Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1864)
- Date
- 1864-05-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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260 ler Schwankenden, beiträgt, her «ns vernichten sollte, aber nur dazu beitragen wird, uns M kräftigen und die Reinheit und Heiligkeit unserer Absichten, andererseits aber auch die Nothwendigkeit des energischen Kampfes ins hellste Licht zu stellen. Wir lasten deßhalb diesen Artikel wörtlich abdrucken, um ihn nachher zu besprechen: „Jüdischer Ultramorrtarrismus. Nur nach langem Zögern und nicht ohne Widerstreben mengen wir uns ein wenig in den wunderlichen Disput, den vor wenigen Monaten ein vor den Schranken des Wiener Landesgerichtes durchgeführter Proceß confessionellen Charakters heraufbeschwor. Zwei hervorragende jüdische Seelsorger haben etwa vor vier Monaten vor Gericht bezeugt, das Judenthum als solches kenne keine Secten, und der Glaube an die dereinstige Ankunft eines Messias, mit Allem was, drum und dran ist, sei beileibe kein Dogma. Da jagen mit einemmale hinter jenen beiden Seelsorgern hundert und so viele jüdische Zeloten einher, zusammengetrommelt von irgend einem obscuren Rabbiner einer obscuren jüdischen Gemeinde Ungarns; sie schreien, lärmen und — prok'stiren! Man könnte glauben, es handle sich um eine zweite Wanderung durchs Rothe Meer oder um einen andern ähnlichen altbiblischen Actus, so groß ist der Lärm, so groß das Geschrei. Ist etwa der Juden Glauben in Gefahr? Droht ihnen Vernichtung oder Untergang? Nichts von alledem. Ruhig vielmehr, wie es einem Stamme wohl anstehl, der den Besitz so sehr zu schätzen weiß, genießt die weitaus überwiegende Mehrzahl der Angehörigen dieser Religions-Genossenschaft von den Segnungen des modernen Staatslebens und abendländischer Cultur jenen Theil, der den Juden bisher gewährt wurde; längst haben die Gefilde Kanaans für sie jenes Interesse verloren, das ihre Vorfahren so hoch hielten; von den Barrieren der Börsen tönen heute Klänge ganz anderer Art an ihr Ohr, als jene waren, die in der Vorzeit ihre Väter an den Ufern des Jordan vernahmen. Wol sind die humanen Traditionen ihrer Glaubenslehrer ihnen auch heute noch heilig; von dem Ritus aber, den ihre Väter ihnen vermachten, ist die abstoßende Dornenhecke zumeist gefallen, und wo sie noch aufrecht steht, wird sie fallen. Die resormatorischen Ideen von heute haben eben auch das Gebiet jüdischen Glaubens mächtig erfüllt, sie haben aber auch noch eine Partei zu überwinden, die mit allen Mitteln gegen die Neuerung kämpft, die in Folge festgewurzelten Vorurtheils an das Alte sich klammert, taub gegen die Lehren der Zeit, gegen die allbelebende Reform! An der Spitze dieser Partei fechten mit alttestamentarischer Zähigkeit die geistlichen Rathgeber einzelner jüdischer Landgemeinden, namentlich in Ungarn und Galizien, dre Rabbiner der jüdischen Orthodoxie. In den deutsch-slavischen Ländern wachsen ihre glaubenseifrigen Bäupre längst nicht mehr in den Himmel, dort ist ihr Einfluß glücklicherweise schon ein sehr beschränkter, eine Erscheinung, die um so natürlicher ist, als der jüdische Rabbiner seinen Posten der freien Wahl der Gemeinde-Mitglieder dankt, als es keine Behörde, sei es weltliche, sei es geistliche, gibt, die einer Gemeinde einen Seelsorger octroyiren könnte, und als überdies dem jüdischen Glauben thatsächlich jede religiöse Hierarchie, auch jede geistliche Exekutivgewalt fremd ist. Die Juden in Ungarn und Galizien sind leider noch nicht so weit. Dort gelingt es noch übereifrigen Rabbinern, die Gemeinden am Gängelbande ihres Fanatismus zu führen, dort gelingt es ihnen wol auch noch, ihre Glaubensgenossen durch Strafandrohungen, denen von vornherein jede Konsequenz fehlt, einzuschüchtern und von jeglicher Reformbestrebung fernzuhalten. Aus dem Geschlechts dieser jüdischen Ultramontanen recrutirte sich nun jene Clique von hundert und so viel Rabbinern, die aus Anlaß der oben erwähnten Negation der Messias-Idee lärmenden Protest erhoben, und mit widerlichem Geschrei ein jüdisches Schisma, eine Separation der Orthodoxen von den Neologen, oder wie diese angeblichen Fractionen wol sonst heißen mögen, proclamiren. Wen gemahnt dieses Poltern nicht an das Zeloten-Prototyp, das ein aus dem Judenthume hervorgegangener deutscher Dichter so köstlich in Rabbi Juda dem Navarrer gezeichnet hat, dem Uebereifrigen, den die Negation des „Tausves- Jontof" von Seite seines Gegners in der Aula zu Toledo plötzlich rappelköpfig macht? Wir haben nicht Luft, uns an der jüngsten Wiederholung jener „Disputation" irgendwie zu betheiligen, dem talmudischtheologischen Krimskrams wollen wir einfür allemal ferne bleiben, ja wir haben sogar wenig dagegen einzuwenden, wenn die Uebereifrigen als die letzten Epigonen derer, die weiland aus Egypten zogen, ihrem Messiasglauben auch ferner treubleiben und sich in und mit ihm selig wähnen. Wir hätten sie in ihrer messianischen Phantasie, getreu dem Systeme, daß derlei durch allgemeines Jgnoriren am radikalsten curirt wird, auch gar nicht gestört, wenn sie ihren talmudisch-theologischen Brei unter einander gekocht und verspeist hätten. Die jüdischen Ultramontanen, von denen wir reden, finden es jedoch räthlich, die famose Affaire an die große Glocke zu hängen, sie, die sonst gar so gern Alles im Stillen abmachen, gehen nun sogar soweit, die Hilfe des weltlichen Armes, die Intervention der Staatspolizei, anznrufen. Die wohllöbliche Polizei wird um ihre Vermittlung als Gewissens-Curator gebeten, und