Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 15 (5.4.1865)
- Date
- 1865-04-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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21L glaubst also, daß es in Deiner Macht stehe, einen Traum zum Guten oder zum Bösen zu wenden, und doch hast Du mir und Andern so vieles Unglück verkündet und nach Deiner eigenen Ueberzeugung so viel Unheil gestiftet! Alles wollte ich Dir verzeihen, aber nimmer die Verkündigung des Todes meines theuren Weibes, der Tochter Chisda's! — O mögest Du in die Hand eines erbarmungslosen gewaltigen Mannes gerathen, der die Macht hat, Dich für Deine verruchte Doppelzüngigkeit, so wie Du es verdienst, zu strafen!" „Der Fluch eines Weisen," murmelte der Traumdeuter, als er ausgestiegen war, leise vor sich hin, „eines Weisen Fluch — so ward mir gelehrt — erfüllt sich selbst, wenn er ohne Grund geschah, um wie viel mehr dresesmal, wo der Mann einen so triftigen Grund hat, mir zu zürnen! Ich muß entfliehen. Vielleicht .daß die freiwillige Verbannung mir als Sühne angerechnet wird." — Er entfloh nach Nom und schlug seine Bude vor dem Palaste des kaiserlichen Schatzmeisterauf, um auch da seine Kunst zu üben. — Eines Tages kam der Schatzmeister selbst und sagte : „Ich sah in meinem Traume eine Nadel mir in den Finger stechen." — „Gib mir einen Gold-Denar!" sagte der Traumdeuter. — Der Schatzmeister wollte ihm nichts geben, und so schwieg der Traumdeuter. — Den zweiten Tag kam der Schatzmeister wieder und sagte: „Ich sah im Traume einen Wurm sich mir in zwei Finger einbohren." — „Gib mir einen Gold-Denar!" sagte der Traumdeuter. — Der Schatzmeister wollte abermals nichts geben, und so behielt abermals der Trnnmdeuter leine Deutung zurück. — Den dritten Tag kam der Schatzmeister zum drittenmale und sagte . „Ich sah im Traume einen Wurm mir durch die ganze Hand gehen." - „Weichen kaiserlichen Schatz / trug jetzt der Traumdeuter, „hast Du zur Aufbewahrung?" — „Die serischen Gewänder," antwortete der Schatzmeister. — „Der Wurm," sagte der Traumdeuter, „hat alle Gewänder durchfressen. —" Das wurde im kaiserlichen Palaste gehört, und als es sich in Wirklichkeit so fand, nahm man den Aufseher des kaiserlichen Schatzes fest, um ihn seine Nachlässigkeit mit dem Tode büßen zu lassen. — „Warum wollt Ihr mich strafen?" sagte der Schatzmeister, „den Mann straft, der von der Sache schon vor drei Tagen gewußt und nichts davon gesagt hat." — Da holte man Bar-Jdia und sagte zu ihm: „Um eines Gold-Denars willen hast Du die kaiserlichen Gewänder zerfressen lassen! Das sollst Du mit dem Tode büßen!" — Man bog zwei Cedern mit ihren Kronen zusammen und band sie fest. Dann band man mit Stricken je einen Fuß des Traumdeuters an einen Baum, ließ dann die Bäume wieder aus einander fahren, und io wurde der Arme in zwei Stücke zerrissen. — Wohl eine harte Vergeltung für seine Doppelzüngigkeit. — Die Londoner Juden. Aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet von Hirsch Grünebaum. (Fortsetzung.) Die Bittsteller waren Alle in einem großen Wartezimmer placirt. Ein Jeder wurde zu einer bestimmten Zeit in die Amtsstube gerufen. Sie hatten alle in der vorangegangenen Woche ihre Gesuche eingereicht, und eine kurze Uebersicht derselben war ausgestellt und dem Präsidenten vorgelegt. Die erste Bitte war die einer armen Frau mit mehreren Kindern; die Erzählung ihres Mißgeschicks war bald beendet, und ihre Bitte wurde begründet gefunden. Ein Billet, gut für mehrere Laib Brod und ein Quantum Fleisch, hinreichend für sie und ihre Familie während der kommenden Woche, wurde überreicht. — Die folgende Bitte war ebenfalls die einer Frau, die in Lumpen gekleidet und sehr schmutzig war. Sie war eine Deutsche und verstand nicht ein einziges Wort Englisch. Der Sekretär, Herr Löwenthal, der ein außerordentlicher Sprachkenner zu sein scheint, versah die Stelle eines Dolmetschers. Ihre Verhältnisse waren ebenso erbärmlich, wie ihr Aeußeres. Nachdem sie ebenfalls ein Billet für Brod und Fleisch erhalten hatte, fragte sie ver Präsident, warum sie so schmupig sei. Ihre Antwort war, daß der Schoppen, in dem sie wohnte, nur einen sehr gsrrngen Grad persönlicher Reinlichkeit zu lasse. „Hier ist ein Billet für die Bade- und Waschhäuser," fuhr der Präsident fort," sorgen Sie dafür, daß Sie. wenn Sie nächsten Montag wiederkommen rein sind; widrigenfalls werden Sie Nichts! mehr von uns bekommen."; Jetzt erschien ein Mann, dessen Aeußeres die i bitterste Noth verriet!). Seine Gestalt war kurz und! gedrängt. Er war ein Ausländer mit vier Kindern i und hatte kein Geschäft, aber auch keine Aussicht auf! dauernde Beschäftigung. Während der Präsident das; gewöhnliche „Vorverhör" abbielt, erstaunte ich plötz-! lich über den gereizten Ton. den er dabei annahm. Seine gewöhnliche Gutmütigkeit schien verschwunden zu sein, und wäre er ein Untersuchungsbeamter der