Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1866)
- Date
- 1866-05-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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352 ein König, und bleibe ein König." Und so führte dann der neue König sorglos das herrlichste Leben, eben so sorglos, wie er früher als Bettler in den Tag hinein gelebt hatte. — Aber dieses herrliche Leben währte nur drei Jahre. Denn nach drei Jahren gab man dem Könige abermals einen Schlaftrunk, zog ihm die königlichen Gewänder aus und das alte Bettlerkleid wieder an Mid Brachte ihn dann schlafend auf dieselbe Stelle, wo man ihn ausgenommen, legte ihn hin und ritt fort, um einen neuen König zu wählen. — Wachte nun der Bettler wieder auf und sah sich auf der Straße liegen und im BeMerkleide, so riß er freilich die Augen auf und blickte verwundert um sich und auf sich. „Bin ich kein König mehr?" ruft er, „wie bin ich auf einmal zum Bettler geworden! Wohin ist das Schloß gekommen und die Pracht und der Reichthum und die Diener, die auf meinen Wink harrten! Oder war das königliche Leben nur ein Traum? und das Bettlerleben ist Wirklichkeit?" — Er steht auf und geht umher, und sieh, es ist so, er ist und bleibt ein Bettler. — Einmal indessen hatte man wieder auf diese Weise einen Bettler zum König gemacht. Dieser Bettler aber war ein kluger und verständiger Mann, der sich wohl bewußt war, daß er in Wirklichkeit Bettler gewesen, obschon er noch nicht begreifen konnte, wie er zum König geworden. Alles wartete ihm cuf und gehorchte ihm, die Schatze des Staates alle waren seiner Obhut auvcrtraut! Er sä wieg und sorgte für des Staates Wohl nach bestem Wissen und Gewissen. So verging ein volles Jahr. Da berief er eines Tages einen seiner Diener, zu dem er besonders Vertrauen gefaßt hatte, zu sich, führte ihn in ein abgelegenes Zimmer, schloß die Thüre ab und sprach: „Höre, ich werde eine Frage an Dich richten, schwöre mir, daß Lu mir die Wahrheit sagen willst. Wirst Du dieses thun, so werde ich Dich königlich belohnen; merke ich aber, daß Du mir die Wahrheit vorcnthältst, so bist Du des Todes." — Der Diener schwur, daß er die Wahrheit treu sagen wolle. — „Wohlan," sagte der König, „so sage mir, wie verhält es sich mit meinem fetzigen Königthnm. Ich bin jetzt König, ausgerüstet mit königlicher Macht und königlichem Ansehen; aber ich weiß auch, daß ich einst Bettler gewesen, und daß dieses kein Traum war, wie man mich glauben machen möchte. Ich weiß, daß ich einst als Bettler in eine Grube fiel und mich stark verwundete, und die Zeichen sind heute noch an meinem Körper zu sehen. So sag mir denn die volle Wahrheit, wie sich die Sache verhält, und ob es immer so bleiben wird. Sage die Wahrheit! Du hast die Wahl zwischen königlicher Belohnung oder augenblicklichem Tod." — Nks der Diener sah, daß ihm eben keine andere Mahl blieb, sprach er: „Ich werde Dir die volle i Wahrheit sagen." — Und er erzählte nun offen, wie sich die Sache verhakte, wie man m't ihm, als man ihn als nactten Bettler gefunden, verfahren, und wie man mit ihm nach drei Jahren wieder verfahren werde; daß man ihn an dieselbe Stelle, wo man ihn gefunden, wieder als nackten Bettler Hinlegen werde. — „Du kannst," schloß der Diener, „leicht erkennen, daß ich die Wahrheit gesprochen; denn siehe, alle Schlüssel zu den königlichen Schätzen hat man Dir eingehändigt, bis auf den Schlüssel zu einem Zimmer, das Dir versperrt bleiben soll; es ist das Zimmer, in welchem man Deine Bettlerkleidung ausbewahrt, bis der Tag kommt, wo man sie Dir wieder anlegen wird." — Der König erkannte, daß der Diener die Wahrheit gesprochen, und obgleich ihn die Mittheilung sehr überrascht hatte, faßte er sich doch bald und sprach: „Ich danke Dir, und ich fühle mich Dir verpflichtet; sei verschwiegen und bleibe mir treu, und ich werde Dich reichlich dafür belohnen." — Auch er schwieg; aber stets eingedenk, daß sein Königthum einmal und bald ein Ende nehmen wird, schaffte er alle Schätze, die er erübrigen konnte und die er sein nennln durfte, bei Seite und übergab sie dem Diener, der sein Vertrauter geworden und den er znm ersten Minister eingesetzt, mit dem Aufträge, ihm dafür außerhalb der Grenzen seines jetzigen Reiches Güter anzukaufen, Verwalter einzusetzcn und Knechte airzvschofsin, damit diese ihn einst an dem Tage und auf der Stelle, wo man ihn als schlafenden Bettler nicderlegen wird, aufnehmen und nach seinen Gütern führen. — Die Leute des Landes wußten natürlich von allem dem nichts und Ihoten an dem bestimmten Tage, wie sie zu thun gewohnt waren. Sie gaben, nachdem die drei Jahre um waren, ihrem bisherigen König einen Schlaftrunk, entkleideten ihn, legten ihm sein altes Bettlerkleid wieder an, führten ihn fort und legten ihn als nackten Bettler an der Stelle nieder, wo sie ihn vor drei Jahren gefunden. Aber bald nachher waren auch die bestellten Verwalter und Knechte da und nahmen ihren Herrn auf und brachten ihn nach seinen Gütern, und der kluge, vorsichtige Mann war nicht umsonst drei Jahre König gewesen. — So erzählte ein weiser Lehrer seinen aufmerksamen Schülern und fuhr dann fort: „Seht, meine jungen Freunde, so verhält es sich auch mit dem Menschen. — Als Bettler, nackt und hilflos, kommt er auf die Welt; doch hält er schon die Hände gerschlossen, als wollte er gleichsam zu erkennen geben, daß er Alles, was zu erfassen ihm Vorkommen wird, festzuhalten willens ist. — Bald dünkt er sich ein König zu sein, nennt sich den Herrn der Erde und will sich Alles, allen Besitzthum und allen Genuß