Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1865)
- Date
- 1865-10-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Erste Beilage z« Nr. 4V L 41 des Israelit. ZeiturrgSnachrichten und Correspondenzen. Oesterreichischer Kaiserstaat. Aus Ungarn. (Betrachtungen, hervorgerufen bei Gelegenheit des öffentlichen Streites zwischen einem Reformund eines Reform - über die Autorschaft einer reformirten (?) Synagogenordnung.) Herr vr. Adolf Jellinek ist zum ersten Prediger der Cultusgemeinde zu Wien ernannt, und hat '2 in der Seitenstätter Synagoge die Jnauguralpredigt gehalten. Nervus rerum dieses Sermons war, wie immer, die Ereiferung gegen die Orthodoxie, sie, deren sich während des Gottesdienstes „her umbulgen" (verläßlicher Quelle gemäß ix-ossin-a des Herrn Pastors) und denen gegenüber der selige Mannheimer eine musterhafte Otdnung in der Wiener Synagoge organisirt habe. Nachdem der Herr Pastor eine Zeit lang weidlich geschimpft und bramar- Lasirt, wurde derselbe natürlich müde (denn Jellinek ist auch nur ein Mensch) und die „Erbauung" ging zu Ende. Da betrat zum unbeschreiblichen Erstaunen der „andächtigen Zuhörer" ein irnprovisirter Unterprediger, der Herr Oberkantor Sulzer, den itidw (die Kanzel bleibt wohl dem Hauptprediger reservirt ILv und „balgte" sich wenigstens mündlich mit dem ersten Herrn Prediger in einer Weise herum, wie düs wohl schwerlich selbst von den Orthodox» n, die doch sonst zu Allem fähig sind, jemals geschehen sein dürfte, wenigstens sollten doch nicht die „andächtigen Zuhörer" damit erbaut werden. Jedermann wisse, sagt ungefähr dieser zweite Prediger, daß wenn irgend Jemand M. verehre, so ser er es, deshalb könne er jedoch nicht ruhig hingehen lassen, wenn man Letzterem das Verdienst vindicire, den Gottesdienst geregelt zu haben, welchem Geschäfte er selbst sich seit 50 Jahren widme, und für welches er sich ansopsere. Dieses Herumbalgcn drängte mir unwillkürlich die Frage oxerae xretii auf und die Beantwortung derselben dictirt meiner Feder folgende synagogalhistorische Remmiscenzen. Seitdenl der Anonymus (David Friedländer) in jenem berüchtigten, feige verleugneten Sendschreiben an Teller, der lustigsten Tragicomödie des Nihilismus, in welchem Kleinigkeiten, wie das Aufgeben sämmtlicher Ceremonialgesetze, abgethan werden, behauptet, „die jüdischen Gebet« und Andachtsübungen bestehen in einem leeren „Geplärre" (sie), das weder Erhebung noch gottselige Empfindungen hervorbringeu kann; seit der Zeit geht die gottseligkeitstrunkeue Neologie reformationsschwanger umher. Jene Sturm- und Drang- Periode der Liebäugelei mit Lutherischen Pastoren und Consistorialräthen genas eines stammverwandten Zwillingspaares etwas verschiedenen Naturells. Einer derselben ging tollkühn darauf los; so vor Allem zuerst anno 1815 Jacobsohn's Privatgottesdienst, der den PiutlM die Thüre wies — Reminiscenzen an mittelalterliche Verfolgungen schienen den gedankenlos Träumenden antiquirt, bis'sie anno 1819 durch den Hep- Hep Ruf aus ihrem tiefen Schlafe gerüttelt wurden. Dagegen aber wurde deutschen Gebeten, Orgelklang und Sang — der Name jüdischen Gottesdienstes gegeben. Dieses noch immer schüchterne Büblein trat nun aber anno 1818 am Befreiungstage Deutschlands, nämlich am 18. Oktober, gestiefelt und gespornt, „als Held ohne Furcht und Tadel," als Symbol der cultuellen Freiheit, im Hamburger Templer-Orden an's Tageslicht. Ueber die historische Nothwendigkeit dieser Tempelherren sagt nach 25 Jahren in der Jubelfeier- Predigt ihr „Geistlicher" — und Frankfurter ist ein chrenwerther Mann — wie folgt: „Da ist keine israelitische Gemeinde, in der es nicht erkannt wurde, daß cs Zeit, hohe Zeit sei, für Gott und Göttliches etwas zu .,1hun" (das heißt rc. .-umrn zu streichen)... Ta ist kaum ein israelitisches Gotteshaus, in welchem N'cht für den heiligsten Inhalt der Gebete würdige Reformen (o die Frechheit!) in Gesang und Vortrag gesucht und gefunden wird (und warum ist hyperorthodoxer Weise gelassen), allüberall ist der Morgen angebrochen, dem ein lichter, Heller Tag folgen wird, folgen muß — Nun ein Tag ist allerdings gefolgt und mußte auch, wie Herr Fr. naturgesetzlicher Weise sehr richtig bemerkte, folgen; ob aber licht und hell, das ist die Frage. Der auf den templerischen Morgen erschienene Tag (?) nämlich ist der Berliner und weiland Pcfther N-formverein, wo man einem on ält zufolge die Synagogenordnung zugleich aber auch die Emancipation der Weiber und die Courtoisie gegen dieselben soweit durchgeführt haben soll, daß man zu ((?j nip -pra 'rw-ip)i und 71^ px rnnpv Tirnns muß natürlich auch ein Beschneidungsabschaffungsverein als unumstößliche Basis anerkennen, — Nichts über die Consequenz! —) auch letztere hinzunimmt, und VX-, in der Synagoge (?) zubrmgt und sogar .iiind Tibiist (5w;pr> .-iwo steht natürlich auch Reformvereinlern bombenfest, o heilige Consequenz!), was nach dem unselig entschlafenen „Israelit des 19. Jahrh." auch von Mannheimer in Kopenhagen zugelasstn worden, ja selbst geschehen sein soll, was aber derzeit im „Orient" dahin beschränkt wurde, daß dieses nicht in der Synagoge, sondern bei dessen homiletisch-ethischen Vorträgen und nicht von ihm, sondern von seinen Zu-