Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 16-17 (20.4.1864)
- Date
- 1864-04-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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210 stimmung untreu gewordenen Brüder so gerne machen, daß wir in einer längst entschwundenen Vergangenheit fußen, einer fernen Zukunft harren, und darob der Gegenwart und aller ihrer drängenden und mahnenden Anforderungen vergessen? „Die Armen/ sprechen sie, indem sie von ihren erträumten Höhen mitleidsvoll auf uns herabschauen, „die Armen verstehen die Zeit nicht und nicht den Geist der Zeit, haften am längst Vergangenen, glauben nahe eine nie erscheinende Zukunft — wir aber, wir beherrschen die Gegenwart, leben in der Gegenwart, genießen die Gegenwart. O, wer doch die schöne Gegenwart so ganz genießen könnte, unbekümmert um die Erinnerungen an die Vergangenheit, ungetrübt durch den Gedanken an die Zukunft. Leben wir doch jetzt, so laßt uns jetzt genießen!" — So genießt doch euer Jetzt, glaubt nur, ihr könntet so ohne Weiteres brechen mit der Vergangenheit unseres Volkes, euch lossagen von seiner Zukunft — aber euer „Jetzt" ist nur ein flüchtiger, unfaßbarer Augenblick, der vor dem Worte „ewig" versch oindet. Wir aber wollen den uns gemachten Vorwurf näher ins Auge fasten und seine Berechtigung erforschen, wollen sehen, ob wir denn wirklich so verstockte Thoren sind, die die Gegenwart nicht begreifen können oder wollen. Unser Führer bei dieser Untersuchung der wahrhaften Berechtigung der Gegenwart gegenüber der Vergangenheit und Zukunft sei das Wörtchen ix, das da an oie Spitze des Israels Errettung begrüßenden Jubelliedes gestellt ist. — In das Wörtchen ix ist eins der Geheimniste unserer heiligen Sprache niedergelegt, ein Geheimniß, besten Eröffnung, Anerkennung und Befolgung die Welt durchleuchten, die Menschenbrust erfüllen, den Menschengeist erheben kann. In keiner andern Sprache gibt es ein Wort, das denselben Begriff in sich berge — wir übersetzen es bald durch „damals", bald durch „dann", ohne jemals die in ihm ruhende Wahrheit ausdrücken zu können. Unsere Weisen werden uns diese Wahrheit enthüllen, dieses Räthsel lösen lehren; sie bemerken im Midrasch zu den Anfangsworten der Schirah: 22!2X ix /21.2 ix; X2b 2'^pb ix L"i 22Mb ix v" ,M12' 222' IX ,'X2L" 2'L?' IX ,2W!2 2'L7' IX ,2'Q2;r>2 IX .22PL?i> ls?x '2.1 — .2Qb^ 2OX IX ,212 , 22X IX IX ,121X 22L72 PP2' IX ,r>22U 'X2'5> 1X1X2^ 2'11p!? ,.2dUl2 NVL'll IX ,O'21P ,-U2PLci IX ,2O2 V'X2 )>2' .X2^ 2'51pV idX '2.2 —!2'1)2 12QX' IX ,1^'O P1I2L? X^Q' IX „Bald bezeichnet das Wörtchen ix die Vergangenheit und bald die Zukunft: „damals ward entweiht, damals sprach sie: ein blutiger Anverwandter, damals sang Mofcheh, damals sang Israel, damals redete Josua, damals sprach David, damals sprach Schelomoh"" — in allen diesen Fällen bezeichnet es die Vergangenheit. — Doch manchmal bezeichnet es die Zukunft: „„dann wirst du dich fürchte»*) und überströmt dich fühlen, dann wird nnbrechen wie Morgenroth dein Licht, dann wird hüpfeßi wie ein Hirsch der Lahme, dann werden geöffnet werden die Augen der Blinden, dann wird sich freuen die Jungfrau, dann wird sich füllen mit Lächeln unser Mund, dann wird man sprechen unter den Völkern —"" an allen diesen Stellen bezeichnet es die Zukunft — Das Wörtchen ix also bezeichnet ebenso Vergangenheit wie Zukunft, birgt in sich Vergangenheit und Zukunft. Was die Vergangenheit ist und die Zukunft, brauchen wir nicht zu erklären, was aber, was ist die Gegenwart? Wohl Wenige haben darüber nachgedacht, was wir eigentlich Gegenwart zu nennen berechtigt sind. Noch ehe wir den Begriff denken, gehört er der Zukunft an, fobald wir ihn gedacht haben, der Vergangenheit, wo ist da die Gegenwart? Sie ist ein unheilbarer Moment, ein unfaßbarer Augenblick — noch nicht da und schon wieder vergangen! Und doch beruht auf der Gegenwart unser Leben, ist sie der Schauplatz unferer Thaten. Ach, gerade daher kommt es, daß in der Welt herrscht soviel der Verwirrung, soviel des Trüben und Schlechten, weil den meisten Menschen die Gegenwart ein unerschlostenes Räthsel ist, weil sie zu genießen wähnen, wo nur Flüchtiges ihnen geboten wird, weil sie den verschwindenden Augenblick für etwas Ewiges halten, weil sie nicht wissen, was uns das Wörtchen ix offenbart, daß nämlich die gegenwärtige Zeit nichts Anderes ist als das Ergebniß vergangener Tage und daß sie wiederum in ihrem Schooße birgt die herannahende Zukunft, daß wenn die Gegenwart würdig mit Thaten ausgefüllt werden soll, sie zur Lehrerin nehmen muß die Vergangenheit und zum Zielpunkte die Zukunft; — wie das geschehe zeige uns der Midrasch durch die von ihm angeführten Belegstellen. I. Doppelten Ursprunges ist der Mensch; sein Körper gehört der Erde an, von der er genommen, und sein Geist ist ein Hauch des lebendigen Gottes, der ihn gegeben. Daher wird der Mensch immer abwärts gezogen zu seiner Mutter Erde und immer aufwärts getrieben zu seinem Vater im Himmel; dieser Kampf macht das eigentliche Leben des Menschen aus, da er im Menschen begründet ist. Siegt der Geist, so erhebt sich der Mensch zu Gott und ist glücklich und gut: siegt aber der irdische Trieb, dann sinkt der Mensch unter das Thier hinab und ist unglücklich und schlecht. Die an das Wörtchen ix geknüpften Stellen zeigen uns diesen Kampf durch alle Geschlechter hindurch, stellen uns die Mittel zum Siege dar, wie sie erkämpft und wieder verloren wurden, wie selbst trotz desVer- *) Nach Aben Esra.