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Der Israelit · 1864-06-01 · Heft 22 (1.6.1864) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 22 (1.6.1864)
Date
1864-06-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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294 sich mit ihm von einem fremden Pfarrer trauen zu lassen, um es dann gesetzlich sein Weib nennen zu können. Mein er konnte nur mit Mühe einen Pfarrer finden, der sich zur Realisirung seiner Pläne bereit erklärte; endlich gelang es ihm, in der Person des Hm. Pfarrers zu Komnjat ein für seinen Plan taugliches Individuum j zu gewinnen. Dieser nahm das Mädchen sogleich zu sich, um es für die Taufe vorzubereiten, bestimmte dieselbe auf Sonntag den 15. Mai und verbot den Eltern sowie jedem andern Israeliten den Zutritt zu ihr. Sobald Se. Ehrwürden Herr Philipp Plaut, Rabbiner zu Gr. Sievang, zu dessen Bezirk der Geburtsort ves Mädchens gehörte, Nachricht davon erhielt, eilte er nach Neutra, reichte am 11. Mai a. e. ein Gesuch an Se. Hochwohlgeboren Herrn Rudolf von Ocskey, königl. Obergespan vom Neutraer Somit., ein, worauf dieser schon am 13. Mai einen Befehl erließ, daß der Herr Pfarrer zu Komnjat in Anbetracht der Minderjährigkeit dieses Mädchens selbes sogleich den Eltern zurückzugeben habe und keinesfalls die Taufe vornehmen dürfe, bevor die Eltern und der Herr Rabbiner Plaut ihr zu Herzen gesprochen hätten. Nur dann, wenn alle diese Versuche, sie ihrer Religion zu erhalten, an ihrem unabänderlichen Entschluß scheitern sollten, dürfe der Pfarrer dem Mädchen willfahren. Dieser Bescheid wurde noch.am 14. Mai pr. Expreß durch den Herrn Stuhlrichter zu Neuhäusl dem Herrn Pfarrer zu Komnjat mitgetheilt, und am 15., dem Tage, an dem das Mädchen getauft werden sollte, wurde sie ihren Eltern zurückgegeben. Jetzt bereut sie es, daß sie sich von jenem Burschen entführen ließ und ihre Religion ändern wollte. Wir können nicht umhin, Sr. Hochwohlgeboren, dem Herrn Rudolf von Ocskey, im Namen des Judenthums den herzlichsten und innigsten Dank auszusprechen. Möge der Allgütige einen solchen Mann uns lange zum Wohle des Staates und zum Wohle der Menschheit erhalten. Schon vor 3 Monaten beschloß die hiesige Gemeinde, die Rabbinatsstelle Herrn Or. Schmiedl aus Proßnitz zu übertragen. Seit jener Zeit hat nun Herr vr. Schmiedl schon dreimal diesen Posten angenommen iznd dreimal wieder abgelehnt. Welche Ursache ihn dazu bewog, ist unbekannt. — Herr Mardachai Schönfeld ist von seiner Stelle als p-> w? osn zurückgetreten. Neutra hat jetzt demnach «Ä>er einen Rabbiner, noch einen einzigen Dajan. Möge die Gemeinde Neutra baldigst zur Einsicht komme» und die jetzt gänzlich unversorgte rix-nri in gute und sichere Hände legen und Männer berufen, die im Stande sind, die großen Mängel in der Gemeinde zu beseitigen und den wahren Frieden zu erhallen! H. S. S. Prag, 4. Mai. (Verspätet.) In den ersten Tagen des Peßachfestes bemerkte man in der hiesigen Gemeinde eine Aufregung, deren Ursache deutlich zeigte, daß hier noch, Gott sei Dank, jüdisches Gefühl lebhaft pulsirt. Der Prediger der Maiselsynagoge hatte nämlich, in einem Anfalle von Ueberhebung, noch mehr aber von der Sucht geleitet, einmal interessant zu sein, sich öffentlich als v'vvki '^-r dp prostituirt. In seiner Festpredigt citirte derselbe Stelle» aus der Hagada schel Peßach, um dieselbe lächerlich zu machen. Bei der völligen Bornirlheit seiner Auffassung meinte er, daß die Stelle ri-nn ein Unsinn sei, da ein Vater sein Kind weder als noch als OIii behandeln würde, wie wenn hier von Kindern und nicht vielmehr von viererlei Gesinnungen die Rede wäre. Die in der „Hagada" vorkommende Aufzählung und Berechnung der Plagen, mit denen Aegypten gestraft wurde, verspottete er mit dem schaalen Witze, daß dieselben Gelegenheit geben, die Kinder das Multipliziren zu lehren. Eine solche Verhöhnung uralter Gebräuche des jüdischen Lebens, eine solche Verächtlichmachung des Talmuds und der mündlichen Lehre mußte allgemeine Indignation erregen, denn es handelte sich nicht um einen lokalen Minhag, sondern um Einrichtungen und Gebräuche, die sind, und ist es deßhalb gar nicht zu verwundern, daß sich das gerechteste Mißfallen darüber kund gab. Ja, der gelehrte und fromme Herr Prediger ging so weit, daß er erklärte, Talmud und Midrasch seien zur Belehrung gar nichts nütze, „er wolle der Gemeinde das lebendige Wort Gottes bringen" u. s. w. Doch ist G. s. D. die Partei des Herrn vr. Stein sehr gering und besteht bloß aus 3 Personen, die zwar vielvermögend, aber sämmtlich unzuverlässig sind. Mir diese» „Thesen" nun glaubte er, sich eine Partei zu schaffen, wobei er sich jedoch gar sehr verrechnet hat. Die Elemente zu einer solchen Alles nivellirenden Partei mit pie-

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