Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 11-12 (15.3.1865)
- Date
- 1865-03-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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DritteBeilage zu Nr. 11 L 12 desIsraelii. Hamburg, 7. Adar. Am Ereb Schabbat Beschallach (am 10. Februar) kamen wir in Hamburg an. Wir waren erstaunt, zu sehen, wie geschäftig in dieser großen,prächtigen Handelsstadt die jüdische Welt in jüdischen Angelegenheiten thätig war. Wohin wir kamen, überall langten Briefe mit Wahlcircularen an, auf den Straßen wurden von Dienstleuten für 1 Schilling Broschüren zum Verkauf ausgeboten, welche den Titel führten: „Welche Männer wählen wir zu Repräsentanten?" Es ist kein Wunder, wenn wir, eben in diese Welt voll Leben eingetreten, begierig den Inhalt durchflogen, und wenn man dem Laien auch kein gediegenes Verständniß zutrauen kann, so müssen wir doch sagen: so Manches scheint absolut richtig, weil es natürlich logisch gedacht ist. So heißt es darin: „Die in unserem Gemeindeleben hervorgebrochene Umwälzung ist keine überraschende, sondern vielmehr eine für jeden Vernünftigen sicher erwartete, sehr lange vorbereitete, vorbereitet* durch Hände, die es am wenigsten gewollt, die eben an dem Gegentheile zu arbeiten sich bemüht. Hätte man berücksichtigt, daß die Zeit der Oberbevormundung von Corporationen und Staaten längst dahin geschwunden, und hätte man demgemäß auch den Gemeindemitgliedern Aufschluß gegeben über Zustände, die ihre wichtigsten und heiligsten Interessen betrafen, hätte man schon längst das Princip der Volksreprasentation innerhalb des Verwaltungswesens der Gemeinde eingeführt, so wäre die schöne Frucht davon die gewesen, daß man nach Sinn und Geist der Gesammtheit gehandelt hätte, und die Grundseulen des Gebäudes unseres Gemeindewesens ständen noch heute unantastbar fest." Weiter wendet sich die Broschüre zur Betrachtung der Zukunft unserer Gemeinde und spricht von mannigfachen Unklarheiten und Widersprüchen deS Schriftchens „Gedanken über die Neugestaltung der israelitischen Gemeinde", vor Allem davon, daß derselbe Verfasser, der im Eingang seines Büchleins so sehr die Freiheit gerühmt, die das Band des bisherigen, staatlichen Zwanges zerrissen, der mit Freuden die freiwillige Hingebung begrüßt, die an die Stelle des früheren Zwanges getreten, am Ende doch mit Ausschluß aller Gewähr von Gedankenfreiheit diejenigen der Engherzigkeit und Einseitigkeit zeiht, die mit ihm in Betreff seiner Vorschläge nicht übereinstimmen, der ferner von leicht zu bestimmenden Massen spricht, deren Uebergewicht bei der Betheiligung am Wahlact vermieden werden müsse. Düs Wort „leicht zu bestimmende Masse" schien auch uns deßhalb auffallend, weil doch die Hamburger Bevölkerung, namentlich was diejenigen Massen der Juden betrifft, die man unter die Rubrik der Masse zu rechnen Pflegt, eine entschiedene Gesinnung hat und gewiß nur streng religiösen Vertretern ihre Stimmen geben wird. Doch ein Freund, der diese Weltstadt aus längerer Erfahrung wohl beurtheilen kann, gab unS einigen Aufschluß : „Gestern den 9. Februar, in der großen allgemeinen, von 400 Mitgliedern besuchten Wahlversammlung im Logensaale, da hätten Sie einige charakteristische Vertreter von allen Richtungen erblicken können. Die Versammlung war berufen von der Partei der Fusion, die überhaupt, weil sie schon seit Monaten thätig die Mitglieder und Kenner des Gemeindebüreaus und des Gemeindewcseus unter sich und zur Stütze hatte, am besten dazu befähigt war. — Diese Fähigkeit benutzte sie auch, „leicht zu bestimmende und zu gewinnende Massen" zu sich hinüberzuziehen, die allerdings vorhanden, wenn auch nicht die Massen sind, die der Verfasser im Sinne hat. Das Präsidium führte Herr Vr. H. May, der sehr überrascht war, als ein Advokat, Herr vr. Julius Nathan, die Anfrage stellte, worin die Herren des Comits's eigentlich die Berechtigung erblickten, sich als Ausschuß der Gesammtwählerschaft constituiren zu dürfen. Doch wäre dieser Vorwurf nicht so schwer abzuweisen, wenn das Ziel des Fusionscomits's ein wahres, richtiges ist, worüber jedoch die Zukunft entscheiden wird. Nach diesem ersten Interpellanten trat nun eine ganze Schaar begeisterter Kämpfer auf, die mit einem Gefühl von gerechter Erbitterung gegen das frühere Verwaltungssystem sprachen, dessen Verlängerung sie durch den Lieg der Fusionspartei Vorschub geleistet glaubten. Nun ist es nicht zu verkennen, daß die Sache dieser Herren eine gerechte war und ist, denn bei der Gefahr, in der die religiösen Interessen geschwebt und noch schweben, ist Entschiedenheit und energisches Auftreten sehr erforderlich, Halbheit verderblich; aber wie sieht es mit den Persönlichkeiten aus, die dieses energische Programm mit voller Kraft aufnehmen und mit Beharrlichkeit und Opferfähigkeit durchführen sollen? Leider müssen wir hier bemerken, daß neben viele» edlen Charakteren auch manches Unedle, namentlich bei dieser Versammlung, zum Vorschein kam, und wir müssen es auf das Tiefste beklagen, daß wir in der Art persönlicher Angriffe und empfindlich verletzender Sticheleien einen Mangel an Bildung erkermen, der im gesetzestreuen Lager am wenigsten zum Vorschein kommen sollte. Ferner müssen wir unseren Freunden entschieden ihren Mangel an Opfersiun für unsere heilige Lehre vorwerfen. Wenn auch der bedeutende Anlaß sie für den Augenblick etwas aufgerüttelt, so ist doch leider zu fürchten, daß diese Begeisterung nicht lange wirksam bleibt, und zwar ist das Hauptunglück dabei dieses, daß ein Jeder da, wo Thaten von ihm verlangt werden, sich „bescheiden" zurück zieht. Zwei Worte beherzige ein Jeder, und er wird gut handeln