Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1864-10-05 · Heft 40 (5.10.1864) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 40 (5.10.1864)
Date
1864-10-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2447141-2447181--02920-2458287
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

538 hatten bleiben werden. Da nun Herr Löw sehen wird, daß seine Pläne vereitelt werden, so möchten wir ihm rathen, sich künftighin in solche Dinge nicht zu mischen. In der Gemeinde B. Gyarmath gedeiht die vierklassige Volksschule unter unmittelbarer Aufsicht des Herrn Oberrabbiners aufs Vortrefflichste. Es wird daselbst außer gründlichem Unterricht in den profanen Wissenschaften und in der Bibel mit Raschi auch im Talmud unterrichtet. Der vor mehreren Jahren aufgelöste Talmud- Verein wurde am jüngsten Wochenfeste, auf Anregung des Herrn Oberrabbiners wieder organisirt. Der größte Theil der Gemeinde Hat an demselben Theil genommen. Zwei Gemeindemitglieder haben demselben je ein Exemplar des Talmud gewidmet, und ein drittes hatte demselben fl. 40 zum Ankäufe eines solchen zugestellt. Der Verein hat ferner zwei Zimmer gemiethet, in deren einem Chumesch mit Raschi, im andern Talmud vorgetragen wird. In der Gemeinde zu Szecseny blüht gegenwärtig neben den größeren zu B. Gyarmath eine Jefchibah, die etwa 20 Talmudjünger zählt. — In dem angrenzenden Heveser Comitate wurde der von seinem Vorstande so grundlos angefeindete, verfolgte und abgesetzte Rabbiner, Hr. Joseph Weisz, vermittelst hohen Erlasses der k. k. Hofkanzlei wieder in sein Amt eingesetzt. M. D. Feuilleton. Eine Jeußerung -es Dichters Lenau öder Mot Nidre. Es wird unfern Lesern gewiß nicht unwillkommen sein, wenn wir ihnen eine Aeußerung Lenau's, des hochgeseierten deutschen Lyrikers, über die Melodie des „Kol Nidre" mittheilen, die von Karl Beck, dem Freunde dieses vor mehreren Jahren verstorbenen Dichters, in jüngst veröffentlichten Tagebuchblättern 1843/4 erzählt wird. „Wir befanden uns," berichtet der Erzähler von einem gemeinsamen Spaziergang nach Lerchenfeld in Wien, „bald inmitten rosig gelaunter Volksmassen. Allenthalben erscholl uns Harfenklang, Zitherspiel entgegen." Lenau sagte: „Wahrlich, nächstens sollen sie mich geigen hören, aber ich geige nur im Gewaltigen und Gewaltsamen. Schroffes, einsames Felsgestein, dunkle Wälder heimeln mich mehr an als strotzende Weinhügel und lachende Gärten. Schwarzes Gemüthswetter mit seinen Wehen und krampfhaften Ausbrüchen hat für mich mehr Reiz und Inhalt als die heilere beruhigte Stimmung, welche der Geist, so scheint'- mir, eher hemmt als entbindet. Mozart mag die kindlich süße Sprache der Engel sprechen und uns den Himmel verheißen. Beethoven redet die trotzige Sprache des Titans und fordert uns auf, diesen Himmel zu stürmen. Ludwig van Beethoven, der das Gelüst eines Prometheus willig und stolz mit dem Geier an seiner Brust bezahlt, ist mein Herr und Meister, und ich will keine Götter neben ihm haben." „Zum Düstern und Stürmischen hiuneigend, muß Sie die Musik unserer Heimath ausnehmend beseligen?" so frug ich. „Ob ich sie liebe diese theuren, wenngleich eintönigen Weisen!" „Ebenso könnte man die See eintönig nennen, und dennoch nimmt ihr Rauschen unsere ganze Seele gefangen und wer's einmal im Leben gehört, sehnt sich ewig darnach. Begeistert Sie unser Rakoczymarsch?" „Zumal, wenn er von Zigeunern gespielt wird," ries er lebhaft. „Ven! v!cki, vier! Solche Tongewitter haben Jerichos Mauern umgeworfen! Nur deucht mir die Marseillaise bei gleichem Schwung maßvoller. Der Rakoczy will, daß wir die Freiheit erstreiten, die Marseillaise hat schon das Bewußtsein der erfochtenen Freiheit und will, daß wir sie behaupten. Aber näher als diese Zwillingshymnen in Wehr und Waffen steht meinem Herzen ein drittes Lied, über und über in Trauer gehüllt, ein langaustönender Nachtgesang bußfertiger, zerknirschter, reuestammelnder Menschenkinder. Kol Nidre heißt dies Schmerzensgebet, ich Hab' es vor Jahren in der Heimath gehört. Der Vorabend des Versöhnungstages war gekommen. Ich drückte mich in einen Winkel der Synagoge, um den Gläubigen kein Aergerniß zu geben. Mächtige Wachskerzen flammeten, das Volk stand gesenkten Hauptes, in weiten schneeweißen Sterbegewändern. Da begann der Vorbeter sein tiefernstes, herzzerwühlendes Entsündigungslied, reich an Schrecken und Gnade. Ich rang mit einer seltenen Rührung, schluchzte krampfhaft, langgekochte Thränen schoflen mir aus den Augen, ich stürzte wund aber geläutert in die Nacht hinaus. In jener unvergeßlichen Stunde haftete kein einziges schwarzes Pünktchen an meiner Seele. Und wer hat diese Weisen geschaffen? Die Leutchen Wissens nicht, das Lied ist von den Großahnen auf den Urenkel gekommen. Solche Schmerzensgesänge der Völker, dünkt mich, werden schwerlich von einem Einzelnen gedichtet, ich möchte sagen, die räthselhaften gehen fertig und gerundet, in Hunderten zugleich auf. — Jahre waren verstrichen, ich hatte kaum einige Takte mehr dieses Liedes im Gedächtniß behalten, strengte mich auch fruchtlos an, mir das Ganze zurückzurufen; aber als ich die faulende alte Wett

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.