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Der Israelit · 1864-12-14 · Heft 50 (14.12.1864) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 50 (14.12.1864)
Date
1864-12-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
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667 gelernt hatte. Aber meine Familie, Gott segne sie, ward größer, und es wird mir schwer, durch Unterricht die theuren Lebensbedürfnisse zu erschwingen. Doch ich will mich nicht beklagen. Es gibt viele Leute, deren Lage schlimmer als die meine ist; denn ich besitze Kenntnisse, um meinen Geist zu beschäftigen und die Liebe meiner Frau und Kinder hält mich schadlos für so manche andere Annehmlichkeiten des Lebens, die wir entbehren müssen." „„Freund,"" sagte der Fremde, „„haben Sie keine Verwandten, die Sie unterstützen könnten?"" „Ich habe keine; mein einziger Bruder verließ England, als ich noch ein Knabe war, und hat seitdem Nichts von sich hören lassen." „„Aber die reichen Juden — sie sind ja mildthätig; würden sie Ihnen nicht beistehen?"" „Herr, ich bin kein Bettler. Nein, ich kann meine Hände nicht aushalten, um Almosen zu empfangen." „„Könnten Sie nicht eine vortheilhaftere Stelle erlangen?"" „Ich habe Viele meiner Glaubensgenossen darum angesprochen, aber es war vergeblich." „„Warum haben Sie sich nicht an Christen gewandt? - Alle Menschen sind Brüder."" „Herr, ich bin Jude und liebe alle Menschen als meine Brüder. Ich könnte mit Christen in Geschäftsverbindung treten, wenn ich unabhängig wäre. Aber der tinzige Weg, welcher mir gestatten würde, ins Geschäftsleben einzutreten, wäre der, eine Stelle als Buchhalter anzunehmen, und da müßte ich meinen Sabbath entweihen. Das würde ich aber nie mals thun!" „„Aber das Leben ist süß und Ihre Kinder schreien nach Brod. Ich habe Mittel, für Sie eine vortheilhafte Stellung zu finden. Was würden Sie zu einem Religionswechsel sagen?"" „Herr/ rief Salomon, indem er sich erhob, Gott verbietet, daß ich das Recht der Gastfreundschaft verletze. Aber Sie irren sich in mir. Ich bin keiner von Denjenigen, welchen ihre Religion verkäuflich ist. Schweigen Sie, ich kenne schon Ihre Einwürfe und will Ihnen die Darlegung derselben ersparen. Ihre Beweise mögen oft verlockend sein; aber die Verführung findet bei der Unwissenheit einen bessern Boden als bei der Armuth. Ich bin zwar arm, Herr, aber ich lasse mich nicht beleidigen. Ich habe Sie auf Ihre Bitte eingeladen, den Anfang des Laubhüttensestes mit uns zu feiern. Was ich Ihnen geboten habe, war zwar nur ärmlich, aber es ward Ihnen herzlich gern gegeben. Es steht Ihnen schlecht an, daß Sie die religiösen Grundsätze einer Familie untergraben wollen, deren Brod Sie genossen haben. Ich habe gehört, daß ihr Herren eben nicht scrupulös sei) in den Mitteln, die Ihr anwendet, um Proselyten zu machen, aber ich denke nicht, daß Sie es wagen «erden, die Gastfreundschaft derart zu mißbrauchen Gehen Sie, Herr, und sagen Sie denen, die Sie geschickt haben, daß da, wo man die heiligen Lehren und Pflichten des Judenthums kennt, sogar der Hunger keinen Apostaten machen kann. Unwissenheit kann vielleicht durch zeitliche Vortheile verführt werden, allein der überzengungsvolle Mann kann nicht, und der glaubensvolle Mann will nicht." „„Aber ... „Herr, kein Wort mehr. Selbst wenn mein geliebtes Weib und meine Kinder, die mir theurer sind als mein Leben, in Gefahr wären, vor Mangel zu sterben, auch dann noch würden Ihre Bemühungen erfolglos sein. — Jene auf Wagen, Jene aus Rossen, wir aber setzen unser Vertrauen auf den Ewigen unfern Gott." „„Jakob,"" rief der Fremde, „„kennst du deinen Bruder nicht mehr?"" „Was, habe ich mich getäuscht? Hast Du mich nur auf die Probe stellen wollen? Bist Du mein Bruder Joseph? Kann ich, dar^ ich Dir glauben?" „„Fürwahr, bei dem Andenken unsres Heimgegangenen, Vaters Du darfst und mußt es. Gott segne Dich, mein Bruder, Gott segne Dich!"" Und die lang von einander getrennten Brüder umarmten sich laut schluchzend. „„Ich bin lange umhergeirrt"" sagte Joseph. „„Dein Vertrauen auf Gott, Dein hingebungsvoller Glaube soll belohnt werden, und ich werde, wenn es Sein Wille ist, in Seiner Hand das niedre Werkzeug dazu sein. Bruder, Schwester, ich habe Reichthümer mitgebracht und werde sie mit Euch theilen. Du sollst fortsahren, Unterricht zu ertheilen, aber laß mich Deinen Schüler sein. Lehre mich Deine unerschütterliche Frömmigkeit."" Wer beschreibt das Glück, welches die Herzen erfüllte, die jetzt in dem ärmlichen Dachkämmerchen schlugen. Glücklich war der Vater, da die Wesen, welche er am Meisten liebte, dem Mangel enthoben sein sollten; glücklich war die Mutter, da sie für ihre Kinder einer bessern Zukunft entgegensah, da ihr Gatte die Stellung im Leben einnehmen sollte, die ihm gebührte; aber glücklicher als Alle war der fremde Bruder, indem er sich erkannte als das niedre Werkzeug in der Hand des Allmächtigen und da er beschloß, ein Leben ohne jüdische Pflichterfüllung aufzugeben und zu Dem zurückzukehren, Dessen Hand allezeit offen ist, den reuigen Sünder aufzunehmen, und der den müden Wanderer zuletzt die süße Heimath finden läßt.

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