Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1864)
- Date
- 1864-12-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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666 sich her blickte. Ein- oder zweimal trat er vorwärts, wenn ein wohlbekanntes, reiches Mitglied der Gemeinde an ihm vorüberging, wie wenn er dasselbe ansprechen wollte; aber er that es nicht. Eine dunkle Nöthe! färbte dann seine bleichen Gesichtszüge, und er sprach! leise, halb unbewußt, vor sich hin „Esther und die Kinder würden ja doch nicht dabei sein!" j Endlich erwachte er aus seiner Träumerei und war im Begriff, die Synagoge zu verlassen, als ein Fremder, der neben ihm stand, ihn plötzlich anredete: „Gehen Sie nach Hause, Herr?" „Nach Hause," erwiederte Salomon, ein wenig überrascht von der Anrede des Unbekannten, „nach Hause? Ja." „„Würden Sie es nicht als zudringlich betrachten, wenn ich Sie bitten würde, mir zu erlauben, daß ich Sie nach Hause begleite? Ich bin ein Fremder, welcher erst heute Nachmittag von Indien zurückgekehrt ist. Ich möchte wohl einmal wieder den Segensspruch in der Laubhütte hören. Es ist das erste Mal seit vielen Jahren, und ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie meine Bitte erfüllen möchten."" Als Salomon verlegen schwieg, sagte der Fremde: „ „Nun, mein Herr, wenn ich zudringlich sein sollte... „Nein, nein," unterbrach ihn Salomon, „es ist nicht das, was mich zögern ließ; Nichts würde mir größeres Vergnügen machen, als Ihnen zu dienen; aber ich habe keine Laubhütte; die Zeit ist vorüber, da ich mir erne solche ausbauen konnte; aber jetzt habe ich kaum ein Dachkämmerchen. Ich wollte Jemanden darum ansprechen, daß er nur gestatte, in seiner Laubhütte zu essen, aber ich hatte nicht den Muth dazu." Der Fremde wandte seinen Kopf ab, um eine Thräne zu verbergen. „„Ich möchte Sie dennoch bitten, mir zu gestatten, Sie nach Hause zu begleiten/'" sagteer. „„Ich kenne hier leinen Menschen, und ich möchte nicht gern in meinem Gasthof verbotene Speise genießen, wenn ich an einem jüdischen Tische speisen könnte."" ,Herr," sagte Salomon tief erröthend, „wenn es Ihr Wunsch ist, jüdisches Brod zu essen, so kommen Sie mit mir. Man soll nicht sagen, daß ein Jude dem andern Juden ani Vorabende unserer heiligen Feste die Thür verschlossen habe. Ich bin lehr arm, Herr, aber zu dem was ich habe, sind Sie willkommen." Der Fremde danite ihm und schweigend gingen sie ihres Weges. „Wir sind am Ziele," sagte Salomon, nachdem er seinen Gast vor erne ärmliche Hütte in einer der ärmlichsten Straßen geführt hatte; „hier ist meine Wohnung." Als sie eintraten, trat ihnen eine Frau entgegen, welche Salomon umarmen wollte, als sie noch rechtzeitig den Fremden bemerkte. „Esther, meine Liebe," sagte Salomon, „dieser Herr ist fremd hier in London und ich habe ihn zum Abendbrode cingeladen. Herr, dies ist meine Frau, das sind meine Kinder." Der Fremde verneigte sich und setzte sich aus einen Stuhl, welchen eines der Kinder für ihn hingestellt hatte. Während Salomon der Reihe nach seine Kinder segnete, hatte der Fremde Zeit, seine Umgebung zu betrachten. Das Zimmer war klein, aber im höchsten Grade reinlich. Die Einrichtung war mehr als einfach; einige hölzerne Stühle, ein eichener Tisch und zwei zinnerne Leuchter. Auf dem Tische standen zwei Lassen und ein Milchtops und sechs kleine zinnerne Näpfe für die sechs Kinder, von denen das älteste 15 nno das jün'ste 5 Jahr alt sein mochte. Da war kein Tischtuch, und e n Stückchen weißes Baumwollzeug vertrat die Stelle der üblichen Decke für die beiden Feftbrode. Das Ganze gewährte einen überaus ärmlichen Anblick und der Fremde staunte, als er bemerkte, daß Brod, Milch und Wasser das ganze Festmahl der Familie ansmachte. Nachdem man sich gewaschen hatte, sprach Salomon das Kiddusch-Gebet und reichte /.cdern ein Stückchen Brod. Zögernd stellte Esther dem Fremden die Milch hin, indem sie sagte: „Es ist das Alles, was wir Ihnen andieten können, Herr, aber wir danken Gott für das. Wenn Sie zufrieden sind — uns sind Sie willkommen." „„Madame,"" antwortete er, „ „ich verlange nicht mehr. Es sind 30 Jahre her, seitdem ich jüdisches Brod gegessen habe, und ich bin froh, daß Sie mir erlaubt haben, an ihrer Mahlzeit Theil zu nehmen, wenn diese auch reine Leckerbissen bietet."" Das karge Mahl wurde schweigend verzehrt und wurde durch ein Tischgebet beschlossen, welches nicht andächtiger hätte sein können. „„Verzeihen Sie mir," " sagte der Fremde, „ „daß ich so unbescheiden bin, Sie nach ihrem Berufe zu fragen. Ich habe gehört, daß meine armen Glaubensgenossen wenigstens an den Festtagen etwas Besonderes genießen. Wie kömmt es, daß Sie hierin eine Ausnahme machen? Ihre Manieren und die ihrer Fa-! mitte scheinen nur überdies von einem bessern Stande : zu zeugen; was! „Herr", unterbrach ihn Salomon, „meine Geschichte ist bald erzählt. Ich ward so erzogen, daß ich einer schönen Zukunft entgegen sehen konnte; aber : meine Eltern verloren durch Unglück ihr Vermögen, i <tzie starben in Armuth und ich hatte kein Geschäft » erlernt, welches mir meine Subsistenzmittel hätte verschaffen können. Meine gute Erziehung, die dem! reichen Manne zur Zierde hätte gereichen sollen, be- . fähigte mich, Unterricht in dem zu ertheilen, was ich