Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 13-14 (28.3.1866)
- Date
- 1866-03-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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222 Als Opfer kannte man nur das Sühnopfer; nur die unreinen Thiere wie die Schweine, aber auch Menschen durften dargebracht werden. Die hermetischen Bücher, in denen sowohl die egyptischen Religionswissenschaften als auch Geometrie und Astronomie enthalten waren, bildeten das Studium der Priester; diesen war selbst der König untergeordnet. Zur Wehr nach Außen schützte die Kciegerkaste mit ihren unbesiegbaren zahlreichen Streitwagen. Von diesem Volke, fest gegliedert und gut organisirt, waren unsere Vorfahren mehrere hundert Jahre gefangen gehalten und tyrannisirt worden. Die hebr. Sklavenschaar erregte gar bald allgemeines Grauen. Die Hyksos vor der Thüre, wäre das Freigeben dieser Millionen Hebräer dem Feinde von großem Nutzen gewesen. Unter diesen, die Egypter beunruhigenden Umständen sollte List die Gefahr verscheuchen. Vor Allem das Edikt der Tödtung aller neugebornen Knäblein durch die Hebammen. Als dieses Ausrottungsmittel an dem biedern frommen Sinn dieser edlen jüdischen Frauen zerschellte, sollten alle Neugebornen männlichen Geschlechts im Nil ertränkt werden. Um schneller zum Ziele der Vertilgung aller Hebräer zu gelangen, wurden zugleich die Frohndienste bis auf's Unerträglichste erschwert. Waren lahm die Glieder von harter Arbeit, stockte der Athem von übermäßiger Anstrengung, so marterten noch die Ruthenhiebe und Stockschläge der Vögte, um so den Rest menschlicher Kraft aufzureiben. Von oben, woher die Ordre zu diesem grausamen Verfahren herabgelangt, wurden die gerechtesten Beschwerden der Unterdrückten mit dem unverschämtesten Hohne zurückgewiesen. Ja, um den Kelch des Leidens überschäumen zu lassen, wurden hebr. Vögte ihren hartbedrangten Brüdern vorgesetzt, wurden diese für die pünktliche Verrichtung der Arbeit verantwortlich gemacht, damit man die Zuchtruthe zugleich über die hebr. Arbeiter und die hebr. Vögte schwingen könne. Bei allen diesen Leiden lebte die traditionelle Hoffnung in dem schwer gebeugten Volke, daß einst die Zeit seiner Erlösung kommen werde. Nicht murrte es gegen die verzögerte Erfüllung der zu hoffenden Befreiung, noch verlor es den Glauben an eine Erlösung. Geduldig und ergeben, harrte es aus bei dem aufrichtenden Tröste keuscher, biederer Frauen. Da entstieg das verheißende Feuer dem Dornenberge; der aus dem Nil entkommene, dem Schwerte Pharao's entronnene Moses wurde mit dem Feuerworte GotteS an Pharao betraut; der tyrannische König sollte seine Sklaven fortziehen lassen. „Ich kenne keinen Gott, und lasse auch Israel nicht ziehen," war die ablehnende Antwort des Egypterkönigs. O, daß es nur Pharao allein gesagt hätte, daß es heutigen Tages nicht so oft «iederklänge, dieses verruchte Wort. Hat Pharao doch seine Götter gehabt, aber diese Menschen haben keinen Gott, denn sich selbst. Hat Pharao die Religion seiner Ahnen doch behauptet, aber diese Menschen treten den beschwornen Bund ihrer Urväter mit Füßen, schmähen und lästern das himmlische Buch dieses heiligen Gottesbundes! — Gar bald sollte der stolze Sohn des Nillandes das Strafgericht des einigen und wahren Gottes Israels über sich und sein Volk Hereinbrechen sehen, so, daß ihm das Geständniß abgenöthgt wurde: „Gott ist der Gerechte, aber ich und mein Volk sind die Frevler," während seine Diener schon vorher den Fingerzeig Gottes anerkannt hatten. Wie wohlthuend ist doch diese Rede aus dem Munde eines Königs! Was sagt Ihr dazu, die Ihr redet und schreibet mit honigsüßen Worten gegen Gott und Sein heiliges Wort und die Ihr verlästert und mit Gift bespritzet alle Diejenigen, welche nicht mithelfen, Ziegel zu streichen und Stoppeln zu sammeln zum Aufbau Eures, angeblich dem Zeitgeiste geweihten Götzentempels, in dem jedoch der Egoismus sein unheilvolles Wesen treibt? Wird wohl bald die Zeit der Erkenntniß für Euch kommen, da Ihr ausruft: Wir und unser Anhang sind Frevler, Gott aber ist der Gerechte?! Wie Pharao die Plagen anfangs für natürliche Ereignisse, für Landplagen, für Blendwerk erklärte, so machen's heute ihm nach unsere freidenkerischen jüdischen Pharaone, suchen Alles mit und in der Natur abzumachen, bis die letzte Plage eintritt — der Tod. Da verlor sich der unbändige Stolz Pharao's, er selbst, in der Mitte der Nacht lief zu Moses, den er vorher fortgejagt hatte, nöthigte ihn zum Abzüge, den er früher so hartnäckig verweigert hatte. Jahrjährlich umschwebt uns in dieser heiligen Peßachnacht der schützende und helfende Gottesgeist uns vorhaltend: „Ich bin Gott" 211-r r^i „und kein Anderer!" Jahrjährlich erhebt sich unsere Seele in dieser zu unfern Ahnen, fühlend ihren Druck in Egypten, lobpreisend ihre Befreiung durch den dm) — Jahrjährlich anerkennt der glaubenstreue Jude '121 tt'Li.i r«y idm und betrachtet sich als den erlösten, unbekümmert um den modernisirten jüdischen Halbbruder, welcher sich zu dieser Phrase nicht erniedrigen zu können glaubt. Jahrjährlich zieht die iio-Schüssel unfern frommen Blick auf sich — hie /122 — hie -,nv, und entlockt unfern Kindern die Fragen: Warum .irrv, warum 1112, warum zweimal eintauchen, warum anlehnen? Und wir antworten mit: iZ".-i Sklaven waren wir, — wir — in Egypten, woraus uns Gott 7i"2 in seiner Gnade befreit hat, und uns von Knechtschaft zur Freiheit, von Kummer zur Freude, von Trauer zur Festlichkeit, von Finsterniß zu Hellem Lichte, von Druck zur Erlösung geführt hat.