Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1865)
- Date
- 1865-06-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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374 Bruder. In wessen Brust die Klänge aus dem jüdischen Leben ihr Echo finden, der ist ein jüdisches Kmd. Er kann sich den Stimmen, die elegisch und wehmüthig zum Herzen sprechen, nicht verschließen, und sie ergreifen ihn mächtig, wie den fernen Schweizerhirten sein heimathlich Alpenhorn. Und welches sind die Stimmen, die ihn so mächtig rufen? Welches die Bande, die ein Freimaurerthum, eine unverwüstliche Solidarität der jüdischen Herzen begründen? Nun, er mußte früh lernen, sich als etwas Btsonderes fühlen, das weniger Anspruch auf die Welt und die Liebe der ungeheuren Mehrheit der Menschen hat. In den Unterdrückten erwachen Erbarmen und Theilnahme sehr leicht, und wenn nicht schon das religiöse Gebot, müßte das häufige Leid die Wärme dieser Gefühlsströmung unterhalten und stärken. Von Vorurtheil, Sitte und Anschauung zurückgestoßen, mußten sie sich um so enger den gleich leidenden und gleich empfindenden Genossen anschließen urd in stillen, heiligen Erhebungen Ersatz finden für die rauschenden Freud n der übrigen Welt. Es brauchte indeß der äußeren Einflüsse nicht, um eine Solidarität herzustellen, es brauchte nicht der aufgenöthigten Solidarität, wonach es noch jetzt für ein rein menschliches Verschulden eines Juden mit jenem Patriarchen heißt: „hilft nichts, der Jude wird verbrannt", wonach die Juden insgesammt für einen Menschen, der zufällig auch Jude ist, mitbüßen. Die Liebe, die thatige, die das Leben lebendig durchdringt und nicht blos ein religiöses Motto bleibt, und für die sich so viel Spielraum bei Unterdrückten bietet, verbindet die Herzen. Die, zarte Gefühlsregung begünstigende hohe Sittlichkeit ihres Familienlebens, der Abscheu vor aller Brutalität, der höhere Stand ihres geistigen und gemüthlichen Lebens im Vergleich zu dem ihrer gewöhnlichen Umgebung gaben ihnen ein gemeinsames Gefühl der Ueberlegenheit. Nicht nur das gleiche Schicksal verband ihreSeelen. Sch'ma Ijsroül. Von demselben. Es war in Greifswald. Bis 1848 hatten dort nur zwei Schutzjuden gewohnt. Erst nach dieser Zeit erb''elt die dortige christliche Bevölkerung einen kleinen jüdischen Zuwachs. Selten besuchten früher jüdische Studirende die dortige Universität. Ich war noch nach 1848 ein ganzes Jahr der einzige, und Niemand hielt mich dafür. Noch seltener ließ sich ein kranker Jude in die dortige Klinik aufnehmen. Der Professor der Chirurgie in Begleitung der Praktikanten, meist pommerscher und westphälischer, hochgewachsener Blondins, macht die Runde in den Krankensälen. Bei einem Kranken soll Faradrsation den Krampsaderknoten heilen. Es stehen die Studirenden um ihn im Kreise herum. Der Professor läßt den electro-magnetischen Strom spielen. Immer intensiver wirkt er ein. Der Kranke stöhnt, hält wacker , aus und der Strom wird verstärkt, da — von dem! furchtbaren Schmerz überwältigt, schreit er auf, und! Sch'ma Jisrovl schlägt an mein Ohr. Auch mich i tras's wie ein electrischer Schlag. Er glaubt sich s von Niemanden» verstanden und ruft dennoch diese Appellation an das Mische Herz in die christliche Umgebung hienein, und sie traf das jüdische Herz unerwartet und erschütternd. Das Sch'ma Jisroel, das Bekenntniß der reinen Emheit Gottes, diese erste und letzte Lehre des Judenthums ist zugleich der elektrische Funke, der, wenn ihn die Angst und die Noth des Herzens w cken, von Herz zu Herz schlägt! Sch'ma Jisroäl ruft der Sterbende, Den des Todes Fittrg will umnachten. Sch'ma Jisroöl ruft der Märtyrer, Nach dessen Blut die Feinde trachten, Sch'ma Jisrosl ruft d?r Darbende, Der fern vom Bruder muß verschmachten. Wenn die Sonne hoch hinauf den feur'gen Wagen lenkt, Wenn der Tag den dunklen Abendmantel um sich hängt, Und wenn der Schlaf sich auf die müden Lider nieder senkt betet der Jude Sch'ma Jisroel. Umnachtet von Aberglauben, Barbarei und Bor urtheil war es dieser Helle Funke, der das heilige Feuer in der Brust des Juden unterhielt und bewahrte, das ewige Licht, das seine Pfade erhellte, die Feuersäule, die seine Geschichte Tag und Nacht begleitete, begleitet und begleiten wird. H L L L 4 « ^ie hiesige Gemeinde beabsichtigt, einen Lehrer, Schächter und Vorbeter sofort aufzunehmen. Kinderanzahl nicht groß. Gehalt 250 fl. Hierauf Reflektirende belieben ihre Zeugnisse einzuschicken an Jakob Lob Schönfärber in Dornheim bei Einers heim (Bayern).