das fremde Schiff kömmt näher und näher; jetzt hat es uns bemerkt, es sendet seine Bote aus. Bald sind wir Alle am Ufer des Dampfbotes „tbe king of the sea“ geborgen , das sich auf der Rückkehr nach New - Aork befindet. Da wir von hier aus die „Seemöwe" sinken sahen, fielen wir allesammt in die Knie, um Gott, unserm Retter, zu danken. (Schluß folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Rauschen Hofbuchhandlung. — Dampf« Schnellprefsendruck von I. Goltileben m Mainz.