Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1866)
- Date
- 1866-09-05
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2447245-2447275--04471-2459928- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wissenschaftliche Beilage M Nr. 36 des Israelit. Hebräische Schriftlichen in einem heidnische», althochdeutschen Liede ans dem 16. Jahrhundert. Vom Herausgeber. Seit einigen Jahren zieht die Aufmerksamkeit der Gekehrten das sogenannte „Wiener Schlummerlied" auf sich; es ist dieses ein Denkmal althochdeutscher Dichtung, das den schönsten Blüthen derselben zur Seite gestellt werden darf. Für uns ist dabei von besonderem Interesse, daß dasselbe theilweise in hebräischen Schriftlichen geschrieben ist. Im September des Jahres 1852 fand nämlich der Bibliothekar Zapper zu Wien an einer dem 15. Jahrhundert angehörenden Papierhandschrift einen als Rückenheftpstaster verwendeten Pergamentstreifen, dessen sichtbares Ende althochdeutsche Worte zeigte. Gewinnung näherer Einsicht in dieses Fragment wurde erst 4856 möglich, als die bis dahin einem kleinern wiener Kloster angehörende Handschrift durch Kauf in Aapperts' Besitz überging. Als Inhalt ergab sich außer einigen hebräischen Zeilen, die es wahrscheinlich machen, daß der Pergamentstreifen einen für den Unterricht bestimmten Buche angehört habe, em deutsches Schlummerliedchen, das seiner Sprache nach in das 10. Jahrhundert gesetzt werden mußte. Zwar war Manches an der Schreibung dieses Liedchens auffällig; außerdem, daß drei Worte desselben hebräisch glossirt waren, fanden sich patt der deutschen Vocale a, e und i nur die hebräischen Vocalzeichen (Punkte) angewendet und das z zeigte keine der üblichen deutschen Formen, sondern die Gestalt des hebräischen Sajin (i). Proftffor Karajan in Wien spricht folgende Vermuthungaus: „DerSchreiber,der das deutsche Lied auf dem untern Rande des zu einem hebräischen Lehrbuchs gehörigen Blattes einzeichnete, war ein in Deutschland lebender und der deutschen Sprache kundiger jüdischer Lehrer, der die ihm von der Schule her geläufige Superpunktation auch! in der deutschen Schrift an^andte und drei deutsche Wörter hebräisch glossirte". Uns erscheint das Ganze im höchsten Grade auffällig. Da das Lied auS dem 10. Jahrhundert stammt, also in eine Zeit hinaufragt, da in Deutschland nur hier (in Mainz) am Rhein die jüdische Gelehrsamkeit zuerst auftauchte, da ferner das Lied einen durchaus heidnischen Eharacter hat, so würde eine nähere Auf- I hellung des Gegenstandes vielleicht Licht auf eine der dunkelsten Partien der Mischen Kulturgeschichte werfen. Es wäre daher wichtig zu wissen, welche hebräische Worte noch auf dem Pergamentstreifen, welcher das Lied enthält, stehen; ferner, was auf den mit demselben zusammengeklebten Streifen sich vorfindet, endlich, was die Handschrift enthält, welcher der Pergamentstreifen als Rückenheftpflafter diente, überhaupt alles, was irgendwie noch von hebräischen Spuren sich dort vor findet. ES wäre gut, wenn Jemand unserer gelehrten Freunde in Wien oder in der Nähe von der in Rede stehenden Handschrift — dieselbe befindet sich in der k. k. Bibliothek — Einsicht nähme und darüber in diesen Blättern referirte. Zum Schluffe wollen wir noch die neudeutsche Uebersetzung des in Rede stehenden Liedes hier wiedergeben: Docke (Püppchen), schlafe, schlummre! Das Weinen sogleich lasse! Triwa wehret kräftig dem Wolfe dem würgenden. Schlaf bis zum Morgen, des Mannes trautes (Lieblings-) Söhnchen, Ostra stellt (hin) dem Kinde Honig^ier süße. Hera bricht dem Kinde Blumen, blaue, rothe, Zanfana sendet morgen fette kleine Lämmer Und der einäugige Herr verleiht bald (dir) harte Speere. Es sind in diesem Liede vier alte, germanische Göttinen genannt: Triwa, Ostra, Hera und Zanfana. Triwa (Treue) bedeutet das Sinnbild dessen, was ihr Name sagt; Ostra, die Göttin des Frühlings, ist diejenige, welche in Deutschland dem bekannten Frühlingsfefle den Namen gegeben; sie bringt dem Kinde (Oster-) Eier (auch Pafch-Eier genannt, von päquesnve); Hera ist die Göttin der Blumen und Fsldfrüchte; die Göttin Zanfana hatte am Rhein einen Tempel, welchen Cäsar (TacituS Annal. 1, 11) zerstört hat; der „einäugige Herr" ist Wodan oderWuotan, der oberste Gott der alten Germanen; sein Tempel und die ihm heilige Eiche, die Winfried (BonifaciuS) im achten Jahrhundert gefällt hat, stand in Hessen (Gudensberg—Wudans-Berg). — Wir haben das Alles ausführlich hier mitgetheilt, um darzul?gen, wie auffällig es erscheinen muß, daß ein Mischer Lehrer in ein hebräisches Buch dieses Lied und noch dazu theilweise mit hebräischen Schriftzeichen geschrieben haben soll.