Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1866)
- Date
- 1866-04-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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282 die traurige Miene der Alten; aber bewegt von den Zähren, welche über die mageren Wangen hinabrollten, spricht er sie mit dem liebevollen Tone an, der von wahrem Mitgefühle und nicht von leerer Neugierde zeugt. Die arme Frau schüttet all ihren Kummer mit voller Zutraulichkeit aus, und theilte dem Jüngling ihr trauriges Geschick in einer langen Erzählung mit. Eie hatte einen Gatten gehabt, der ein braver, frommer Mann war, und dem man Alles anzuvertrauen pflegte. „Nun geschah es, erzählte die Frau, daß eines Tages, ein gar trefflicher Rabbiner von Jerusalem nach Metz kam, um Almosen für die Armen der heiligen Stadt zu sammeln. Er war sehr gelehrt in dem göttlichen Glauben und unterwies die Gemeinde in den Worten der heiligen Schrift. Er war aber schon sehr bejahrt, und außerdem schwach von dem vielen Fasten und Kasteien. Endlich wurde er krank, und als? er nahe am Sterben war, ließ er meinen Mann zu sich kommen, und übergab ihm alles, was er besaß, nebst seinem Testamente und verschied. Nach seinem Tode öffnete mein Mann in Gegenwart zweier Zeugen das Testament und nahm das hinterlassenc Gut in Empfang. Das Testament verordnet, daß alles Geld, das sich bei ihm fände, den Armen von Jerusalem gehöre, und ihnen so bald wie möglich zugestellt werden solle; sein Stock, sein Siegel, sein Gürtel und besonders sein Becher nur eigenhändig seinem Sohne übergeben werden dürfe. Alles Uebrige seiner Geräthe, solle an die Armen der Stadt, in der er sterben und begraben werde, vertheilt werden. Mein braver, frommer Mann hatte sogleich das Geld an die Armen der. heiligen Stadt befördert, den einen Theil der Geräthe an die Armen von Metz vertheilt, und den anderen Theil für den Sohn des Verstorbenen ausbewahrt. Vor etwa zwei Monaten kam der Sohn des frommen Rabbiners von Jerusalem, um seine Erbschaft in Empfang zu nehmen. Mein edler Gatte übergab sie ihm in Gegenwart der genannten zwei Zeugen. Er nahm den Stock, das Siegel, den Gürtel, aber nicht den Becher, unter dem Vorwände, der Becher sei nicht der seines Vaters. „Der Becher meines Vaters," sagte er mit Thronen in den Augen, „ist ein uralter Kelch, der seit Jahrhunderten in unserer Familie, vom Vater aus den Sohn überging, und unser Stolz und Reichthum war!" Die zwei Zeugen konnten weder Ja noch Nein bezeugen, und mein armer Mann kam in den Verdacht, den Becher vertauscht zu haben! Der Verdruß über einen solchen Verdacht brachte ihn nach drei Tagen in das Grab, und ich, ich verlor in einem Processe mit dem Fremden Hab und Gut.l „Nun, armes Weib," spricht der junge Hillel, nachdem er ihre Geschichte angehört hatte, „warum hat Euer seliger Mann nicht durch einen Schwur bestätigt, daß der Becher den er empfangen hatte, derselbe sei, den er übergab? „O! das konnte er so wenig wie die Zeugen, denn erstens hatte er wie sie den Becher nicht genau betrachtet, dann konnte er mit Gewißheit nicht schwören, daß der Kelch nicht wirklich durch einen Anderen vertauscht worden ist, während der Sohn ganz bestimmt behauptete, daß der Becher in den Händen meines seligen Mannes nicht der seines Vaters wäre, was mir auch das Urtheil zuzog, ihm den Werth davon ersetzen zu müssen. „Oh!" sprach sie schmerzlich, „ich bin alt, habe wenige Bedürfnisse, und würde den Verlust meines Vermögens gern ertragen, aber die Verachtung, und der Ruf, anvertrautes Gut vertauscht zu haben, ist zu schwer, zu niederdrückend!" Den Antheil, den Hillel an ihrem Unglücke nahm, war so groß, daß er die arme Wittwe beschwor, ihn als ihren Sohn zu betrachten und bei ihm zu leben. „O, das wird nicht lange sein!" sagte sie zu ihm, „ich fühle mein Ende nahe, mein edler Mann erwartet mich oben; ich bin dessen ganz gewiß, noch diese Nacht werde ich zu ihm eilen. Euch aber, mein Sohn, will ich gerne folgen und in Eurer Gegenwart sterben!" Hillel führte die arme Frau in seine Wohnung und ließ ihr Speise vorsetzen. Sie war aber so schwach, so krank, daß sie weder essen noch trinken konnte. Sie verfiel in ein heftiges Fieber. Der junge Mensch ließ einen Arzt rufen; ehe dieser aber kam, erhob sich die alte Frau in ihrem Bette, ergriff die Hand Hillels, der bei ihr saß, und sagte: „Edler Jüngling! ich sterbe, und mein Tod macht mich glücklich. Du bist der einzige Mensch, der seit meinem Unglück mich bemitleidete, mir eine Ruhestätte angeboten hat. Hier hast Du den Becher, das Einzige, was ich noch aus Erden besitze, nimm ihn zum Andenken." Bei diesen Worten gab sie ihm einen silbernen Becher, und fiel auf ihr Lager zurück. Das Fieber bemächtigte sich ihrer wieder, und als der Arzt erschien, war sie bereits todt. Nach ihrem Begräbnisse betrachtete Hillel den silbernen Becher genau und bemerkte gleich am Anfänge, an seiner Form und Gestalt, daß er einer uralten Zeit angehören müsse. Er hatte keinen Zweifel, daß dies der Becher des Rabbiners war; aber was war es, daß er einen so großen Werth in den Augen des Rabbinersohns hatte? Nach langem Hin- und Herschauen, entdeckte er endlich, in einer fast erloschenen Inschrift, daß es der silberne Kelch Joseph's sei, aus dem dieser wahrsagte, und in welchem man alles sehe, was man zu sehen wünsche. Als er sich von der Wahrheit seiner Entdeckung überzeugt hatte, eilte er nach Villejuif, und kam dort erst, wie wir gesehen haben, am letzten Tage der drei Monate an. sRorts. folgt.)^