Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1866)
- Date
- 1866-05-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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382 feinem Namen. Ein großer Theil seiner Anhänger ging in eine neue Sekte über, die heutzutage zwei Drittel (?) aller in den Slavenländern wohnenden Juden umfaßt. Der Gründer dieser sogenannten mefsianischen Sekte, welche unter dem Namen der Chassidim bekannt ist, war Jsrolka in Podolien, welcher vorgab, ein Sprößling der königlichen Familie Davids zu sein, aus welcher der Messias hervorgehen sollte. DaS gegenwärtige Haupt eines großen Theiles dieser Chassidim, der Patriarch der Messiasfamilie, und zugleich des Messias angeblicher Vorläufer und Vertreter, ist ein triefäugiger, vor der Zeit gealterter Mann in Sada-Gora, Namens Rebiche Jsrolka, welcher als der reichste Jude in Rußland und Polen gilt. Die Familie Jsrolka hat im Laufe von hundert Jahren durch die Leichtgläubigkeit der slavischen Juden Millionen zusammengebracht. Sada-Gora ist gegenwärtig der heilige Fleck Erde, zu dem die Juden von Polen und Rußland, Galizien, Bukowina, Moldau und Wallachei fortwährend wallfahren. Mindestens einmal in ihrem Leben halten die Anhänger dieser Familie es für eine heilige Pflicht, dem Haupte derselben ihre persönliche Ehrerbietung zu bezeigen und einen Tribut darzubringen. So ist es denn nicht zu verwundern, daß Rebiche Jsrolka einen prunkvollen Palast bewohnt, der um so glänzender erscheint, als er mitten unter den elenden Wohnungen der Nachbarschaft emporragt. Doch ist derselbe zunächst umschlossen von einer Reihe kleinerer, eleganter Wohnhäuser, in welchen Jsrolka's Schwiegersöhne und Töchter residiren. Der Luxus des Palastes ist wahrhaft königlich: u. A. enthält er ein Silberzimmer, voll des prachtvollsten Geräthes aus allen Zeiten und von den mannigfaltigsten Formen, dessen Werth auf mehrere hundert tausend Rubel geschätzt wird. Die Wohnzimmer enthalten die prachtvollsten türkischen und persischen Teppiche, sowie die schwersten Damastvorhänge. Alles das find Opfergaben von slavischen Juden. Der weitausgedehnte Park ist von geschmackvoll arrangirten Treibhäusern eingeschlossen. Und wer ist der Herr all dieser Pracht und Herrlichkeit? der Patriarch, aus dessen Familie derMeffias hervorgehen soll? der Götze, dessen Anblick durch die größten Gaben erkauft, und der wie ein Heiliger verehrt wird? — es ist ein blödsinniger Greis. Ja, Rebiche Jsrolka ist ein Idiot Unter seinem weißen Haar ist kein denkender Kopf, in seiner Brust schlägt kein Freud und Leid der Menschen fühlendes Herz; obgleich noch im besten Manuesalter, ist er ein Greis vor der Zeit. Er kann nicht ohne Stütze einhergehen, nicht aus körperlicher Schwäche, sondern aus geistiger Trägheit. Seine Rede besteht aus unartiku- Urten Tönen, die nur seiner Familie und seinem Privatsekretär verständlich sind. Und doch, wenn er auf der Straße erscheint, wird es stundenlang vorher angekündigt, und alle Fenster und Thorwege, Straßen und Plätze sind voll Menschen. Ja Bäume und Dächer sind besetzt von Leuten, die des Patriarchen der mesfiamfchen Familie ansichtig werden wollen. Rebiche Jsrolka hat eine Frau, Töchter und Söhne. Seine Töchter sind sehr jung verheirathet an ausgewählt reiche Schwiegersöhne, die sich verpflichtet haben, in Sada-Gora zu wohnen und sich in der Nähe des väterlichen Palastes anzubauen. Seine Töchter gehen in Sammt und Seide, seine Söhne und Schwiegersöhne tragen die prachtvollsten Kaftane, die kleinsten Kinder und Enkel haben französische, englische, deutsche und ruffische Bonnen und Gouvernanten, dazu Hauslehrer wie junge Prinzen. Eine Anzahl von Sekretären liegen den Geschäften des Hauses ob, die hauptsächlich darin bestehen, die frommen Gaben entgegen zu nehmen. Vormittags gibt der Patriarch Audienz, d. h. er empfängt, in Gegenwart seiner Sekretäre, einige der Pilgrime, deren Namen oft schon Tage lang auf den Listen eingetragen stehen, läßt sich anstarren, ohne eine Silbe zu äußern und nimmt die gewöhnliche Gabe entgegen, die nicht unter 10 österr. Gulden sein darf. Jsrolka's Vorfahren lebten in Rußland. Als fein Urgroßvater aber sich eines Tages einfallen ließ, eine Leibgarde von zwanzig Kosaken zu halten und, von derselben begleitet, auszufahren, verbot das der Kaiser, und als er die Verwegenheit hatte, es zu wiederholen, setzte ihn der Czar in Kiew gefangen. Mit Hilfe seiner zahlreichen Anhänger und seines großen Reichthums ergriff er aber die Flucht und entkam nach Sada- Gora. Der Czar verlangte von der österreichischen Regierung seine Auslieferung — aber die Macht des Geldes war mächtiger; zwölf Bauern der Bukowina leisteten einen Eid, daß Jsrolka in Sada-Gora geboren sei — so ward er gerettet. Auch sein Urenkel, der jetzige Jsrolka, kam mit den Gesetzen in Konflikt. Er wurde nämlich der Falschmünzerei angeklagt — falsches Geld war von seinem Hause in Umlauf gesetzt worden. Ungeachtet aller Proteste seiner Anhänger wurde er festgenommen und in'sGefängniß gesetzt, — der christl. Pöbel zerschlug seine prächtigen Spiegel und zerriß seine Teppiche. Die Gerichtsverhandlung begann, aber kein Wort konnte aus Rebiche Jsrolka herausgebracht werden. Mittlerweile boten seine Verwandten und Anhänger alles auf, Ihn zu befreien. Eine Deputation aus ihrer Mitte ging nach Wien, und dieser gelang es, die Sache des heiligen Mannes in ein solches Licht zu stellen, daß er aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — »erlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpreffendruck von I. Gott-leben in Main,.