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Der Israelit · 1866-05-30 · Heft 22 (30.5.1866) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
7 (1866)
Issue
Heft 22 (30.5.1866)
Date
1866-05-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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3^6 seine Grundlage, sondern die mißverstandene Kabalah; seine Anhänger mißachten viele Bestimmungen des Schulchen Aruch; das eigentliche Thora-Lernen, das Studium des Talmuds und der Poßkim gilt ihnen wenig; destomehr der wunderthätkge Rabbi, der mit seinen Kamäen angeblich alle Krankheiten kurirt, alle Uebelstände hebt, den Armen Reichthümer und den Kinderlosen Kinder verschafft. Die Hauptsache ist ihnen die Andacht beim Gebet, die bei Vielen unter ihnen künstlich durch Branntewein hervorgerufen wird; hat durch lauge Gewöhnung der Branntewein seine Zauberkraft verloren, so muß der Spiritus den spiritum aauotura (ipup.i 1:1, daß Gott erbarm!) Hervorbringen.*) Unsere Leser mögen es uns erlaffen, dieses traurige, entsetzenerregende Bild weiter auszumalen, ihnen die tiefe sittliche Verkommenheit zu schildern, die im Gefolge solcher Zustände zu Tage treten müssen. Zum Glück ist der Sitz der Chasstdim: Rußland, Polen, Galizien, die Donaufürstenthümer weit von uns entfernt — allein diese Secte ist leider im Zunehmen begriffen, und schon sucht sie sich auch Ungarn zu erobern, wo der Chassidismus voraussichtlich in nächster Zeit harte Kämpfe Hervorrufen muß. Schon sendet er seine Vorposten aus, die unter großem Lärm den Untergang alles gesunden Denkens, alles verständigen und anständigen Benehmens, den Sieg des elendsten Aberglaubens und der krassesten Unwissenheit verkünden, die mit furchtbarem Getöse unsere heilige Religion in den Schmutz der niedrigsten und empörendsten Denkungsart ziehen wollen. Gegen diese Vorposten des verderblichen Chassidismus müssen wir mit derselben Energie ankämpfen wie gegen die modernen Verächter des Judenthums. Wir sind uns der Verantwortlichkeit, die wir mit diesem Aufsatze übernehmen, vollkommen bewußt; wir wissen, daß darob Jubel herrschen wird im Lager unserer Gegner, die dieses unser Vorgehen als eine Spaltung, im Lager der Orthodoxie bezeichnen werden; das kümmert uns jedoch sehr wenig. Spaltung kann nur da eintreten, wo eine Einheit gewesen. Allein, Gott behüte uns davor, daß wir uns jemals eins gewußt mit dem Aberglauben, dem Wahne und der Dummheit; wir glauben an Gott und Seine heilige Lehre, an die Bibel und an den Talmud und suchen deren Vorschriften sorgfältigst zu erfüllen — wir haben aber niemals geglaubt an die Wunderthätigkeit uud Allmacht der Chassidim - Rabbi's und an die neuen Dogmen, die deren Vorkämpfer unserm hocherhabenen Judenthume imputiren wollen. *) Daß es auch höchst achtungswerthe Ausnahmen gibt, geben wir gern zu. — Solch ein neues Dogma ist es, das in Ungarn mit einem großen Aufgebot von Mitteln und Kräften in*-Leben gerufen werden soll. Ein sich als jüdischer Pabst gerirender Rabbiner, Rabbi Hillel Lesch oder Wetsch zu Szikßo ist der Erfinder und Verkünder dieses Dogma's, und der Apostel desselben ist dessen Schwiegersohn Akiba Joseph (oder wie er sich schreibt: Jehoseph) Schlesinger, gegenwärtig zu Kaschau. Dieses neue Dogma heißt: „Kan emeßdiger Jid derf richtig Tatsch redden!" Kein wahrhafter Jude darf richtiges, reines Deutsch sprechen oder schreiben; jeder Jude, der reii nes Deutsch spricht, ist unrettbar der Hölle verfallen." Dieses wahnsinnige Dogma wird seit einigen Jahren mit furchtbarem Geräusch proclamirt; zuerst noch ziemlich bescheiden in hebräischer Sprache in einem Merkchen '12p ip), der hebräische Knabe, benamst. Dieses Merkchen ist namentlich gegen den ehrwürdigen Rabbiner zu Eisenstadt, den den Lesern d. Bl. wohlbekannten Herrn vr. Israel Hildesheimer gerichtet. Um den ganzen Unsinn, die grenzenlose Thorheit und den krankhaften Wahnsinn des Verfassers des ipi in's rechte Licht zu stellen, müssen wir über Herrn Or. H. einige Worte vorausschicken. Herr Rabbiner I)r. Israel Hildesheimer, einer der ersten, frömmsten, biedersten und berühmtesten Familien in Israel angehörig, wurde von seinem gelehrten Vater ^"2: erzogen .ixi'.i: '212 ^p, lernte später bei w-rübn p"p"i i"2"-r ^21 ^.1 211, besuchte dann das Gymnasium zu Halberstadt, seiner Vaterstadt, und studirte in Berlin und Halle, um dann später in Halberstadt als Privatmann mit allen seinen Kräften .11:1 s"2iv zu sein, bis er im J.5611 als Rabbiner nach Eisenstadt in Ungarn berufen wurde. Man muß diesen merkwürdigen Mann so genau kennen wie wir, um ihn ebensosehr zu lieben wie zu bewundern. Willst Du Dir, lieber Leser, einen Begriff machen von diesem Manne? So nimm alle Tugenden, die den Menschen wie den Juden zieren, zusammen: echte, ungeheuchelte Gottesfurcht, unbegrenzte Menschenliebe, strengste Rechtlichkeit, - unnennbare Begeisterung für unsere heilige Religion, unermüdliche Thatkraft, übermenschlichen Fleiß,*) wahrhaft antike Uneigennützigkeit, dabei ftaunenerregende Gelehrsamkeit in der Philosophie, in den exacten Wissenschaften, in den klassischen wie in den modernen Sprachen, und namentlich in der speciell jüdischen Wissenschaft, im Talmud und den Poßkim — nimm Dir, lieber Leser, all diese herrlichen Eigenschaften und noch viele andere zusammen und denke Dir dann den Mann, den alle seine Schüler schwärmerisch lieben, dem Alle, die ihn kennen, mit *) In Berlin sagte man scherzweise: Wenn der Tag 88 Stunden hätte, so würde Hildesheimer 86 arbeiten.

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