Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1864)
- Date
- 1864-04-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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198 „Wo geht die Sonne bei Euch auf?" frug Benaja. — „Im Westen," antwortete der Mann, „und im Osten geht sie unter." — „Betet Ihr?" — „Wohl!" antwortete der Zweiköpfige. — „Und worin besteht Euer Gebet?" — „Wie viel sind deiner Werke, Herr! sie all hast du mit Weisheit angeordnet." — „Wenn du es wünschest," sagte Benaja jetzt, „so bringen wir dich an deinen Ort zurück." — „Habet die Güte," sagte der Mann, „und bringt mich zurück." — Sogleich rief der König Aschmedai und sprach zu ihm: „Gehe und führe den Mann an seinen Ort zurück!" — „Ich kann," antwortete Aschmedai, „ihn nie mehr an seinen Ort zurückbringen." — Als der Mann das sah, nahm er eine Frau, und sie gebar ihm sieben Söhne; sechs in der Gestalt der Mutter, mit einem Kopfe, und einen in der Gestalt des Vaters, mit zwei Köpfen. — Der Mann war thätig, ackerte und erndtete und ward ein sehr reicher Mann. Endlich starb der Mann und hinterließ seinen Söhnen ein reiches Erbe. Die sechs sagten nun: „Wir sind sieben, die wir uns in das Vermögen unseres Vaters zu Lheilen haben." Der zweiköpfige Sohn indeß sagte : „Wir sind acht, und mir gebühren an der Erbschaft des Vaters zwel Theile." — Sie kamen daher sämmtlich vor Salomo und sprachen: „Herr und König! wir sind sieben Brüder; doch unser Bruder hier, der zweiköpfige, sagt, wir seien acht, und will, daß das Vermögen unsres Vaters in acht Theile getheilt werde, damit er zwei Theile nehme." — Salomo wußte nicht gleich Bescheid zu geben und berief seinen Rath, das Synhedrin, und sprach: „Was ist eure Meinung in dieser Sache?" — Das Synhedrin wagte nicht zu sagen, es sei nur ein Mann, es möchten doch zwei sein, und schwieg. — „Morgen werde ich ein Urtheil fällen," sagte Salomo. — In der Mitte der Nacht ging er in den Tempel und trat in Gebet vor Gott und sprach: „Herr der Welt! Als du dich mir offenbartest zu Gibeon und zu mir sagtest: Fordere, was ich soll dir geben? da forderte ich von dir nicht Silber und nicht Gold, sondern Weisheit, um die Menschenkinder in Gerechtigkeit zu richten." — „Dir wird mit dem Morgen Weisheit zu Theil werden," antwortete der Herr. — Am Morgen berief Salomo abermals das Spnhedrin und sprach, als sämmtliche Räthe versammelt waren; „Bringt mir den Mann mit zwei Köpfen!" — Man brachte ihn. — „Habt Acht!" sagte Salomo, „wenn der eine Kopf empfindet, was ich dem andern thue, so ists nur ein Mann; wo nicht, sind es zwei Männer." — Nun befahl Salomo, ihm heißes Wasser, heißen alten Wein und linnene Gewänder zu bringen; man that so. Salomo ließ jetzt den Mann in dis dünnen Gewänder kleiden, auf sein Angesicht legen und mit dem heißen Wasser und Wein besprengen. „O Herr und König!" riefen die beiden Köpfe zugleich, „wir sterben! wir sterben! wir sind nur Einer, nicht zwei!" — „Ei," sagte Salomo, „habt ihr mir doch vorher gesagt: Wir sind zwei!" — Israel aber, welches den Bescheid des Königs vernahm, ward von Achtung und Ehrfurcht gegen seinen König erfüllt, und darum heißt es auch von ihm: „Er war weiser als alle Menschen." Herrn de Saulcy's Ausgrabungen in Jerusalem. Der Senator de Saulcy, Mitglied des französisischen Instituts, und der Abbä Michon sind von einer langen und fruchtreichen Expedition in Palästina und dem Iransjordanischen Arabien auf der Rückreise nach Frankreich begriffen. Sie haben ihren Freund und Mitarbeiter, Herrn Aug. Salzmann, der seine Ausgrabungen in Kamiros fortsetzt, auf Rhodos zurückgelassen. Sie waren im Stande, mit vollständiger Freiheit die innere Ringmauer des Salomonischen Tempels, welche bisher nur einige wenige Reisende heimlicher Weise besuchten, in den Bereich ihrer Forschungen zu ziehen, Gerüste zu erbauen und Abdrücke zu nehmen, und die der Feuersbrunst, welche den Tempel bei der Einnahme Jerusalems durch Titus zerstörte, engangenen kostbaren Ueberreste der Salomonischen Architektur zu zeichnen. Die wichtigste dieser Arbeiten aber ist die Ausgrabung und vollständige Aufdeckung der unter dem Namen ^,Grab der Könige" bekannten umfangreichen Nekropole. Das Sühne- Denkmal. welches der König Herodes auf diesen Gräbern hatte errichten lasten, nachdem sie entweiht worden waren, um die darin enthaltenen Schätze zu rauben, ward, inmitten der Trümmer, die den Haupteingang versperrten, wieder aufgefunden. Außerdem ha- *) Wir haben zwar über die Ausgrabungen de Saulcy's berichtet, indem wir die gereckte Entrüstung unserer Glaubensgenossen über die Rücksichtslosigkeit schilderten, mit welcher dieser Gelehrte gegen heilige Gräber zu Werke gegangen, glauben jedoch unfern Lesern nicht vorenthalten zu dürfen, was nach einem Berichte der Augsb. Mg. Zeitung aus Rhodus über die Resultate dieser archäologischen Expedition bekannt geworden ist. Die Red.