Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1864)
- Date
- 1864-07-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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SSO Weichend ihrem Unglückssterne, Einzeln und auch in Gemeinden, Wie die Leiden sie vereinten, Zogen sie in weih Ferne. Ost und Süd, das Land, die See, Tönten von dem tiefen Weh. Unter jenen, denen glückte, Wenn auch mit dem nackten Leben, Sich der Rachgier zu entheben, Die das Schwerd so gottvoll zückte, — War ein schlichter, frommer Mann, Der noch Niemand weh gethan. Alles, Alles, war verloren, Weib und Kinder, Gut und Habe, Alles, Alles Opfergabe Für den Gott, dem er geschworen. Nur das Leben blieb ihm noch Und als drückend schweres Joch. Doch o nein! nicht ganz verlassen Fühlte sich der Gottergebne, Als er zog durch Welschlands Ebne, Eines war ihm doch gelassen, Gottvertraun in tiefer Brust Und ein Büchlein, seine Lust. Von den vielen, theuern Werken, Die er selbst sich abgeschrieben, War ihm eines noch geblieben. Seinen Geist in Gott zu stärken; Massecheth Chagiga nur, Seines Fleißes einige Spur. Wo er ruhet, wo er wandelt, Aus dem Wege, dem so weiten, Muß das Büchlein ihn begleiten, Das ja von den Festen handelt, Und auch manches höh're Fest Für den Frommen hoffen läßt. — Erst nach langem, schwerem Ringen, Als die Hoffnung schien zu schwinden, Einen Nuheort zu finden, Ließ es Gott ihm doch gelingen, Daß er Brod und Ruhe fand An Italiens Meeresstrand. In dem kleinen, stillen Orte, Von der Hände Arbeit lebend, In sein Schicksal sich ergebend, Sucht' er Trost im Gottesworte, In dem Büchlein werth und lieb, Das von Allem ihm verblieb. Freilich war der Mann erfahren In des Talmuds weiten Hallen, In den sechzig Bänden allen, Und auch in den Commentaren, Aber in dem Ort so klein Mocht' sein Buch das einz'ge sein. Wenn die Abendstund' gekommen, An dm Fest- und Feiertagen, Wmn sie ruh'n die Tagesplagm, Wird das Buch zur Hand genommen. Massecheth Chagiga war Seine Freundin ganz und gar. Und so oft er's auch gelesm In dm vielen, vielen Jahren, Die ihm noch beschieden warm, Ist er sein nie müd' gewesen. Hat er's bis zu End' geführt, Wird's von vom auf's Neu studirt. Endlich kam auch ihm die Stunde, Wo auch ihm Erlösung werden Sollte von dm Müh'n der Erden, Und geheilt die Herzenswunde. — Auch im letzten Kampfe stand Hülfreich ihm kein Freund zur Hand. „Einsam," seufzt er, „muß ich scheiden, Weib und Kinder längst schon oben! Freunde, rechts und links zerstoben! Nichts, dm Blick daran zu weiden! Keiner, der das Aug' mir schließt! Keiner, dessen Thräne fließt!" — Sieh, da öffnet sich die Thüre, Und im reinsten Duftgewande, Wie wenn sie der Himmel sandte, Und die Erd' sie kaum berühre, Tritt ein Weib in Lichtesschein In das stille Kämmerlein Tritt hinein zum bangen Greise, Beugt zu ihm sich traulich nieder, Und berührt die Augenlieder Mit der Hand ihm, sanft und leise. „Sei getrost!" sie freundlich spricht, „Ich, mein Freund, verlaß Dich nicht. „Massecheth Chagiga stehet Ihrem Freunde jetzt zur Seite, Daß sie liebend ihn geleite Aus dem Leben, das vergehet, In ein Leben höh'rer Art, Für den Frommen aufbewahrt." —