Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1866)
- Date
- 1866-10-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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666 israel. Gemeinde Halberstadt", die uns jetzt vorliegt. Der Herr Verfasser führt sein Werk in d« bescheidensten Weise ein; er sagt in der Vorrede: „Ob aber eine specifisch israel. Gemeindegeschichte, wie die vorliegende, überhaupt eine interessante Ergänzung der allgemeinen jüdischen Geschichte darbietet, dürften diejenigen, welche in der allgemeine» Geschichte der Juden einigermaßen bewandert sind, ernstlich bezweifeln. Die in derselben stets wechselnden Situationen in allen Verhältnissen, in Freuden und Leiden und Trauerscenen, und die Empfindungen, welche fie in oen Herzen der Nachkommen erwecken, find ganz dieselben, die in der Geschichte einer jeden alten israel. Gemeinde uns entzegentretsn. Ist ja Js aels Geschichte überhaupt seit dem Exil bis ins 19. Jahrhundert eine ununterbrochene Reihe von Leiden und Mühseligkeiten und so gleichförmiger Art, daß jede einzelne Gemeinde bezüglich ihrer Verhängnisse, ihrer schweren und leichten Kämpfe um ihre Existenz, um Erhaltung ihrer heiligen uad irdischen Güter zahlreiche Pendante in ihren nah oder fern liegenden Schwestern findet. UnS dünkt jedoch, es bleibe ebenso unsere Pflicht, als es unserem Herzen wohlthuend und für unsere Seele ersprießlich und erhebend ist, jeden einzelnen großen Geist kennen zu lernen, der während solcher Leiden seine Kraft entfaltete und in seinen sittlich religiösen Bestrebungen neues Zeugniß ablegte: daß der Untergang der politischen Größe Israels ihm seine sittliche nicht geraubt Zeugniß ablegte, wie keine irdische Macht ihre Gewalt über die geistige Freiheit und die Freudigkeit in Gott und an seiner heiligen Lehre auszudehnen vermag. Und an solchen Momenten, an solchen Lehren, an solchen'Männern, an solchem Tröste, an so kräftiger Ermunterung und Anregung zur Nachahmung ist auch die Geschichte der israel. Gemeinde Halberstadt nicht arm. Sie zeigt uns Charactere, deren aufopferndes Wirken zum Heile des Ganzen uwere Bewunderung erweckt, zeigt uns Männer, welche die Kunst verstanden. Werke und Handlungen zu verrichten, deren wohlthätige Folgen sich noch auf die spätesten Geschlechter erstrecken, deren Glanz noch lange sortleuchtet und die ihre Gründer mit der „Krone des guten Namens" zieren; zeigt uns Persönlichkeiten von tonangebender Bedeutung und maßge bender Autorität in den weitesten Kreisen; aber auch heilige Dulder, welche Marter und Tod ertrugen, um nicht das zu veräußern, was ihre einzige Lebensquelle war, die, wie ihr Urahn »mit Göttern und Menschen kämpften und Sieger blieven auch im Tode". Der Anfang der Geschichte der israelitischen Gemeinde Halberstadt verliert sich ebenso in s graue Alterthum, wie die älteste Geschichte der Stadt Halberstadt selbst. Soviel steht unbestritten fest, daß bereits Ln der ersten Hälfte de- 1Z. Jahrhruwerts Juden in HalbMadt gewohnt und bereits eine politische Wichtigkst « der Stadt erlangt habe«. Der Bischof Volradus von Kranichfeld hat in Uebereinstimmung mit dem Stadtrath und der Bürgerschaft im Jahre 1261 einen Schutzbrief den Juden in Halberstadt ertheilt, worin es heißt: „Es solle mit der Gerichtsbarkeit über die Juden in der Art und Weise wie von Alters her und wie es stadtkundig sei, gehalten werden, unter der Bedingung, daß sie dem Bischof die gebührenden und gewohnten Dienste leisten". Dieser Schutzbrief vom Jahre 1261 verlor nach kaum drei Decennien Kraft und Wirkung. Im 14. Jahrhundert waren die Juoen im Fürstenthum Halberstadt förmlich ein Gegenstand des Verkehrs und namentlich bei Anleihen des Bischofs Ludwig bei den Gemeinden zum Unterpfands gesetzt und dem Gläubiger statt der Zinsen jeder von ihnen zu ziehende Nutzen eingeräumt Mit Genehmigung des ganzen Domcapitels hat Bischof Ludwig von Halberberstadt die Juoen seines Landes mit allen „Rechten, Nutzungen und Gilden, wie die Bischöfe solches vor ihm gehabt, dem SLadtrathe verkauft, so daß der Rath solches als das Seinige gebrauchen könne, unter der Bedingung, daß, wenn der Bischof und das Domrapitel die Güter w eder einlösen wollten, sie ein viertel Jahr zuvor Lösung thun sollten". Es ist selbstverständlich, daß dieser Kauf d -m Rath keinen Schaden verursachte. Man saugte die Juden dermaßen aus, daß man sie gerne nach Jahren dem Bischöfe wieder zur Verfügung stellte; venn nur so läßt es sich erklären, daß der Stadtrath gegen Ende der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts auf seine bisherigen Ansprüche an die Juden freiwillig verzichtete. Lange Zeit nach dieser Auflösung des Verhältnisses zwischen dem Stadtrath und den Juden sehen wir Bischof Burchard 1456 in einer besonder» Urkunde die Halberstädter Juden auf's Neue dem Stadtrath verpfänden, welcher letztere darin bekennt, „daß chm der Bischof mit Bollbort des Capituls" seine Juden, die jetzt in der Ztavt Halberstadt wohnen und künftig wohnen werden, versetzt und verpfändet habe für 200 Mark Halberstädter Währung, unter der Bedingung, daß nach geschehener Aufkündigung der Stadtrath sie „noch Jahre" (vielleicht eine Vertagung aä oalsuäas Arasoas) behalte« solle. Außer diesen kurzen Berichten schweige« von der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts bis in die Witte des 15. alle uns zu Gebote stehenden christlichen Chroniken über die Halberstädter Juden und ihre Schicksale. (Fortsetzung folgt;)